Mit diesem Artikel lade ich dich ein, laut und inbrünstig zu schreien!
„Hä, Kathy – ich dachte, wir wollen eine Erziehung ohne Schreien?!“, denkst du vielleicht.
Tja, manchmal kochen die Gefühle halt über. Und Schreien und Gewaltfreie Kommunikation passen sehr wohl zusammen – wenn die Haltung stimmt.
Deshalb erkläre ich dir hier den Unterschied zwischen dem Wolfsschrei und dem Giraffenschrei. Und ich lasse dir auch einen Tipp da, wie du damit umgehen kannst, wenn der Wolf bei dir rauskommt.
Die wichtigsten Infos zusammengefasst:
Schreien und Gewaltfreie Kommunikation passen zusammen!
Alle Gefühle dürfen da sein: auch Wut, Zorn, Angst oder Überforderung.
Entscheidend ist, ob du im Wolfsschrei verurteilst oder im Giraffenschrei bei dir und deinen Bedürfnissen bleibst.
Der Wolfsschrei greift an und lenkt von eigenen Gefühlen und Bedürfnissen ab.
Der Giraffenschrei übernimmt Verantwortung: Er macht Gefühle und Bedürfnisse sichtbar, ohne andere dafür verantwortlich zu machen.
Wenn der Wolf aus dir heraus schreit, übernimm Verantwortung dafür.
Der Unterschied: Wolfsschrei vs. Giraffenschrei
Wir fangen an bei den Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Marshall Rosenberg hat zwei Symbole gewählt, die einerseits die Machtsprache voller Gewalt und andererseits die gewaltfreie Herzenssprache widerspiegeln. Und das sind einmal der Wolf für Machtmissbrauch, Verurteilung, Interpretation, Bestrafung, Belohnung, Ablenkung, Manipulation und so weiter … Und dann gibt es die Giraffe als Symbol für die Sprache mit dem offenen Herzen, für Empathie, für Sprache auf Augenhöhe, für Sprache in Verbindung statt im Machtkampf.
Der Wolfsschrei
Der Wolfsschrei ist eine verbale Attacke. Er will Schuld zuweisen und von sich ablenken. Er kommt, wenn du so richtig wütend bist. Es bricht einfach aus dir raus. Du verurteilst dein Gegenüber. Du kotzt so richtig ab. In der Wolfssprache bist du voll im Kampf, sowohl von deiner Haltung her als auch mit den Worten, die du benutzt. Du sagst so Sachen wie „Du bist schuld!“, „Ich weiß es besser!“, „Ich bin richtig, du bist falsch!“. Anschuldigungen und moralische Urteile also.
Der Giraffenschrei
Der Giraffenschrei kann genau so laut sein wie der Wolfsschrei und genau so viel Nachdruck haben. Nur: Im Giraffenschrei bist du DU. Du bist bei dir und bleibst bei dir. Du schreist ebenfalls, doch du bist in der Haltung der Gewaltfreien Kommunikation. Das heißt: Du verurteilst niemanden. Du weißt, dass jede:r gerade das ihm oder ihr einzig Mögliche tut. Und du weißt, dass jede:r mit seinem Verhalten versucht, sich um sich zu kümmern: sich ein Bedürfnis zu erfüllen. Du weißt, dass dein Gegenüber keineswegs gegen dich ist, sondern immer für sich. Du weißt, dass das Verhalten einer anderen Person bei dir Gefühle auslösen kann und dass hinter deinen Gefühlen Bedürfnisse stecken. Bei unangenehmen Gefühlen sind das unerfüllte Bedürfnisse, um die du dich kümmern darfst – keineswegs ist dein Gegenüber dafür verantwortlich. Du bist empathisch: dir selbst und der anderen Person gegenüber und sagst etwa Dinge wie: „Ich bin gerade so wütend! Ich brauche Unterstützung!“
Der Giraffenschrei ist insofern so was wie die laute Version wertschätzender Kommunikation.
Es kommt auf die Haltung an!
Die Haltung ist also elementar wichtig. Die brauche ich als allererstes von dir. Du fängst in deinem Inneren an: Wie blickst du auf dich und wie blickst du auf die Menschen um dich herum? Und das verknüpfst du dann mit den entsprechenden Worten.
