Spielplatzkonflikte … Ich sag mal so: Es gibt einen Grund, warum ich mit meiner Tochter Waltraud (9) eher wenig auf Spielplätzen unterwegs war und bin.
Ich nehme an, du hast solche Situationen selbst mehrfach beobachtet und erlebt:
- Ein Kind nimmt einem anderen die Schippe weg und Eltern sagen mahnend so was wie „Du musst auch mal teilen.“
- Eine Mama oder ein Papa fordert dein Kind auf, die Schaukel freizugeben, obwohl dein Kind noch schaukeln möchte.
- Ein Elternteil sagt zu seinem Kind: „Dann gehe ich jetzt eben alleine nach Hause!“
Oder ein Elternteil reißt das Kind am Arm und ruft: „Du sollst jetzt mitkommen, ich hab’s schon dreimal gesagt!“ - Oder droht: „Wenn du jetzt nicht kommst, dann …“
- Oder fordert das Kind auf: „Entschuldige dich!“
- Oder oder oder.
Solche Situationen sind für uns auch von außen herausfordernd. Also es gibt ja zunächst mal Konflikte zwischen den Kindern, doch mischen oft die Eltern mit und der Konflikt weitet sich aus. Wie ich mit diesen Situationen umgehe – das erzähle ich dir in diesem Artikel.
Die drei wichtigsten Infos zusammengefasst:
Konflikte auf dem Spielplatz können deinem Kind dabei helfen, soziales Verhalten zu erlernen.
Deine wichtigste Aufgabe dabei ist der emotionale Schutz deines Kindes.
Wenn du bei dir bleibst, deinem Kind Sicherheit schenkst und die Themen anderer bei anderen lässt, lernt dein Kind Schritt für Schritt, wie es sich um sich selbst kümmern kann.
Warum Streit auf dem Spielplatz zwischen Kindern ganz normal ist
Streit auf dem Spielplatz nervt dich? Sieh’s mal so: Konflikte auf dem Spielplatz sind ein Schritt in der Entwicklung deines Kindes. Denn Kleinkinder sind von ihrer Hirnreife her erst mal auf sich selbst und auf ihre eigenen Impulse fokussiert. Soziales Verhalten ist etwas, das sie mit der Zeit lernen dürfen.
Hinter einem Verhalten, das allgemein als Streit bezeichnet wird, steckt aus der Sicht der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg immer der Versuch, sich ein Bedürfnis zu erfüllen. Die Strategie, die dein Kind dafür einsetzt, ist vielleicht noch ungeschickt. Gleichzeitig ist es die bestmögliche, die deinem Kind in diesem Moment zur Verfügung steht.
Das heißt: Wenn dein Kind auf der Rutsche sitzen bleibt, statt aufzustehen, hat es vielleicht das Bedürfnis nach Kontakt und Gemeinschaft. Wenn dein Kind die Schaufel eines anderen Kindes nimmt, hat es vielleicht das Bedürfnis nach Autonomie. Oder auch nach Spiel und Spaß, weil die Schaufel des anderen Kindes so viel cooler ist, als die eigene.
Jede dieser Situationen ist eine Einladung an dich, dein Kind zu begleiten. Du darfst ihm helfen, seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und nach und nach immer mehr selbst Strategien zu finden, diese zu erfüllen. Strategien, die auch die anderen Kinder im Blick haben. Und deshalb ist der Spielplatz ein Lernfeld für das soziale Miteinander. Weil soziales Miteinander eben unter anderem in Konflikten gelernt wird.
Wie entsteht ein typischer Konflikt zwischen Kindern (oder Eltern) auf dem Spielplatz und wie kannst du reagieren?
Typische Spielplatzkonflikte … ich sag’s dir: Darüber könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Ich denke, dass das unnötig ist. Denn das Prinzip ist ja immer das Gleiche. Und das schauen wir uns jetzt an einem Beispiel an.
Beispiel: Andere Eltern verlangen von deinem Kind, die Schaukel freizumachen
Also. Folgende Situation: Dein Kind sitzt auf der Schaukel. Ein anderes Kind kommt dazu und die Mama oder der Papa dieses Kindes sagt: „Du musst jetzt schon auch mal die Schaukel freimachen. Mein Kind möchte auch mal schaukeln.“ Oder so was wie: „Das ist nicht deine Schaukel. Jetzt geh mal runter. Du kannst ja nachher wieder rauf.“
Doch dein Kind sagt „nö“ oder gar nichts und bleibt auf der Schaukel sitzen – es möchte jedenfalls weiter schaukeln.
