Wenn jemand zu mir in die Beratung kommt und sagt: „Mein Kind manipuliert mich!“ – dann drücke ich in der Regel gleich mal die Stopptaste. Denn dein Kind versucht keineswegs dich zu manipulieren. Es macht auch nichts aus „Bosheit“. Es macht ganz genau gar nichts gegen dich.
Sondern es macht etwas für sich. Dein Kind versucht, sich mit seinem Verhalten ein Bedürfnis zu erfüllen. Und meine Einladung geht raus an dich, dass du das unerfüllte Bedürfnis hinter dem Verhalten deines Kindes verstehen lernst. Dass du in Verbindung, in Klarheit und in deine liebevolle Führung kommst – statt zu interpretieren, dass dein Kind dich zu manipulieren versucht.
Welches Bedürfnis der Grund für das Verhalten deines Kindes sein könnte und wie du in deine liebevolle Führung kommen kannst – das schauen wir uns in diesem Artikel an!
Die drei wichtigsten Infos zusammengefasst:
Dein Kind macht nichts gegen dich, sondern es versucht sich mit seinem Verhalten ein Bedürfnis zu erfüllen.
Dein Kind verwendet dafür die Strategien, die ihm zur Verfügung stehen.
Die Bedürfnisse hinter dem Verhalten deines Kindes zu verstehen bedeutet keineswegs, dass du zu allem immer und sofort „ja“ zu sagen hast.
Die Perspektive wechseln: Welche Bedürfnisse stecken hinter „manipulativem“ Verhalten?
Wenn du mit diesem Thema zu mir in die Beratung kommen würdest, dann würde ich erst mal noch dabei bleiben, dass Kinder keineswegs strategisch oder berechnend handeln, wie es bei Erwachsenen durchaus der Fall sein kann. (Die meisten von uns sind ja mit Formen von Manipulation aufgewachsen und wiederholen dieses Verhalten oftmals unbewusst, wenn sie selbst Erwachsene sind.)
Doch wenn wir mit der Haltung der Gewaltfreien Kommunikation auf die Situation gucken, dann wissen wir, dass jeder Mensch sich mit jedem Verhalten (mindestens) ein unerfülltes Bedürfnis zu erfüllen versucht.
Vielleicht denkst du dir jetzt so was wie: „Okaaay, Kathy, bloß was bringt mir das?“
Also: Mit der Haltung der GFK blickst du erstens viel liebevoller auf dein Kind. Zweitens und vor allem hast du damit auch den Schlüssel in der Hand, Dinge zu verändern. Denn wenn du herausfindest, was das unerfüllte Bedürfnis deines Kindes ist, und wenn du dein Kind dabei unterstützt, dass dieses Bedürfnis erfüllt wird, kann sich dein Kind auch anders verhalten. lernt dann nach und nach von dir Strategien, die geeigneter für die Erfüllung seiner Bedürfnisse sind als das Verhalten, das du als manipulativ empfindest.
Denn bisher hat es vielleicht gelernt:
- „Wenn ich weine, kommt Mama zu mir her.“
- „Wenn ich Papa anlächle, spielt er mit mir noch ne Runde.“
- „Wenn ich ganz lieb frage, sagt Mama vielleicht doch ‚ja‘.“
- „Wenn ich ganz laut werde, kümmert sich Papa um mich.“
Diese und ähnliche Strategien kann dein Kind ablegen, wenn du seine unerfüllten Bedürfnisse verstehen lernst und ihr gemeinsam Strategien entwickelt, mit denen sie erfüllt werden können. Dein Kind weiß dann: „Ah, Mama/Papa checkt, was ich brauche. Und Mama/Papa hilft mir, dass ich bekomme, was ich brauche.“
Und um welche Bedürfnisse geht es nun konkret bei deinem Kind? Da darfst du gerne Detektiv:in werden – und ich bin an deiner Seite. In meinem Shop gibt es beispielsweise eine Gefühls- und Bedürfniskarte, die dir dabei helfen kann.