Sonderform des Schreiens: Der Schrei nach innen
Sowohl der Giraffenschrei als auch der Wolfsschrei können auch nach innen gehen, also gegen dich selbst gerichtet. Für den Wolfsschrei wäre das zum Beispiel so was wie:
- „Oh Mann – ich habe schon wieder versagt!“
- „Ich kriege es einfach nicht geregelt!“
- „Ich bin einfach eine absolute Loserin!“
- „War ja klar, dass ich das nicht schaffe!“
Und der Giraffenschrei wäre dagegen beispielsweise: „Oh Mann, ich bin echt gerade traurig, wie es gelaufen ist, weil mir Zuverlässigkeit wichtig ist!“ Oder Verantwortung, Liebe, Aufrichtigkeit, Authentizität … was auch immer.
Das heißt:
Auch dir selbst gegenüber hast du die Wahl – willst du dich verurteilen wie ein Wolf oder dir mit der Haltung der Giraffe begegnen?
Warum Schreien enttabuisiert werden sollte
Keine Ahnung, wie es bei dir ist … Ich jedenfalls habe in meiner Kindheit gelernt, dass man nicht schreit. Ich habe den Eindruck, dass ich damit keineswegs allein bin. Sondern dass das so eine Art ungeschriebenes Gesetz ist. Die meisten Menschen durften nie schreien. Sie durften ihre Gefühle nie äußern, hatten sie immer zu unterdrücken, wurden verurteilt. Um ihre Gefühle und Bedürfnisse ging es selten bis nie.
Nur:
In der Gewaltfreien Kommunikation gehen wir davon aus, dass alle Gefühle „erlaubt“ sind. Alle Gefühle dürfen sein und Raum bekommen! Und für manche Gefühle wie beispielsweise Zorn, Wut, Überforderung, Angst, Ohnmacht braucht es eine andere Form des Sprechens, als wenn ich glücklich, zufrieden, friedvoll, entspannt oder vergnügt bin.
Gewaltfreie Kommunikation ist kein Ringelpiez mit Anfassen. Wir leben keineswegs immer in Harmonie miteinander. Im Gegenteil: Wir brauchen Konflikte – auch und gerade in einer bedürfnisorientierten Elternschaft! Die Frage ist nur: Wie leben wir die Konflikte? Im Machtkampf mit dem Wolfsschrei oder in Verbindung mit dem Giraffenschrei? Und wenn da Situationen sind, in denen eine:r oder mehrere wütend sind, dann darf das auch entsprechend aus deinem Körper rauskommen.
Ich bin auch ein Riesenfan davon, Wörter zu benutzen wie „Scheiße!“, „Fuck!“, „Es kotzt mich an!“ oder „Ich kann nicht mehr!“. Das darf ja alles raus.
Also ich finde es schwierig, wenn grundsätzlich gesagt wird, „man darf nicht schreien“. Dann passiert nämlich Folgendes: Du bist zwar im Giraffenschrei, wirst jedoch für dein Schreien verurteilt: „So redest du nicht mit mir!“, „Du hast mich nicht anzuschreien!“, „Ich verbitte mir diesen Tonfall!“ und so was.
Denn dann fällt das, worum es eigentlich ging, unter den Tisch. Es geht nur noch darum, dass du geschrien hast. Dann hast du zwar im Giraffenschrei in Verbindung mit dir selbst geschrien, doch damit kommst du keineswegs automatisch mit deinem Gegenüber in Verbindung. Weil dein Gegenüber total im Kampf ist und sich von deinem Schreien angegriffen fühlt. Und der Grund ist wahrscheinlich, dass diejenige Person nie schreien durfte und dass „man so nicht sprechen darf“.
Ich erlaube dir, zu schreien (falls dir das hilft, dass ich es dir erlaube). Ich lade dich sogar dazu ein. Ich möchte nur, dass du Verantwortung für dein Schreien übernimmst und dich für den Giraffenschrei entscheidest statt für den Wolfsschrei.
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Gefühle mit Bedürfnissen verknüpfen ist für den Giraffenschrei ungemein wichtig. Und gleichzeitig kann das gerade in stressigen Situationen ganz schön herausfordernd sein. Wenn du mehr Unterstützung dabei brauchst, lege ich dir meinen Bedürfnisübersetzer ans Herz. Dieses E-Book bekommst du für genau 0 € von mir in dein Postfach geliefert.

