Wenn eine langjährige Beziehung zu Ende geht, heißt das meist: räumliche Trennung, finanzielle Trennung, Betreuung der Kinder – aus einem gemeinsamen Leben werden zwei getrennte Leben. Da darf an sehr vieles gedacht und organisiert werden. Ich weiß, wovon ich spreche.
Und es geht außerdem darum, dass du deinem Kind zeigst, dass herausfordernde Situationen und unangenehme Gefühle zum Leben dazugehören. Nur: Dein Kind (übrigens auch wir Erwachsenen) darf da reinwachsen und die Trennung in seinem Tempo verarbeiten.
Wie du dein Kind durch Trennung und Scheidung begleiten kannst, welche Strategien euch helfen, mit der neuen Situation klarzukommen – das liest du in diesem Artikel.
Die wichtigsten Infos zusammengefasst:
Sicherheit ist das wichtigste Bedürfnis deines Kindes nach einer Trennung oder Scheidung.
Alle Gefühle deines Kindes dürfen da sein – gib ihnen Raum.
Frage dich immer wieder: „Was braucht mein Kind gerade?“
Nutzt für euch passende Strategien (bewährte und neu entwickelte), die deinem Kind helfen, mit der Veränderung umgehen zu lernen.
Wenn du in deine Elterliche Führung kommst und deinem Kind Sicherheit schenkst, darf dein Kind an Herausforderungen wachsen und über sich hinauswachsen
Wie Kinder bzw. Teenager die Scheidung der Eltern verarbeiten
Ein Wechsel der Familiensituation ist eine sehr große Veränderung im Leben deines Kindes. In diesem Moment fühlt es sich für dein Kind an, als ob ihm der sichere Boden, der bisher da war, unter den Füßen weggerissen wird. Und da ist es erst mal ziemlich egal, wie alt dein Kind oder Teenager ist.
Und dann braucht es nach meinem zertifizierten Erziehungs- und Beratungskonzept LilaLiebe® vor allem eins: Sicherheit. Sie ist das wichtigste Bedürfnis der ersten Autonomiephase (zwischen circa anderthalb und fünf Jahren). Doch auch wenn du dich mit einem Teenagerkind, das sich in der dritten Autonomiephase befindet, trennst, wird dein Teenagerkind erst mal wieder die Bedürfnisse der ersten Autonomiephase erfüllt brauchen. (Du selber übrigens auch.)
Das ist evolutionär bedingt. Denn wenn der Säbelzahntiger kam und keine Sicherheit da war, dann wurdest du aufgefressen. Und heute sind die Säbelzahntiger eben die besonders großen Konflikte und Herausforderungen, die wir im Alltag haben. Da springt das Nervensystem genauso an wie früher beim Säbelzahntiger.
Erst wenn das Bedürfnis nach Sicherheit erfüllt ist, kann sich dein Nervensystem wieder regulieren. Und was gehört alles zum Bedürfnis Sicherheit dazu? Das sind zum Beispiel Führung, Unterstützung, Gerechtigkeit, Geborgenheit, Klarheit, Grenzen, Ordnung, Struktur, Orientierung, Routine, Schutz, Stabilität und Zuverlässigkeit. All das braucht dein Kind erfüllt, damit es wieder sicheren Boden unter den Füßen spürt und sich weiterentwickeln kann.
Du schaust dir also genau an, wie du deinem Kind unter den veränderten Gegebenheiten Sicherheit schenken kannst. Gegebenenfalls habt ihr in eurer Familie bereits Strategien, die ihr weiterverwenden, anpassen oder vermehrt nutzen könnt. Ansonsten entwickelt ihr neue. Ich stelle dir gleich ein paar konkrete Strategien vor, die ich mit meinen Kindern lebe.
Was sind die Spätfolgen beim Scheidungskind?
