In der Pubertät verändert sich unfassbar viel – im Körper, im Kopf, im ganzen System. Und dann ist da auch das Thema Sexualität. Wenn es um die Sexualität deines Teenagerkindes geht, machst du dir vielleicht (wie die meisten Eltern) Sorgen:
- Angst, dass dein Kind zu früh Sex hat,
- Angst, dass dein Kind keinen Sex hat,
- Angst, dass Übergriffe stattfinden.
Denn du liebst dein Kind. Du möchtest, dass sein Körper unversehrt ist, dass es emotional gesund ist, dass es selbstbewusst ist und dass es voller Selbstliebe heranwachsen kann.
Wie kannst du dein Kind in seiner Sexualität begleiten, ohne seine Erfahrungen bestimmen zu wollen? Wie kannst du ihm Orientierung, Schutz und Sicherheit geben und gleichzeitig seine Autonomie achten? Darum geht’s in diesem Artikel.
Die wichtigsten Infos zusammengefasst:
Sexualität ist ein Bedürfnis: Dein Teenager darf lernen, eigene Wege zur Bedürfniserfüllung zu finden.
Aufklärung beginnt lange vor dem Teenageralter: Beantworte von Anfang an dem Entwicklungsstand entsprechend und auf Augenhöhe die Fragen deines Kindes zu Sexualität.
Deine Elterliche Führung schenkt deinem Teenager Orientierung: Jugendliche brauchen weiterhin Schutz und Grenzen – und gleichzeitig Raum für eigene Erfahrungen.
Körper und Grenzen gehören zusammen: Dein Kind darf wissen, dass es über seinen Körper selbst entscheidet. Lebe ihm diese Haltung vor.
Warum ist die sexuelle Aufklärung bei Jugendlichen überhaupt wichtig?
Sexualität ist ein Bedürfnis, das alle Menschen haben und das erfüllt werden darf – genauso wie alle anderen Bedürfnisse auch. Für die Erfüllung des Bedürfnisses Sexualität gibt es unterschiedliche Wege. Einer von vielen möglichen ist Sex mit Geschlechtsverkehr. Das heißt: Sexualität ist ein Bedürfnis; Sex ist eine mögliche Strategie zur Bedürfniserfüllung. Das dürfen Teenager lernen.
Wichtig ist auch, dass Teenager erfahren, dass mit der Haltung der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg niemand dafür verantwortlich ist, dass sich Bedürfnisse bei mir erfüllen. Menschen können freiwillig dazu beitragen. Doch egal, ob es um Sexualität oder ein anderes Bedürfnis geht: Die Bedürfniserfüllung ist unabhängig von einem bestimmten Menschen und einer bestimmten Handlung. Sie darf sich selbstwirksam, unabhängig und kreativ erfüllen.
Und wenn wir über Teenager sprechen, sind wir dann eben auch im Bereich der Autonomie: Teenager wollen selber machen, selber ausprobieren, selber Entscheidungen treffen und selber Erfahrungen sammeln. Sie wollen ihre Individualität entwickeln und herausfinden: Wer bin ich?
Gleichzeitig – wenn dein Teenagerkind in diesem Umbruch ist – braucht es (nach wie vor) deine Elterliche Führung. Dein Teenagerkind braucht Schutz und Grenzen. Wie du deine Elterliche Führung in Bezug auf das Thema Sexualität mit deinem Teenagerkind lebst – das schauen wir uns jetzt an.
Wie spreche ich mit meinem Teenager über Sexualität und Aufklärung?
Die sogenannte Aufklärung – ich meine damit das Sprechen über Sexualität – fängt keineswegs erst an, wenn dein Kind mit 14 vor dir steht und dir von seiner ersten Liebesbeziehung erzählt. Sondern du begleitest das schon viel früher und mit ganz kleinen Schritten – immer altersentsprechend auf Augenhöhe, versteht sich.
Und es geht keinesfalls darum, dass du deinem Kind irgendwelche Vorträge hältst. Sondern darum, dass ihr überhaupt über das Thema sprecht und ihr als Eltern auch (altersentsprechend) über eure eigene Sexualität redet.