So bleibst du in der Verbindung: fünf praktische Alltagstipps
1. Wenn du schreist: Bleib beim „Ich“ statt beim „Du“
Wie geht das denn jetzt genau mit dem Wolfsschrei und dem Giraffenschrei? Ich mache dir mal ein paar Beispiele zur Unterscheidung. Der Wolfsschrei klingt etwa so:
- „Du bist so anstrengend!“
- „Du nervst mich!“
- „Du kotzt mich so an!“
- „Du machst überhaupt nicht mit!“
- „Mach doch, was du willst!“
Und da sind wir sehr viel im „Du“. Wir beurteilen und verurteilen und geben die Verantwortung ab.
Der Giraffenschrei dagegen verknüpft Gefühle mit Bedürfnissen. Und das klingt dann zum Beispiel so: „Ich bin komplett überfordert, weil ich dich verstehen will!” Und wenn das einmal raus ist, könntest du ergänzen: “Dabei brauche ich Unterstützung. Ich kümmere mich darum und finde eine Lösung.“
Noch ein Beispiel …
Der Wolf schreit: „Ey, es reicht mir jetzt! Wie kann man nur so faul sein? Räum jetzt sofort den Teller ab! Oh Mann!“ Die Giraffe sagt: „Ich kann nicht mehr! Ich brauche dringend Unterstützung beim Tisch abräumen!”
Dann kann das Kind ja trotzdem „nein“ sagen. Und dann kannst du sagen: „Scheiße noch mal! Ich brauche Unterstützung! Ich kümmere mich jetzt um mich, indem ich den Teller stehenlasse.“ Das ist übrigens eine supergute Übung für Selbstfürsorge im Alltag.
2. Wenn es zu viel wird: Geh aus der Situation raus und kümmere dich um dich
Du kannst auch erstmal sagen: „Stopp. Ich kümmere mich jetzt um mich und ich gehe raus aus der Situation!“ Nur: Du hast ganz klar gesagt, was los ist, und dass du die Verantwortung dafür übernimmst.
Das finde ich gerade in der Eltern-Kind-Beziehung total wertvoll. Denn dein Kind checkt dann sofort: „Aha, bei Mama/Papa ist gerade was los. Was braucht er/sie? Ich sehe: Er/sie kümmert sich um sich. Ich bin also raus aus der Verantwortung.“
Gleichzeitig – wenn du häufig in ähnlichen Situationen Überforderung spürst und dich immer wieder getriggert fühlst mit starken Gefühlen und allem Pipapo, lohnt es sich für dich, da genauer hinzuschauen. Wahrscheinlich steckt ein Inneres-Kind-Thema dahinter. Dazu habe ich in meinem Vlog eine Folge, die dich weiterbringen kann: Aussöhnung mit dem inneren Kind: Warum du bei deinem Kind so heftig reagierst.
3. Wenn du überfordert bist: Du brauchst keine Sofort-Lösung
Es geht auch keineswegs immer darum, dass sofort eine Lösung gefunden wird, sondern darum, dass die Gefühle raus dürfen und dass du Verantwortung für deine unerfüllten Bedürfnisse übernimmst, die bei dir dahinter stecken.
Du kannst auch sagen: „Oh Mann, ey, es kotzt mich gerade so an! Ich weiß überhaupt nicht weiter!“ Das heißt, du bist überfordert. Hast keine Ahnung, was du brauchst. Du brauchst keineswegs immer sofort zu wissen, was los ist. Nur: Bleib bei dir, kümmere dich um dich, und geh weg vom „Du“. Und dann bist du schon sehr in der Verantwortung und raus aus der Verurteilung.
Du kümmerst dich. Du übernimmst die Verantwortung. Und du kannst auch alles im Griff haben, selbst wenn du dir in dem Moment gerade völlig darüber im Unklaren bist, wie es geht.
4. Wenn der Wolfsschrei aus dir rauskommt: Übernimm Verantwortung
Ich würde sagen, dass ich den Giraffenschrei zu 99,9 % in mein Leben übernommen habe. Doch es gibt noch so 0,1 %, wo der Wolf bei mir rauskommt. Nie mit meinen Kindern, eher so im Außen. Ja, und manchmal kommt der raus.
