Ihr sitzt beim Abendbrot und du möchtest etwas aus der Welt deines Kindes erfahren. Vielleicht klingt das bei euch dann etwa so:
- „Wie war dein Tag?“ – „Gut.“
- „Was gibt’s Neues in der Schule?“ – „Nichts.“
Na, kennst du? Solche vermeintlichen Gespräche bringen weder wir noch deinem Kind etwas. Wenn du mit deinem Kind wirklich in den Austausch kommen möchtest, könnte stattdessen das Feiern und Bedauern etwas für dich sein. Es ist eines meiner absoluten Lieblingsrituale der GFK.
Beim Feiern und Bedauern geht es darum, gemeinsam den Tag und die Erfüllung unserer Bedürfnisse anzuschauen: Welche Bedürfnisse wurden heute erfüllt? Was ist anders gelaufen, als du es dir gewünscht hättest und welche Bedürfnisse sind dadurch unerfüllt geblieben? So teilt ihr euch gegenseitig mit, was ihr erlebt habt und worum ihr euch am Ende des Tages noch kümmern dürft. Das ist Verbindung pur!
In diesem Artikel zeige ich dir, wie ich dieses Ritual mit meinen Kindern lebe, wie du es in deinen Familienalltag integrieren kannst und warum es für eure Verbindung so wertvoll sein kann.
Die wichtigsten Infos zusammengefasst:
Feiern und Bedauern ist eine Einladung für Austausch und Verbindung: Ihr schaut gemeinsam auf den Tag und welche Bedürfnisse erfüllt worden beziehungsweise unerfüllt geblieben sind.
Das Ritual schafft Sicherheit: Eine gewisse Regelmäßigkeit schenkt eurem Familienalltag Struktur und Orientierung.
Bedauern ist etwas anderes, als sich zu entschuldigen. Guck auf die jeweilige Situation und versuche, das Bedürfnis zu verstehen, das du dir mit deinem Verhalten zu erfüllen versucht hast.
Was bedeutet Feiern und Bedauern in der Gewaltfreien Kommunikation?
Beim Feiern und Bedauern gucken wir zum Abschied jedes Tages auf die erfüllten und die unerfüllten Bedürfnisse und reflektieren: Was haben wir gemacht und welches Bedürfnis wurde dadurch erfüllt? Was gibt es zu bedauern bei den Dingen, die wir heute gemacht haben und welches Bedürfnis ist dadurch unerfüllt geblieben? Du erfährst so ganz viel darüber, was dein Kind am Tag erlebt hat. Daraus können Gespräche entstehen, gleichzeitig ist das keinesfalls ein „Muss“. Das ist alles freiwillig.
Ich empfehle einen festen Zeitpunkt und Regelmäßigkeit – also Wiederholung. Das gibt deinem Kind Sicherheit, dnn Rituale und Routine sind in meinem zertifizierten Erziehungs- und Beratungskonzept LilaLiebe® Unterbedürfnisse des Oberbedürfnisses nach Sicherheit.
Das Bedauern finde ich mindestens so wertvoll wie das Feiern. Denn hinter jedem Verhalten steckt ein Bedürfnis, das wir uns zu erfüllen versucht haben. Vielleicht haben wir das auf eine Art und Weise gemacht, die den Regeln der Gesellschaft zuwiderläuft oder die jemand anderen gestört hat. Dann kann ich das bedauern. Nur: Das Bedürfnis darf weiterhin erfüllt werden. Dafür darf ich dann andere Lösungen finden.
Wenn du außerdem wissen möchtest, warum Bedauern etwas anderes ist als die Entschuldigung (bei Kindern und Erwachsenen): Dazu gibt es in meinem Herzenslexikon einen eigenen Artikel für dich.
Warum Reflexion mit Kindern so wertvoll ist
Was sind denn eigentlich unsere Bedürfnisse, die erfüllten und die unerfüllten? Das dürfen wir immer wieder neu herausfinden. Und da sind unsere Gefühle die Wegweiser zu unseren Bedürfnissen. Das heißt: Wir dürfen die Gefühle erkennen lernen, damit wir die dahinterliegenden Bedürfnisse verstehen und anfangen können, sie uns zu erfüllen.
Um über Gefühle (und dann auch Bedürfnisse) überhaupt sprechen zu können, brauchen Kinder genauso wie wir Eltern einen entsprechenden Wortschatz. Das ist unser Gefühls- und Bedürfniswortschatz. Und den entwickelt dein Kind durch dich – dadurch, wie du mit ihm redest. Dein Kind hört, wie du Gefühle benennst, welche Wörter du benutzt, wie du sie erlebst. Und es lernt: Meine Gefühle sind völlig in Ordnung. Sie dürfen einfach da sein – auch die unangenehmen.
