Gewaltfreie Kommunikation: Führung in Verbindung statt Laisser-faire

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Viele Eltern haben den Eindruck, sie müssten sich entscheiden: entweder konsequent und streng sein – oder verständnisvoll und nachgiebig. Es gibt in den Erziehungsstilen diese beiden Extreme: zum einen die autoritäre Erziehung mit Druck, Strafen und Machtausübung. Und dann gibt es die antiautoritäre Erziehung, bei der die Kinder scheinbar alles dürfen – auch Laissez-faire genannt.

Für mich sind beide Erziehungsstile Machtmissbrauch.

Ein dritter Weg ist die bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung, in der du Verantwortung übernimmst und wahre Verbindung lebst. Eine Elternschaft auf Augenhöhe. (Mit Augenhöhe meine ich immer, dass du dich auf die Augenhöhe des Kindes begibst, also abhängig vom jeweiligen Alter und abhängig von der Entwicklungsstufe deines Kindes.)

Und die Gewaltfreie Kommunikation ist für mich die Sprache der Elternschaft ohne Machtmissbrauch. Sie hilft dir, deine Elterliche Führung ohne Machtmissbrauch zu leben. Für ein Familienleben voller Kooperation und Leichtigkeit.

Die drei wichtigsten Infos zusammengefasst:

 

Gewaltfreie Kommunikation ist kein Laissez-faire. Sie verbindet klare Elterliche Führung mit echter Verbindung, statt Macht und Druck auszuüben.

Es geht um die Bedürfnisse aller. Erst wenn deine eigenen Bedürfnisse weitgehend erfüllt sind, kannst du deinem Kind in Verbindung begegnen.

Konflikte dürfen da sein. Mit der GFK schaust du hin und findest Lösungen, die für alle okay sind.

Typische Vorwürfe gegen Gewaltfreie Kommunikation

Oft wird Gewaltfreie Kommunikation so dargestellt, als wäre sie ein einziges „Ringelpiez mit Anfassen“: Alle sind immer nett und lieb, singen gemeinsam Kumbaya und haben sich ganz doll lieb. Wer so denkt, hat sich bisher vermutlich eher wenig mit der Gewaltfreien Kommunikation auseinandergesetzt. Denn Gewaltfreie Kommunikation bedeutet, Konflikte bewusst zu gestalten, statt sie zu vermeiden oder zu verleugnen.

Ein besonders hartnäckiges Missverständnis ist, dass es in der Gewaltfreien Kommunikation im Familienkontext und allgemein in der bedürfnisorientierten Begleitung von Kindern nur um die Bedürfnisse der Kinder geht. Es geht vielmehr um die Bedürfnisse aller Beteiligten. Und in einer Familie gibt es nun mal Eltern und Kinder. Es geht darum, dass die Bedürfnisse aller Mitglieder in der Familie gesehen und bestmöglich erfüllt werden. So lernen Kinder auch, dass es Momente gibt, in denen sie zu warten haben. Sie erleben gleichzeitig, dass ihre Gefühle und Bedürfnisse ernst genommen werden. Und sie lernen, dass ihre Eltern Bedürfnisse haben.

Wenn du deine Elterliche Verantwortung wirklich lebst, wirst du nach und nach den Eindruck los, dass dein Kind dir auf der Nase herumtanzt. Denn Führung und Verbindung schließen sich keineswegs aus – sie gehören im Gegenteil ganz eng zusammen. Gewaltfreie Kommunikation heißt etwas komplett anderes als: keine Grenzen. Sie heißt: klare Grenzen. Ohne Machtmissbrauch.

Laissez-faire vs. bedürfnisorientierte Elternschaft: das sind die Unterschiede

In der Gewaltfreien Kommunikation geht es darum, Konflikte in Verbindung zu lösen. Das heißt: Es darf Konflikte geben! Und die gibt es ja nun mal auch. Allein schon deswegen, weil wir zwar laut Marshall Rosenberg, der die Gewaltfreie Kommunikation entwickelt hat, alle die gleichen Bedürfnisse haben, allerdings die Bedürftigkeit in den verschiedenen Situationen und auch die Strategien unterschiedlich sind, mit denen wir Bedürfnisse erfüllen. Und so entstehen Konflikte und die dürfen gelöst werden, ohne dass eine Person bestimmt, was richtig und was falsch ist, sondern dass wir gucken: Was braucht jeder und wie kommen wir da auf einen gemeinsamen Nenner? Wie finden wir eine Lösung, die für alle Beteiligten in Ordnung ist? Und so lernen Kinder, dass andere Menschen auch wichtig sind.

Der Hauptunterschied zwischen der Gewaltfreien Kommunikation und Laissez-faire liegt genau hier: Im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation gehen Eltern dem Konflikt keineswegs aus dem Weg – sondern sie gehen im Gegenteil voll rein in den Konflikt! Nur entscheiden sie eben nicht autoritär, was gemacht wird. Sondern sie sind bereit, gemeinsam eine Lösung zu finden.