Der erste Schritt ist die Begleitung deines Kindes im Kleinkindalter, wo es darum geht, dass dein Kind lernt, dass es selbst über seinen Körper bestimmen kann – und dass auch andere über ihren Körper selbst bestimmen.
Meiner Meinung nach fängt Aufklärung im engeren Sinne spätestens ab etwa neun Jahren an. Da brauchst du keineswegs sofort „alles“ erklären. Nur: Das Thema darf einen Platz finden und ihr dürft wegkommen von Scham und Tabus. Und du darfst die Führung übernehmen und das Thema auf den Tisch bringen – statt dass du einfach zuschaust, wie dein Kind da reinschlittert.
Das heißt: Ich brauche dich in deiner Elterlichen Haltung, dass du die Verantwortung übernimmst und deinem Kind erklärst, dass Sexualität ein Bedürfnis ist, das sich gemäß Marshall Rosenbergs Grundannahme wie alle anderen Bedürfnisse erfüllen darf. Und ihr dürft darüber sprechen, wie sich dieses Bedürfnis erfüllen kann, was im Körper passiert, was Geschlechtsverkehr bedeutet und was Selbstbefriedigung bedeutet. Und dass Sexualität keineswegs eins zu eins mit Geschlechtsverkehr gleichzusetzen ist. Erzähle immer wieder von dir – so, wie es passt und wie es dein Kind verträgt. Und biete immer wieder an, dass du die Fragen deines Kindes beantwortest.
Und zu Aufklärung gehört für mich auch, dass du mit deinem Kind darüber sprichst, dass Liebe und Sexualität unterschiedliche Dinge sind – dass sich Liebe durch ganz viele Handlungen erfüllen kann und eben auch unabhängig von Sexualität. Lade dein Kind ein, darüber zu reden, wodurch sich Liebe erfüllen kann: Was könnten andere tun, um dein Bedürfnis nach Liebe zu erfüllen? Wie erfüllst du dir selber Liebe? Was machst du für dich? Was machst du gern für andere, weil du versuchst, Liebe damit zu erfüllen?
Das heißt: Du darfst schon in den beiden ersten wichtigen Entwicklungsphasen deines Kindes (noch vor der Pubertät) einen Boden schaffen, auf dem dein Kind fest stehen kann, und dafür sorgen, dass es weiß, dass es dir alles erzählen kann und dass über alles gesprochen werden darf. Dass es „nein“ sagen darf. Dass es alles fragen darf. Dass es sich Unterstützung holen darf. Und dass es weiß, dass da jemand ist, der weiß, dass Sexualität ein Bedürfnis ist, der weiß, dass sein Körper sich gerade verändert und der sich darum kümmert, dass es sich damit auseinandersetzen kann und dass es erfährt, was es alles braucht, und der mit ihm gemeinsam herausfindet, was es alles für Möglichkeiten gibt. Das ist bedürfnisorientierte Erziehung.
Was tun, wenn mein Kind beim Thema Sex völlig abblockt?
Wenn dein Kind es ablehnt, mit dir über das Thema Sex zu sprechen, zeigt es dir damit, dass es gerade etwas anderes braucht. In der Pubertät ist Autonomie ein großes Thema: Dein Kind möchte selber Erfahrungen sammeln. Es könnte auch mit Freiheit, Individualität, Integrität oder Respekt zu tun haben.
Oder in eurer Familie wurde bisher kaum offen über Sex gesprochen. Wenn da Scham ist, wird es für dein Kind herausfordernd, das allein zu schaffen. Umso wichtiger ist es, dass du die Führung übernimmst und das Thema auf den Tisch bringst.
Ich sage immer: Wer Fragen stellt, kriegt Antworten. Und wenn dein Kind mit fünf Jahren anfängt, Fragen zum Themenbereich Sexualität zu stellen, dann wirst du eine Antwort darauf finden, die zum Entwicklungsstand deines Kindes passt. Verzichte dabei auf Märchen von Bienchen und Blümchen. So schaffst du die Grundlage für Gespräche auf Augenhöhe, die du auch in späteren Entwicklungsphasen haben willst.