Im ersten Beispiel von oben könnte es sein, dass dein Kind Geborgenheit oder Schutz braucht.
Im zweiten Beispiel geht es vielleicht um Spiel und Spaß, Gemeinschaft oder Geborgenheit (Papa-Nähe).
Im dritten Beispiel könnte es je nach Situation Autonomie oder auch Abenteuer sein.
Und zum vierten Beispiel könnte es ebenfalls Autonomie, Geborgenheit oder Schutz sein – ganz abhängig von der jeweiligen Situation.
Es ist klar wie Kloßbrühe, dass dein vierjähriges Kind dir wohl kaum so was sagen kann wie: „Mama, ich brauche gerade Autonomie und Schutz.“ Sondern es zeigt dir über sein Verhalten, dass es etwas braucht. Und es ist dein Job, herauszufinden, was dahintersteckt.
Eins möchte ich gleich vorwegnehmen (wir kommen später noch genauer dazu): Dass du die Bedürfnisse deines Kindes verstehst, heißt keineswegs, dass dein Kind alles und am besten noch alles sofort bekommt. Du darfst deinem Kind Grenzen setzen und du darfst deinem Kind „nein“ sagen. Denn dein Kind braucht dich in deiner Elterlichen Führung.
Abgrenzung: Wann ist es Lügen, wann ist es „Manipulation“?
Lügen und das Verhalten, das häufig als Manipulation bezeichnet wird, liegen eng beieinander und sind doch auch wieder anders.
Wenn dein Kind lügt, dann oft aus Angst vor Konsequenzen oder aus Schutz vor Scham.
Das als Manipulation bezeichnete Verhalten zielt darauf ab, dass jemand versucht, auf das Verhalten anderer Einfluss zu nehmen. Strategien der Manipulation sind häufig Druck, Drama, Charme oder Ausspielen anderer.
Kinder (und Erwachsene) nutzen diese Strategien, weil sie ihnen schon mal geholfen haben oder weil sie sie woanders beobachtet haben. Sie handeln mit den Möglichkeiten, die sie eben gerade zur Verfügung haben. Und du darfst deinem Kind geeignetere Strategien zeigen, damit es nach und nach lernt, sich seine Bedürfnisse mehr und mehr selbst zu erfüllen.
Wie du die unerfüllten Bedürfnisse hinter dem Verhalten deines Kindes verstehen lernen kannst, zeige ich dir gleich an ein paar Beispielen.
Typische Alltagssituationen: Von „Bei Papa darf ich das aber“ bis plötzliches Weinen
Wenn du in deinem Familienalltag den Eindruck hast, dass dein Kind dich „manipuliert“ – schau genauer hin! Ich zeige dir anhand von drei typischen Situationen, wie dir das gelingen kann.
„Bei Papa darf ich das aber!“
Du setzt deinem Kind Grenzen und sagst nach dem Abendessen, dass es für heute genug Süßigkeiten gegessen hat und es jetzt keine mehr gibt. Wenn dein Kind sagt „Bei Papa darf ich das aber!“, dann empfindest du das vielleicht als Gegeneinander-Ausspielen. Oder du hast den Gedanken: „Mein Kind versucht, mich unter Druck zu setzen.“
Doch hinter dem Verhalten deines Kindes steckt etwas anderes, zum Beispiel das Bedürfnis nach Genuss, nach Gerechtigkeit unter Geschwisterkindern oder nach Orientierung bei unterschiedlichen Regeln. Du findest heraus, was es bei deinem Kind ist.
Und du bleibst bei deinem „Nein“ zu den Süßigkeiten für diesen Tag. Stattdessen könnt ihr andere Strategien suchen, um das jeweilige Bedürfnis zu erfüllen.
Plötzliches Weinen vor dem Schlafengehen
Du bist total erledigt von einem anstrengenden Tag und möchtest nur noch aufs Sofa – in Ruhe lesen oder was anschauen. Doch gerade, als es Zeit ist, dass ihr im Kinderzimmer das Licht ausmacht, fließen bei deinem Kind die Tränen.