Geht bei dir schon der Puls hoch? Vielleicht triggert dich diese Vorstellung – denn wahrscheinlich hast du (so wie ich) in deiner eigenen Kindheit gelernt: „Man muss auch mal teilen. Ich muss dafür sorgen, dass es allen anderen gut geht.“ Wenn dem so ist, dann sag einmal freundlich „hallo“ zu deinem Inneren Kind und sag ihm am besten gleich noch dazu: „Nen Scheiß muss ich.“ Um deine Trigger und dein Inneres Kind darfst du dich ebenfalls gerne kümmern. Doch jetzt gehen wir mental zurück auf den Spielplatz zu deinem Kind.
Und da ist es jetzt gerade deine Aufgabe als Mama oder Papa, dich um den emotionalen Schutz deines Kindes zu kümmern. (Körperliche Gewalt wird es ja bei diesem Schaukel-Konflikt hoffentlich keine geben.)
Und hey: Dein Kind sitzt aktuell auf der Schaukel, und es schaukelt so lange, bis es fertig ist. Bis es bereit ist, die Schaukel abzugeben. Und dann wird es das sehr gerne tun, und zwar freiwillig. Aus innerem Antrieb.
Okay, also, wie reagierst du, wenn dein Kind auf der Schaukel sitzt und ein anderes Kind oder ein anderes Elternteil dein Kind auffordert, die Schaukel freizugeben? Dann gehst du hin und sagst: „Stopp, mein Kind schaukelt so lange, bis es fertig ist.“
Vielleicht antwortet dann das andere Elternteil so was wie: „Das kann ja wohl nicht wahr sein! Das ist eine Schaukel auf einem öffentlichen Spielplatz! Die ist für alle da!“
Du kannst der Person dann Empathie schenken: „Ich verstehe, dass es Sie gerade total ärgert, dass mein Kind auf der Schaukel ist, weil Sie möchten, dass Ihr Kind jetzt schaukeln kann.“
Und dann kommt vielleicht: „Ja! Mein Kind steht hier schon seit zehn Minuten rum und wartet! Was soll das denn?“
Darauf kannst du sagen: „Ja. Sie kümmern sich gerade um Ihr Kind. Und Sie möchten, dass Ihr Kind jetzt auch mal schaukeln kann. Es wird auch schaukeln können: sobald mein Kind fertig ist.“
Du kannst auch dein Kind fragen: „Bist du bereit, die Schaukel freizumachen?“ Nur: Je kleiner dein Kind ist, desto schwieriger ist diese Frage.
Das heißt: Dein Kind muss gar nichts. Und den anderen Eltern setzt du eine Grenze. Denn du bist Schutzschild deines Kindes, körperlich und auch emotional. Inwieweit du den Eltern dann Empathie schenkst, inwieweit du in eine Diskussion reingehst, das ist deine Entscheidung.
Ich kann von mir berichten. Ich kann bei sowas relativ schnell auf 180 sein, weil es mich so nervt. Diese Art miteinander umzugehen und weil ich es schwer ertragen kann, was ich dort beobachte. Und ich darf entscheiden, was ich beobachte. Ich versuche, meine Klappe zu halten und bei mir zu bleiben. Denn sobald ich meinen Mund aufmache, kann es nur eine Diskussion werden, weil mein Gegenüber in der Regel wenig Bereitschaft zeigen wird, meine Empathie (wenn ich bereit bin, Empathie zu schenken) anzunehmen.
Mein Kind wird so lange schaukeln, wie es das Schaukeln braucht, wie es ihm guttut. Und ich helfe meinem Kind dabei, die Schaukel freizumachen: freiwillig, empathisch und mit Führung. In unserem Tempo. Und ich lasse die anderen zetern.
Ich weiß, dass das unglaublich unangenehme Situationen sind. Im schlimmsten Fall kennen wir die Eltern auch noch. Doch wir dürfen auch entscheiden, mit wem wir befreundet sind. Seit ich die Gewaltfreie Kommunikation lebe, habe ich mich von einigen Freundschaften verabschiedet, weil ich gemerkt habe, dass sie mir wenig guttun. Das kannst du für dich ebenso entscheiden. Und ob irgendwelche anderen Eltern dich mögen – das kann dir piepschnurzegal sein. Denn es geht um dein Kind.