Und wenn du den Eindruck hast, dein Teenager zieht sich zurück und lehnt es ab, mit dir über Sex zu sprechen: Respektiere den Rückzug deines Teenagers. Und bleibe gleichzeitig in deiner Elterlichen Führung. Du hast weiterhin die Verantwortung dafür, dass dein Kind Informationen bekommt und weiß, dass es mit seinen Fragen zu dir kommen kann. Nur: Lasse deinem Teenager den Raum und die Zeit, die er gerade braucht.
Wie gehe ich mit der Angst vor zu frühem erstem Mal um?
Viele Eltern neigen dazu, die eigenen Erfahrungen und die eigenen Ängste auf die Kinder zu projizieren. Lasse deine eigenen Themen bei dir! Wenn du dich fragst, warum du bei manchen Themen bei deinem Kind so heftig reagierst, interessiert dich vielleicht mein Vlog zur Aussöhnung mit dem Inneren Kind.
Jedenfalls hast du keineswegs zu entscheiden, wann dein Kind für den ersten Sex bereit ist. Und dein Kind wird Sex haben, wenn es in seinem Leben dran ist. Manche haben mit zwölf, manche mit 14 und andere mit 18 ihr erstes Mal. Und ich sage auch weder „schon“ noch „erst“. Sondern es ist, wie es ist, und viel wichtiger als das Alter ist, dass dein Kind weiß, dass es das mit dir besprechen kann.
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Aufklärung: 3 Tipps, wie du deinen Teenager begleiten kannst
Sprich mit deinem Kind über Schutz und Grenzen
Das Thema Schutz und Grenzen fängt ja keineswegs in der Pubertät an, sondern viel früher, indem du deinem Kind auch in den ersten beiden Entwicklungsphasen immer wieder klarmachst: „Das ist dein Körper und deine Entscheidung.“ Und auch, indem du deinem Kind das so vorlebst: „Stopp, das ist mein Körper. Finger weg. Ich möchte gefragt werden.“ Und wenn dein Kind im Laufe seiner Entwicklung solche Formulierungen mitnimmt und immer wieder hört, wird es sie übernehmen und das auch kapieren. Also wirklich verstehen, dass niemand über seinen Körper zu entscheiden hat.
Und dein Kind darf lernen, dass es nur Dinge macht, die es machen möchte. Das fängt schon an, wenn es darum geht, was ihr spielt. Dein Kind spielt nur das, bei dem es wirklich bereit ist, mitzuspielen. Und weil dein Kind an dir als Vorbild lernt, spielst auch du mit deinem Kind nur das, worauf du gerade wirklich Bock hast.
So lernt dein Kind von Anfang an: Das ist mein Körper, das ist meine Entscheidung. Dieses Wissen gibt ihm später auch in seiner Sexualität Orientierung und Sicherheit.
Nutze altersgerechte Medien für die Aufklärung von Teenagern
Wenn du beim Themen Aufklärung und beim Sprechen über Sexualität Unterstützung brauchst: Es gibt entsprechende Bücher – extra für Kinder und Jugendliche gemacht –, Reportagen und auch Podcasts für Teenager. Ich würde mir die Sachen nur immer vorher einmal anschauen beziehungsweise anhören. So kannst du prüfen, ob die Inhalte deinen Werten entsprechen, also deiner Integrität und deinem Respekt.
Begleite den Medienkonsum deines Kindes
Wahrscheinlich machst auch du dir Sorgen, dass dein Kind über sein Handy oder andere Medien Inhalte konsumiert, die deiner Meinung nach zu viel sind für dein Kind – auch bezüglich der Darstellung von Sex.
Du darfst von Anfang an deinem Kind dabei helfen, einen Umgang mit Medien zu finden, der ihm guttut. Und da guckst du individuell auf dein Kind – statt Medien zu tabuisieren oder zu verbieten oder dein Kind dafür zu verurteilen.
Für dein Teenagerkind (für uns Erwachsene übrigens auch) ist das Handy eine Strategie zur Bedürfniserfüllung. Und es will Erfahrungen sammeln. Deine Aufgabe ist es, dein Kind dabei zu unterstützen, einen bewussten Umgang mit dem Handy zu entwickeln: Wofür benutze ich das Handy? Welche Inhalte will ich mir reinziehen? Und wo setze ich für mich eine Grenze?