Und du fragst dich so was wie: „Will mein Kind jetzt nur die Schlafenszeit hinauszögern?“
Die Antwort ist: ja, vielleicht. Denn vielleicht braucht dein Kind noch deine Nähe, also Geborgenheit. Oder es ist enttäuscht, dass für heute die Zeit für Spiel und Spaß vorbei ist. Oder es braucht mehr Routine und Rituale am Abend. Oder es ist gestresst und überfordert – und spürt das erst am Abend, wenn das Nervensystem runterfährt. Was auch immer es ist: Dein Kind weint keinesfalls, um dich zu nerven und dich von deinem Sofaabend abzuhalten. Sondern weil es dich braucht.
Und du darfst herausfinden, wobei genau es dich braucht. Wenn es Geborgenheit braucht: Schenke sie ihm. Auch die Enttäuschung, dass Spiel und Spaß vorbei sind, darfst du liebevoll begleiten, indem du in deine liebevolle Führung kommst – denn du als Erwachsene:r weißt, dass ausreichend Schlaf wichtig für die Gesundheit ist. Wenn dein Kind mehr Routine und Rituale braucht, dann dürft ihr diese so entwickeln, dass sie für euch passen und dein Kind dadurch Sicherheit erfährt. Mehr zum Thema Einschlafbegleitung gibt’s in meiner Podcast-Folge „B – wie ins Bett gehen“.
„Dann hab ich dich gar nicht mehr lieb!“
Wenn dein Kind in einem Konflikt einen Satz wie „Dann hab ich dich gar nicht mehr lieb“ verwendet, trifft dich das mitten ins Herz. Doch dein Kind will dich keineswegs verletzen. Bleib in deiner Elterlichen Haltung und sei dir bewusst, dass dein Kind nichts gegen dich macht.
Deinem Kind fehlt bei starken Gefühlen vielleicht der Wortschatz, um seine Überforderung anders auszudrücken. Und dahinter steckt dann eigentlich so was wie:
- „Ich bin gerade unglaublich wütend!“
- „Warum verstehst du mich nicht?“ oder
- „Ich brauche Hilfe!“
Auch hier ist dein Job herauszufinden, worum es deinem Kind eigentlich geht. Und dann findet ihr Strategien. Und weil es so wichtig ist, sage ich es noch mal: Das bedeutet keineswegs, dass dein Kind immer und alles und sofort das bekommt, was es gerade haben will. Denn in deiner liebevollen Elterlichen Führung kannst nur du als Erwachsene:r die Konsequenzen des Verhaltens deines Kindes abschätzen. Deshalb gibst du ihm je nach Entwicklungsphase den sicheren Rahmen vor – und dazu gehört es gegebenenfalls auch, „nein“ zu sagen.
Den Gefühls- und Bedürfniswortschatz könnt ihr übrigens trainieren. Fragt euch immer wieder: Was bin ich denn genau?
- Bin ich einsam oder bin ich alleine?
- Bin ich traurig oder frustriert?
- Bin ich ängstlich oder verzweifelt?
- Bin ich zornig oder wütend?
- Und was ist das unerfüllte Bedürfnis hinter meinen Gefühlen?
Denn der Gefühlswortschatz ist die Grundlage dafür, dass dein Kind über Gefühle sprechen kann.
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Noch mehr Impulse und Strategien, um die erfüllten und unerfüllten Bedürfnisse hinter den Gefühlen zu checken, bekommst du in meinem Bedürfnisübersetzer. Mit den konkreten Formulierungen in Kindersprache erkennst du auch in stressigen Momenten schneller, was dein Kind braucht. Den Bedürfnisübersetzer schicke ich dir für sage und schreibe 0 € in dein Postfach!