E-Book für 0€
Wenn du es herausfordernd findest, die erfüllten und unerfüllten Bedürfnisse hinter dem Verhalten deines Kindes zu verstehen, lege ich dir meinen Bedürfnisübersetzer ans Herz. Darin findest du konkrete Beispiele in Kindersprache und ganz viele Impulse, die du direkt in deinem Familienalltag umsetzen kannst – für noch mehr Verstehen und Verstandenwerden. Das Beste: Dieses E-Book bekommst du für haargenau 0 € von mir in dein Postfach geliefert.

Anleitung: Feiern und Bedauern in vier Schritten
Schritt 1: Einen festen Moment wählen
Ich empfehle fürs Feiern und Bedauern eine gewisse Regelmäßigkeit und einen festen Zeitpunkt im Tagesablauf. Das Frühstück ist dafür wahrscheinlich weniger geeignet, weil es da in der Regel Zeitdruck gibt. Bei uns ist es das Abendessen. Ihr könnt es genauso beim Zubettgehen machen.
Und auch wenn ihr keinen Zeitdruck habt: Macht es kurz. Wenige Minuten reichen völlig aus.
Damit dein Kind erstmal lernt, wie das mit dem Feiern und Bedauern denn geht, fängst am besten du an.
Schritt 2: Feiern – was hat heute gutgetan?
Und dann sagst du beispielsweise:
- „Ich feiere, dass ich heute meine Freundin angerufen habe, weil mir Austausch wichtig ist.“
- „Ich feiere, dass ich heute dieses Abendbrot gemacht habe, weil mir Genuss wichtig ist.“
Das heißt:
Du feierst etwas, das du gemacht hast, und nennst das erfüllte Bedürfnis dahinter.
Wenn dein Kind bisher wenig erfahren im Feiern und Bedauern ist, sagt es vielleicht so was wie: „Ich feiere, dass ich heute mit Petra gespielt habe.“ Und dann kannst du ergänzen: „Weil dir Spiel und Spaß wichtig ist?!“ Oder: „Weil dir Gemeinschaft wichtig ist?!“ Du ergänzt also das erfüllte Bedürfnis deines Kindes und benennst es. So wird dein Kind mit der Zeit lernen, es selbst zu sagen.
Schritt 3: Bedauern – welches Bedürfnis ist unerfüllt geblieben?
Beim Bedauern benennt ihr Dinge, die ihr gemacht habt, oder Situationen, die passiert sind, und bei denen (mindestens) ein Bedürfnis unerfüllt geblieben ist. Zum Beispiel:
- „Ich bedaure, dass ich heute die Brotdose vergessen habe, weil mir Zuverlässigkeit wichtig ist.“
- „Ich bedaure, wie ich heute Nachmittag mit dir gesprochen habe, weil mir unsere Verbindung wichtig ist.“
Und dein Kind wird vielleicht so etwas sagen wie: „Ich bedaure, dass Petra gesagt hat, dass sie nicht mehr mit mir spielen will.“ Und dann kannst du wieder das Bedürfnis ergänzen: „… weil dir Zugehörigkeit wichtig ist?!“
Schritt 4: Zuhören, ohne zu bewerten oder sofort zu lösen
Und dann lasst ihr das einfach so stehen, ohne Bewertung und ohne Verurteilung. Es braucht auch nichts geklärt zu werden. Es ist einfach wichtig, dass die Bedürfnisse auf den Tisch dürfen.
Und jeder kann so viel feiern und bedauern, wie er oder sie möchte. Ganz viel, ganz wenig, gar nicht – alles in Ordnung. Lass dein Kind freiwillig entscheiden. Und wenn dein Kind es ablehnt, mitzumachen: Du kannst ja für dich selbst entscheiden, zu feiern und zu bedauern – auch ohne, dass dein Kind mitmacht.
Feiern und Bedauern für jedes Alter
Fürs Feiern und Bedauern gibt es meiner Meinung nach keine Altersbeschränkung. Schon die ganz Kleinen können dabei sein und das Feiern und Bedauern als selbstverständliches Ritual in eurem Familienalltag kennenlernen.