Wie das geht, dass du gemeinsam mit deinem Kind eine Lösung findest und auf eine Erziehung ohne Strafen setzt? Indem du klar kommunizierst: Wie fühle ich mich, was brauche ich? Wie fühlst du dich, was brauchst du?

Je jünger die Kinder sind, desto mehr liebevolle Führung brauchen sie dabei. Die Elterliche Führung ist für kleine Kinder elementar wichtig, damit sie überhaupt einen festen Boden unter den Füßen haben können, damit sie sich weiterentwickeln können und ihre fundierte Bindung sich auf Dauer erfüllt. Orientierung heißt, dass du in deiner Elterlichen Führung wirklich klar vorgibst: Was wird gemacht? Hier bist du in deiner Verantwortung und gibst klar vor, wo es langgeht. Und über das Wie kann dein Kind mitentscheiden. Das heißt: Du beziehst dein Kind mit ein.

Wenn du noch mehr darüber wissen willst, wie du Alltagssituationen (zum Beispiel Anziehen, Zähneputzen, Essen) ohne Machtkampf löst, hör gern in meinen Podcast rein!

Zurück zum Laissez-faire-Erziehungsstil, um den Unterschied noch mal ganz klar zu machen: bei Laissez-faire übernimmst du keine Verantwortung und keine Führung. Du guckst weg, lässt dein Kind allein. Doch wenn dein Kind keine Sicherheit und keinen festen Boden unter den Füßen hat, kann es sich kaum weiterentwickeln.

Ist Gewaltfreie Kommunikation denn alltagstauglich? X Gründe, die dies belegen

Oft höre ich den Einwand, dass Gewaltfreie Kommunikation im stressigen Familienalltag viel zu lange dauert. Doch Hand aufs Herz: wie lange dauert ein Wutausbruch? Ich finde: unfassbar lange. Wie viel Zeit kostet ein Machtkampf, wenn dein Kind im absoluten Nein ist? Der kann sich durch den ganzen Tag ziehen! Und wie viel Energie rauben dir danach schlechtes Gewissen, Selbstzweifel und Frust? Wie oft landest du in Gedankenspiralen, in denen du denkst: „Mein Kind macht mich aggressiv“ – und dann machst du dir Vorwürfe und hältst du dich für eine schlechte Mutter oder einen schlechten Vater?!

Gewaltfreie Kommunikation bedeutet keineswegs, dass du in jeder einzelnen Situation lange Gespräche führst oder in perfekt formulierten Sätzen zu sprechen hast. Oft reicht schon ein kurzer Perspektivwechsel: Was steckt hinter dem Verhalten deines Kindes? Was brauchst du selbst gerade? Und was hilft euch beiden jetzt gerade weiter?

Gewaltfreie Kommunikation hilft dir, klar zu führen, ohne Druck auszuüben. Sie schenkt deinem Kind Orientierung und schafft Verbindung zwischen euch. Diese Verbindung macht Kooperation erst möglich. Wahrscheinlich braucht es Zeit, bis das mit dem Erziehen ohne Schimpfen klappt. Und du bist nie „fertig“ damit. Denn die Gewaltfreie Kommunikation zu leben, ist ein lebenslanger Prozess. Doch jeder kleine Schritt zählt und verändert euren Familienalltag hin zu mehr Leichtigkeit.

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Bedürfnisorientierte Erziehung: ein Beispiel aus meinem Familienalltag

Einmal war ich mit meiner Tochter Waltraud beim Zahnarzt. Sie war damals acht. Und hat sich nach diesem Zahnarztbesuch völlig in Frust und Wut verloren. Sie sprach kaum etwas, antwortete sehr schmallippig auf meine Fragen und verzog sich, als wir nach Hause kamen, sofort ins Badezimmer und schloss sich dort ein.

Wenn ich Laissez-faire geil fände, hätte ich das alles so belassen können und abwarten, bis Waltraud sich wieder fängt und von sich aus wieder aus dem Zimmer kommt. Doch ich hatte eine Ahnung, dass Waltraud mich brauchte, und es war mir wichtig, dass ich meine Elterliche Verantwortung wahrnehme und mich um sie kümmere.

Doch lass mich die Geschichte von Anfang an erzählen.

Bei diesem erwähnten Zahnarzttermin wurde eine bestimmte Behandlung für Waltraud besprochen. Dabei wurden uns auch Fotos gezeigt. Als wir die Praxis verließen, merkte ich, dass Waltraud auffällig still war. Sie blickte meist zur Seite (weg von mir) und reagierte kaum auf meine Fragen.

Ich dachte: „Okay, vielleicht ist sie im Moment überfordert mit der Information, wie die Behandlung stattfindet. Ich lasse sie erst mal in Ruhe.”