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Fünf Schritte, um Spielplatzkonflikte zwischen anderen Kindern und Eltern zu begleiten
Für den emotionalen Schutz deines Kindes zu sorgen – das kann auch nötig werden, wenn ihr Situationen zwischen anderen Kindern und Eltern auf dem Spielplatz beobachtet. Also wenn Eltern ihrem Kind drohen („Wenn du jetzt nicht kommst, dann …“) oder es auffordern, zu teilen oder sich zu entschuldigen. Wenn du dein Kind mit der #gfkmitkathy begleitest, kennt dein Kind es ganz anders und es reagiert auf die Situation vielleicht mit Unbehagen, Anspannung, Angst oder Unsicherheit.
Ich zeige dir Schritt für Schritt, wie ich meine Tochter Waltraud begleitet habe, wenn wir so etwas beobachtet haben.
Schritt 1: Wahrnehmen, was bei deinem Kind gerade passiert
Bei Waltraud war es so, dass sie in einen „Freeze“ gekommen ist, wenn sie solch einen Spielplatzkonflikt zwischen einem Kind und einem Elternteil mitbekommen hat. Also sie erstarrte richtig.
Schritt 2: Auf Augenhöhe in Kontakt und Einfühlung gehen
Wenn ich das bemerkt habe, so habe ich mich auf ihre Augenhöhe niedergekniet und zum Beispiel gesagt:
- „Du beobachtest das gerade und es schauert dich richtig?!“
- „Machst du dir gerade Sorgen um das Kind?!“
- „Gruselt dich das? Hast du Angst?“
Wenn Waltraud das bejaht hat, dann bin ich weiter in die Einfühlung, etwa so: „Ja, weil du möchtest, dass es dem Kind gut geht?!“
Schritt 3: Sicherheit schenken und bei euch bleiben
Und dann habe ich gesagt: „Weißt du, wir machen das so, wie wir es machen. Liebe ist bei uns.“
Wir haben die Hand auf unser Herz gelegt und gemeinsam gesagt: „Liebe ist bei uns.“
Und dann haben wir die Hand von uns weggedreht in die andere Richtung und gesagt: „Liebe geht raus zu den anderen.“
Das ist das, was wir in solchen Momenten machen können: Wir können bei uns bleiben, wir können uns um uns kümmern, wir sind voller Liebe, wir sind in Sicherheit und wir schicken Liebe raus. Und wir verzichten darauf, andere zu bewerten. Weil wir es bei den anderen lassen.
Schritt 4 (optional): Unterstützung anbieten
Wenn ich gut drauf bin, gehe ich vielleicht hin und frage: „Brauchen Sie Hilfe?“, um meiner Tochter zu zeigen, wie wir ohne zu bewerten Unterstützung anbieten können und gegebenenfalls auf eine Grenze hinweisen.
Nur an und für sich ist ja mein Tanzbereich da zu Ende.
Schritt 5: Den Fokus auf das Wichtige lenken
Das Wichtigste ist, dass Waltraud lernt, wie sie mit sich umgehen kann, wenn sie etwas beobachtet, was ihr Sorgen macht oder sie bedrückt. Wir setzen den Fokus auf uns, kommen in Kontakt zu uns, kommen bei uns an und senden Liebe raus.
“Entschuldige dich jetzt!” Wenn die Eltern des anderen Kindes eine Entschuldigung von deinem Kind einfordern
Auch bei dieser Sache geht es wieder um den emotionalen Schutz deines Kindes.
Das heißt: Wenn du mitbekommst, dass jemand von deinem Kind eine Entschuldigung einfordert, so gehst du hin und sagst: „Stopp! Mein Kind braucht sich nicht zu entschuldigen.“
Das mal als Erstes zur Klarstellung. Dann kannst du erklären: „Es gibt keine:n Schuldige:n“ und fragen: „Was ist die Situation?“.
Wenn von dem anderen Elternteil kommt: „Doch, Ihr Kind muss sich aber entschuldigen“, dann erklärst du nochmal: „Es gibt hier keine Entschuldigung, denn es gibt keine:n Schuldige:n.“
Wie auch immer der Konflikt war … Es geht darum, dass du für den emotionalen Schutz deines Kindes Grenzen setzt.
Das ist harter Tobak.
Denn das ist unangenehm. Wir haben gelernt, uns anzupassen. Wir haben gelernt: Wir haben nett zu sein, damit wir dazugehören. Sonst gibt es eine Bestrafung, sonst werden wir abgelehnt. Und wenn wir ganz nett sind und alles mitmachen, dann kriegen wir vielleicht eine Belohnung. Grenzen zu setzen und „nein“ zu sagen, war kein Bestandteil dessen, was uns beigebracht wurde.