Und dann wird dein Kind auch von Anfang an einen Gefühls- und Bedürfniswortschatz entwickeln. Falls du das ganz spielerisch unterstützen möchtest, bekommst du übrigens in meiner Podcast-Folge 5 Neujahrs-Quickys für dich und dein Kind. Teil 1 passende Spielvorschläge wie etwa das Pantomime-Ratespiel zu Gefühlen oder die Gefühlsuhr.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Tochter, als sie drei Jahre alt war und etwas über ihren Alltag im Kindergarten erzählt hat, worüber ich ohne unser abendliches Feiern und Bedauern wenig bis nichts erfahren hätte. Das fand ich unglaublich wertvoll.
Wenn du ein Teenagerkind hast, ist deine Herausforderung eventuell, dass dein Kind gerade gar keinen Bock auf gemeinsame Zeit mit der Familie zu haben scheint. Dann kannst du dir in Ruhe meine Artikel zu diesem Thema anschauen und dich selber immer wieder daran erinnern: Mitmachen ist freiwillig.
Wenn es (noch) nicht klappt: Typische Stolpersteine
- Kurz und lösungsorientiert: Kind hat keine Lust, Bedauern wird zur Beschwerde über andere, Eltern kommentieren oder belehren, das Ritual wirkt zu „verkopft“.
Feiern und Bedauern als Abschluss der Familienkonferenz
Sagte ich dir schon, dass Feiern und Bedauern mein GFK-Lieblingsritual ist? 😉 Wir schließen deshalb auch gern unsere Familienkonferenz mit einer kurzen Runde Feiern und Bedauern ab. Da ist dann nur gegebenenfalls der Fokus ein wenig anders als beim täglichen Ritual am Abendbrottisch.
Fazit: Euer Ritual für mehr Verbindung im Familienallta
Feiern und Bedauern ist für mich vor allem eine Einladung, in der Familie in Verbindung zu kommen und zu bleiben. Ihr braucht dafür weder viel Zeit noch intensive Vorbereitung oder „perfekte“ Formulierungen.
Fang am besten bei dir selbst an und schau, was passiert. Wenn dein Kind heute lieber zuhört, morgen begeistert mitmacht und übermorgen überhaupt keine Lust hat – dann darf das alles sein.
Das ist für mich gelebte GFK: Jede:r darf mit dem da sein, was gerade ist. Und ist gut so, wie er/sie ist.
Oft gestellte Fragen (FAQ)
Ab welchem Alter können Kinder beim Feiern und Bedauern mitmachen?
Einfach dabei sein können schon die ganz Kleinen. So lernen sie das Feiern und Bedauern ganz selbstverständlich als eines eurer Familienrituale kennen und entwickeln von Anfang an ihren Gefühls- und Bedürfniswortschatz.
Was, wenn mein Kind nur Negatives erzählt?
Wenn dein Kind beim Feiern und Bedauern vor allem über Bedürfnisse spricht, die unerfüllt geblieben sind, darf das genau so sein. Gib dem Raum – ohne etwas zu bewerten oder sofort nach Lösungen zu suchen.
Was ist der Unterschied zwischen Bedauern und Sich-Entschuldigen?
Beim Bedauern übernimmst du Verantwortung für dein Verhalten und schaust gleichzeitig auf das Bedürfnis, das du dir zu erfüllen versucht hast. Du gehst damit raus aus Schuld und (Selbst-)Verurteilung und rein ins Verstehen. Beim Entschuldigen dagegen geht es um Fragen wie: „Was ist richtig, was ist falsch?“ und „Wer hat etwas falsch gemacht?“ – also Schuld und Schuldzuweisungen. Davon wollen wir wegkommen.
Muss man Feiern und Bedauern jeden Tag machen?
Einen Scheiß musst du 😉 – Schluss mit Funktionieren sag ich zu allen „Du musst“-Sätzen! Gleichzeitig empfehle ich fürs Feiern und Bedauern einen festen Zeitpunkt und eine gewisse Regelmäßigkeit, damit sich das ritualisiert. Das schenkt deinem Kind Sicherheit, Struktur und Orientierung. So und so ist das ja alles immer freiwillig. Und wenn es gerade für euren Familienalltag unpassend ist oder niemand Bock hat – dann lasst ihr es einfach.
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Feiern und Bedauern ist ein Ritual, mit dem ihr im Familienalltag in Verbindung kommt und bleibt. Wie du mit deinem Kind auch dann in Verbindung bleibst, wenn es schwierig wird, erfährst du in meinem Webinar für 0 € „Wer nicht hören will, braucht Einfühlung“. Starte damit, wann immer es für dich passt.