Und ich weiß: Ich gebe (wie jeder Mensch) in jedem Moment mein einzig Mögliches. Wenn das in einer bestimmten Situation eben der Wolf ist, dann kann ich unzufrieden damit sein, Verantwortung dafür übernehmen und das bedauern. Das heißt: Ich habe den Arsch in der Hose, mir selber und gerne auch anderen gegenüber zu bedauern, was ich gesagt habe und wie ich es gesagt habe. Und dann benenne ich die Bedürfnisse, die da unerfüllt geblieben sind: „… weil mir Verbindung/Liebe/Ehrlichkeit/Respekt wichtig ist.“
So kannst du es auch machen, wenn der Wolf mal aus dir rausbrüllt. Entschuldigen brauchst du dich keineswegs – denn es gibt keine Schuld, keine:n Schuldige:n, kein Richtig oder Falsch. Sondern du bedauerst es, und das kannst du auch dir selber gegenüber machen. Denn wenn du mit dir selber sehr ins Gericht gegangen bist, dich verurteilt hast, dann kannst du bedauern, in welchem Zustand du dich gerade befindest. Und du wirst dich um dich kümmern und gucken, was dir helfen kann, dass du in die Selbstverantwortung und in die Selbstliebe kommst.
5. Wenn du für dein Schreien verurteilt wirst: Bleib bei dir
Kürzlich war bei mir im Leben eine Situation, die mich richtig wütend gemacht hat. Und ich habe geschrien. Giraffenschrei, versteht sich. Nur: Die andere Person fühlte sich durch mein Schreien total angegriffen. Und das hat mich richtig angekotzt, weil ich mir dachte: „Ich bin gut so, wie ich bin, und ich darf auch mal sauer sein. Ich habe keineswegs immer die perfekte Kathy zu sein.“
Ich habe dann noch mal bei mir hinterfragt, was genau ich geschrien habe, und ich war fein damit. Ich habe ja keineswegs gesagt: „Du blöde Kuh! Scheißkuh! Warum hast du das gemacht? Nie kriegst du was auf die Reihe! Du hast mich tierisch enttäuscht!“ Sondern ich fand es in Ordnung, was ich geschrien habe. Und dann darf mein Gegenüber mich halt auch scheiße finden. Da darf ich drüberstehen. Das Wichtigste ist, dass ich weiß, dass ich okay bin.
Das heißt: Wenn sich jemand durch deinen Giraffenschrei angegriffen fühlt, darfst du das bei der anderen Person lassen. Natürlich könntest du irgendwann noch hingehen und fragen: „Mensch, das war schwierig für dich mit meinem Tonfall, oder?“ und dann könntet ihr in den Austausch kommen. Das wäre so wertvoll: Wenn sich dadurch immer mehr Menschen gegenseitig erlauben, zu schreien, statt sich für den Tonfall zu verurteilen.
Bonus: Vereinbart ein Codewort
Ihr könnt für euch in der Familie ein Codewort vereinbaren. Denn grundsätzlich wollen wahrscheinlich alle den Giraffenschrei lernen und das für sich ausprobieren. Nur: Das braucht ja Zeit.
Und wenn jemand in der Familie in den Wolf rutscht, was ja passieren kann, dann hilft ein Codewort, was die anderen sagen können als Einladung: „Hey, wir wollten doch den Giraffenschrei.“
Das Codewort könnte zum Beispiel „Giraffe“ sein. Bei uns lautet das Codewort „Liebe“. Das kannst du gemeinsam mit den Kindern gestalten.
Fazit
Der Giraffenschrei ist Übungssache. Jedes Mal, wenn du ihn ganz bewusst genutzt hast – feiere! Sag dir: „Ich feiere, wie ich gerade geschrien habe, weil mir Verbindung wichtig ist.“ Du feierst also, was du gesagt hast, wie du etwas gesagt hast und verknüpfst es mit einem erfüllten Bedürfnis.
So zeigst du deinen Kindern auch, wie du mit starken Gefühlen umgehst: wie du so schreien kannst, dass alles und alle heile bleiben, und wie du Verantwortung für dich übernimmst.
Und genauso kannst du ihnen zeigen, was passiert, wenn es mal misslingt: dass du es bedauerst, Verantwortung übernimmst und weiter lernst und wächst. Genau so lernen deine Kinder, dass starke Gefühle in Ordnung sind.
Herzensletter
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