Ein bewusster Umgang entsteht über Jahre und das darf auch ausprobiert werden. Gleichzeitig braucht dein Kind Orientierung und deine Unterstützung, das zu schaffen. Und wenn du den Eindruck hast, dass dein Teenagerkind sein Handy so nutzt, dass es ihm schadet, dann dürft ihr da in den Austausch kommen – ohne Verurteilung und ohne Tabus.
Dann lernt dein Kind, dass es zu dir kommen kann und dir erzählen kann, was es konsumiert – ohne dass es Ärger bekommt und ohne dass das Handy direkt verboten wird. Das ist die Basis, die du in den ersten Entwicklungsphasen schafft und auf der ihr dann auch in der Pubertät offen kommunizieren könnt, wenn dein Kind etwas gesehen hat, was es verstört hat. Und wenn das passiert, dann schenkst du deinem Kind Empathie und ihr findet gemeinsam eine Lösung – statt dass du ausrastest und irgendwas verbietest. Denn dann ist es unwahrscheinlich, dass dein Kind nächstes Mal wieder zu dir kommt, wenn es etwas Verstörendes gesehen hat.
Mehr Infos zu Medienzeit bei Teenagern findest du in einem eigenen Artikel in meinem Herzenslexikon.
Fazit: Dein Teenager braucht dich – auch beim Thema Sexualität
Die Teenagerzeit ist das große Finale deiner Elternschaft. Begleite dein Kind dabei, ohne seine Erfahrungen bestimmen zu wollen. Deine Aufgabe ist es, deinem Teenager Orientierung, Schutz und Sicherheit zu schenken. Dein Kind darf wissen, dass es mit allen Fragen zu dir kommen darf und dass du ihm Antworten auf Augenhöhe geben wirst, ohne es für irgendwas zu verurteilen. So erfährt dein Kind: Da ist jemand, der mich begleitet, mich schützt und mir gleichzeitig zutraut, meinen eigenen Weg zu gehen.
Oft gestellte Fragen (FAQ)
Ab welchem Alter sollten wir über konkrete Verhütung sprechen?
Ich bin überhaupt kein Fan von festen Altersangaben. Du kennst dein Kind am besten. Beobachte es, bleibe im Austausch und beantworte alle seine Fragen auf Augenhöhe. Und dazu gehört in der Pubertät irgendwann auch die Frage, wie Geschlechtsverkehr sicher stattfinden kann. Auch hier wieder: Teile dich mit. Wenn du Kondome kaufst: Sag, warum und wofür. Wenn du die Pille einnimmst: Sag, warum und wofür. Und so weiter.
Wie unterstütze ich mein Kind bei Liebeskummer?
Liebeskummer bedeutet starke Gefühle. Und die dürfen sein. Dein Kind braucht jetzt deine Präsenz, Sicherheit, Liebe und Achtung. Bleib an der Seite deines Kindes, begleite seine Gefühle und gib ihnen Raum. So kann dein Kind diese Erfahrung in seinem eigenen Tempo verarbeiten.
Zu Liebeskummer beim Teenager findest du übrigens einen eigenen Artikel in meinem Herzenslexikon!
Wie kann ich mein Kind vor sexualisierter Gewalt schützen?
Natürlich mache auch ich mir Sorgen, dass meine Kinder sexuellen Übergriff erleben. Gleichzeitig habe ich dieses tiefe Vertrauen, dass meine Kinder wissen: Wenn da was passiert, kommen sie zu mir und wir werden auch das schaffen und daraus wachsen. Ich kann meine Kinder auf keinen Fall vor ihren Erfahrungen schützen. Ich kann jedoch alles dafür tun, dass sie ihre Erfahrungen so sammeln, dass es für sie kein Übergriff ist. Also ich sorge dafür, dass sie so beschützt wie möglich sind, dass ein Übergriff so unwahrscheinlich wie möglich ist – und falls doch etwas passieren sollte, bin ich für mein Kind da.
Herzensletter
Wenn du noch mehr Einblicke in mein Leben als Mama von zwei Teenagerkindern haben möchtest, dann melde dich gerne für meinen Herzensletter an. Jeden Sonntag bekommst du dann eine kleine persönliche Geschichte von mir in dein Postfach. Und das Beste: Das kostet dich keinen Cent.