Fokus auf Führung: Wie du mit Verbindung, Klarheit und Liebe reagierst
So, wir haben jetzt geklärt, dass dein Kind nichts gegen dich macht – auch wenn dein Eindruck war, dass es dich gerade zu manipulieren versucht. Du bleibst also in deiner Haltung und versuchst herauszufinden, welches Bedürfnis dein Kind sich mit seinem Verhalten zu erfüllen versucht.
Und du bleibst in deiner Klarheit: Bedürfnisse zu verstehen bedeutet keineswegs, dass ihr jeden Tag von morgens bis abends Ringelpiez mit Anfassen veranstaltet und du zu allem immer „ja“ sagst.
Im Gegenteil: Dein Kind hat unter anderem das Bedürfnis nach Führung und das Bedürfnis nach Orientierung – beides schenkt enorm viel Sicherheit. Es braucht Grenzen und es braucht einen Rahmen, den du ihm vorgibst. Je nach Entwicklungsphase ist der Rahmen eben größer oder kleiner.
Das mit der Elterlichen Führung fällt dir vielleicht schwer. Denn die Art von Führung, mit der die meisten von uns aufgewachsen sind, war eine Form von Machtmissbrauch. Inklusive Bestrafung und Belohnung, Ablenkung und Manipulation. Deshalb klingt das mit der Führung für dich womöglich erst mal etwas seltsam.
Doch ich meine mit Elterlicher Führung etwas völlig anderes als Machtmissbrauch. Denn dein Kind braucht dich gleichzeitig in deiner Empathie und in deiner Klarheit. Das heißt: Du siehst das Bedürfnis hinter dem Verhalten deines Kindes – und bleibst gleichzeitig bei dem von dir gesetzten Rahmen. (Ich nehme an, du hast Gründe dafür, warum du den Rahmen so und so vorgibst. Sonst dürftest du deine Entscheidung überdenken und gegebenenfalls deine Meinung ändern.)
Das kannst du deinem Kind etwa so sagen: „Ich höre, dass du gerne noch ein zweites Eis hättest. Gleichzeitig bin ich für deine Gesundheit verantwortlich, deshalb bleibe ich bei meinem Nein.“
Und wenn dein Kind enttäuscht, wütend oder frustriert reagiert, weil du bei deiner Entscheidung bleibst, darfst du diese starken Gefühle begleiten. Starke Gefühle und Konflikte dürfen ja sein. Das heißt:
- Dein Kind darf wütend sein, weil es kein zweites Eis bekommt.
- Dein Kind darf traurig sein, weil die Schlafenszeit beginnt.
- Dein Kind darf enttäuscht sein, wenn du „nein“ sagst.
Die Gefühle deines Kindes zu begleiten ist etwas völlig anderes, als deine Entscheidung zu ändern. Doch du lässt eben dein Kind mit seiner Wut, seiner Traurigkeit, seiner Enttäuschung keinesfalls allein. Du gibst diesen Gefühlen den Raum, den sie brauchen, und du bleibst präsent.
Und das meine ich, wenn ich sage, dass ich Konflikte in Verbindung lösen möchte. Wenn du mehr wissen möchtest über Elterliche Führung in den drei Autonomiephasen: Dazu findest du in meinem Vlog ein Video.
Fazit
Wenn du den Eindruck hast, dass dein Kind dich manipuliert – schau genauer hin. Und schau vor allem auf deine eigene Haltung.
Dein Kind versucht sich mit seinem Verhalten ein Bedürfnis zu erfüllen: Es braucht vielleicht Geborgenheit, Orientierung, Spiel und Spaß, Autonomie, Schutz oder irgendwas ganz anderes. Und es wendet dafür die Strategien an, die ihm im Moment zur Verfügung stehen.
Es ist dein Job, deinem Kind dabei zu helfen, nach und nach Strategien zu entwickeln, die zum Ziel führen. Und ich brauche dich in deiner liebevollen Elterlichen Führung: dass du verstehst, was dein Kind wirklich braucht, und ihm dabei hilfst, innerhalb des von dir gesetzten Rahmens seine Bedürfnisse erfüllt zu bekommen.
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