Ich nehme an, du bist auch so aufgewachsen.
Doch jetzt darfst du für den emotionalen Schutz deines Kindes sagen: „Stopp! Bei uns gibt es keine Entschuldigung.“
Denn „Entschuldigung“ heißt ja, dass ich mich von einer Schuld befreie. Im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg gibt es jedoch keine:n Schuldige:n. Es gibt niemanden, der Recht hat, und niemanden, der Unrecht hat. Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Es gibt kein Gut und Böse. Es gibt das, was wir machen. Und das, was wir machen, machen wir für uns. Weil wir versuchen, unsere Bedürfnisse zu erfüllen.
Und wenn wir hier über den Umgang mit Kindern sprechen, dann hat dein Kind gegebenenfalls etwas gemacht, was grenzüberschreitend war. Es hat dem anderen Kind zum Beispiel die Schippe aus der Hand genommen. Dann findet das andere Kind das doof. Nur: Dein Kind braucht sich nicht zu entschuldigen.
Du könntest zu deinem Kind sagen: „Du hättest auch gern so eine Schippe, oder?! Du findest die ganz toll! Und diese Farbe …! Die gefällt dir total. Und du würdest jetzt unfassbar gern damit spielen?!“ Und so weiter und so fort. Versetz dich in dein Kind hinein.
Und dann: „Nur: Diese Schippe gehört dem anderen Kind.“
Also einfühlsamer du bist, je mehr du deinem Kind Empathie schenkst, ihm zeigst, dass es mit seinen Bedürfnissen gesehen und gehört wird: Desto eher wird es bereit sein, eine Lösung zu finden, die für alle okay ist. Vielleicht sind ja auch beide Kinder bereit, eine Lösung zu finden, wenn es um diese Schippe geht.
Doch niemand hat sich zu entschuldigen.
In der Gewaltfreien Kommunikation geht es um Sprache und Haltung. Es geht darum, wie wir miteinander sprechen. Und wenn jemand anderes von meinen Kindern verlangt, sich zu entschuldigen, sage ich ganz klar: „Stopp!“
Ob der andere Elternteil das dann jetzt so richtig geil findet, ist eine andere Frage. Vielleicht kommt sowas wie „Man hat sich aber zu entschuldigen!“ Dann kannst du dir überlegen, ob du diese Diskussion führen möchtest. Du kannst das auch einfach bei dem anderen Elternteil lassen. Und versuche, auf eine Verurteilung zu verzichten. Denn er oder sie versucht ja auch, sich gerade um sich zu kümmern. Nur: Eine andere Mama, ein anderer Papa hat keinesfalls zu entscheiden, was dein Kind zu tun und zu lassen hat.
Wenn du diese Grenze aufzeigst, lernt dein Kind mit der Zeit, wie es für sich selbst Grenzen setzen kann. Wie es für sich einstehen kann. Zeige deinem Kind, dass es wichtig ist und dass es bei dir in Sicherheit ist. Und je öfter dein Kind erlebt, wie du das machst, wie du Schutzschild für dein Kind bist, für seinen emotionalen und oder körperlichen Schutz, desto mehr wird es durch die Beobachtung deines Verhaltens lernen, wie es sich zukünftig um sich selber kümmern kann.
Fazit
Konflikte gehören auf den Spielplatz wie das Amen in die Kirche. Das ist auch okay, denn so lernen (Klein-)Kinder soziales Verhalten. Die Themen anderer Eltern und anderer Kinder kannst du bei den anderen lassen. Leg den Fokus auf dich, auf deine Elternschaft, auf dein Kind: Wie kannst du die Bedürfnisse deines Kindes erfüllen, so dass es alles hat, was es braucht? Versuch, andere zu beobachten, statt sie zu bewerten. Und sei Schutzschild für dein Kind, wenn es dich braucht.
Und dann wünsche ich dir und deinem Kind ganz viel Freude auf den Spielplätzen.
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In diesem Artikel habe ich dir einiges über mich erzählt und wie ich als Mama mit der GFK verschiedene Herausforderungen in meinem Familienleben angehe. Wenn dir die Einblicke in mein Leben gefallen, melde dich gerne für meinen Herzensletter an. Dann bekommst du jeden Sonntag persönliche Einblicke und/oder Impulse in dein Postfach. Kostet auch nix außer ein paar Klicks – versprochen.