Als wir zu Hause waren, ging Waltraud direkt ins Bad und schloss sich dort ein. Dieses Verhalten war mir neu. Ich habe mich dann vor die Badezimmertür gesetzt und sie gefragt: „Bist du gerade total sauer?!”

Es kam keine Antwort.

„Fandest du das Gespräch beim Zahnarzt gerade richtig kacke?!” Und: „Hast du Angst vor der Behandlung?!”

Stille.

Dann habe ich meine Klappe gehalten und nur gesagt: „Ich bin hier vor der Tür. Und ich bleibe hier bei dir.”

Und so saß ich dann da. Ihr Papa machte gerade das Abendbrot. Ich hatte mega Hunger und wusste, dass auch meine Tochter mega Hunger hatte. Deshalb stellte ihr Papa auf einem Tablett eine Brotzeit vor die Badezimmertür. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass wir an diesem Abend noch gemeinsam am Esstisch sitzen würden, war ohnehin sehr gering.

Irgendwann sagte ich zu meiner Tochter: „Ich stehe auf, hole etwas und komme wieder.”

Ich habe ein Herz auf einen Zettel gemalt und Waltraud dieses Herz unter der Tür durchgeschoben. Das Herz kam wieder zurück. Ich habe einen Moment gewartet und ihr dann das Herz noch mal reingeschoben. Dann behielt Waltraud das Herz bei sich.

Ich habe immer wieder gesagt: „Ich bin hier.” Und ab und an habe ich dann mal gefragt: „Du bist gerade richtig sauer, oder?! Deswegen hast du die Tür abgeschlossen.”

Es kam keine Antwort.

Irgendwann hat Waltraud gegen die Tür getreten. Das war für mich die Bestätigung, dass sie mächtig sauer ist und mich wahrscheinlich auch gerade total scheiße findet. Und ich merkte, dass ich mit meiner Empathie schwer weiterkam. Auch auf die Frage, ob ich reinkommen darf, ob sie mich reinlässt: keine Antwort. Das ging etwa eine Stunde so.

Dann übernahm ich die Führung. Denn ich kann diese Tür von außen aufmachen. Ich habe gesagt: „Ich übernehme jetzt die Führung und betrete das Badezimmer.” Ich bin rein und habe mich mit Abstand neben Waltraud gesetzt. Sie hatte den Rücken zu mir gewandt. Ich habe gewartet. Irgendwann durfte ich ihren Rücken anfassen. Noch mal eine halbe Stunde später saß sie auf meinem Schoß. Ich konnte sie in meinem Arm hin und her wiegen. Und endlich ließ Waltraud was raus. Sie sagte, dass sie diese Behandlung ablehnt und Angst davor hat.

Wir haben dann im Badezimmer zusammen das Abendbrot gegessen. Wir haben sogar noch eine Stulle extra bestellt beim Papa.

Ich blieb weiter in der Führung und sagte: „Also dieses Zahnarztthema, da entscheide ich, wann wir anfangen, darüber zu sprechen.” Denn ich wusste, dass der nächste Termin noch über einen Monat hin ist. Und ich wusste, dass Waltraud müde war. Und ich wusste, dass noch andere Sachen in unserem Leben anstehen. Deshalb habe ich gesagt: „Ich habe dich gehört und ich entscheide, wann wir darüber sprechen. Und heute Abend bin ich für dich da. Wir brauchen beide Schlaf und wir gehen jetzt ins Bett.”

So haben wir es gemacht.

Begleitung, Empathie und Führung in einem – das hat Waltraud aus ihrem Wut- und Frusttunnel herausgeholfen. Und das ist einfach etwas komplett anderes, als sie mit ihren Themen alleinzulassen.

Hat die Gewaltfreie Kommunikation Grenzen?

Fazit

Gewaltfreie Kommunikation ist weder Laissez-faire noch Kuschelkurs. Sie ist ein Weg, Verantwortung zu übernehmen – für dich und dein Kind. Sie hilft dir, in deine Elterliche Führung zu kommen und gleichzeitig in Verbindung mit deinem Kind zu bleiben. Es ist keineswegs das Ziel, Konflikte zu vermeiden, sondern sie so zu begleiten, dass ihr einander versteht und alle Seiten verstanden werden.

Wenn du lernen möchtest, Bedürfnisse schneller zu erkennen und Konflikte so zu begleiten, dass alle bekommen, was sie brauchen, findest du bei mir unfassbar viele Materialien und Angebote – für eine Elternschaft in Leichtigkeit und Verbindung.

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Herzlich willkommen auf meinem Blog!

Ich bin Kathy Weber, zweifache Mama und ausgebildete Trainerin der Gewaltfreien Kommunikation nach M. Rosenberg.
Ich helfe dir zu verstehen, was dein Kind dir mit seinem Verhalten wirklich sagen möchte und wie ihr Konflikte im Alltag in Verbindung lösen könnt.

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