Vielleicht fragst du dich, welche psychischen Folgen Scheidungskinder auf Dauer mit sich rumtragen – Bindungsangst, Trennungsangst beim Kind, Depression vielleicht. Gleichzeitig finde ich, dass die Frage vielmehr lauten sollte: Was braucht dein Kind, damit es mit dieser Veränderung umgehen kann?
Denn dein Kind trägt keineswegs automatisch sein Leben lang ein Trauma als Scheidungskind mit sich herum, weil du dich trennst. Dein Kind wächst an den Herausforderungen, wenn es dabei sicher begleitet wird. Und deshalb darfst du immer wieder schauen, was dein Kind braucht, welche Bedürfnisse hinter seinem Verhalten stecken und welche Strategien ihm dabei helfen, dass diese Bedürfnisse bei einer Trennung mit Kindern erfüllt werden.
E-Book Bedürfnisübersetzer
Ganz gleich, ob du dich gerade trennst – die Frage ist immer: Was braucht mein Kind gerade? Und wenn du Unterstützung dabei brauchst, dein Kind zu verstehen, dann lege ich dir meinen Bedürfnisübersetzer ans Herz. Mit diesem E-Book für sage und schreibe 0 € erkennst du auch in stressigen Momenten schneller, was dein Kind wirklich braucht – für mehr Verstehen und einen Familienalltag mit mehr Leichtigkeit.

Kommunikation: Wie sprichst du mit deinem Kind über die Scheidung?
Auch ich habe mich vom Vater meiner Tochter getrennt und ich möchte dir hier erzählen, wie ich meinen Teenagerkindern meine Entscheidung mitgeteilt habe.
Sprich mit deinem Kind auf Augenhöhe – je nach Entwicklungsphase
Zu dem Zeitpunkt, als ich mich vom Vater meiner Tochter (der Halbschwester meines Sohnes) getrennt habe, war mein Sohn 18. Und er wusste seit Jahren von meinen Herausforderungen und wie es mir ging. Denn ich hatte starke körperliche Symptome, die mir gezeigt haben, dass da in meinem Leben ziemlich was im Ungleichgewicht war, und das hat er natürlich mitgekriegt. Denn ich lasse meine Kinder an meinem Leben teilhaben – immer auf Augenhöhe, versteht sich.
Das heißt, dass ich meinen Sohn (er ist knapp neun Jahre älter als meine Tochter) viel früher abgeholt habe. Ich habe mich mit ihm ausgetauscht. Gleichzeitig habe ich mich ihm immer so mitgeteilt, dass er wusste, dass ich mich um mich kümmere. Denn meine Gefühle und meine Bedürfnisse sind ja meine Verantwortung. Und er hat mir immer zugesprochen und gesagt: „Mami, du schaffst das. Und du machst das in deinem Tempo.“
Wenn du teilhaben möchtest, wie ich trotz Angst meine Klarheit fand und mich zur Trennung mit Kindern entscheiden habe, dann höre gern in meinen Podcast rein oder schau dir in meinem Vlog an, wie ich zum ersten Mal offen über meine Trennung spreche.
Bei meiner Tochter (sie war zu dem Zeitpunkt neun Jahre alt) habe ich es anders gemacht. Ich hatte entschieden, dass ich meinem damaligen Mann das mit der Trennung zu meinem Schutz telefonisch mitteilen werde. Weil die Kommunikation damals schon voll im Keller war.
An dem Tag, als das Telefonat war, bin ich mit meiner Tochter zu ihrem Schutzort gefahren, zu ihrem Pony. Wir haben Freiarbeit mit dem Pony gemacht. Meine Tochter ist ohne Sattel im Roundpen geritten. Sie hat gekichert, ich habe gekichert, es war wunderbar.
Irgendwann habe ich die beiden (meine Tochter und das Pony) zu mir gerufen und ich habe sie von ihrem Pony geholt. Ich habe mich vor sie hingekniet und habe versucht, ihr das kindgerecht zu erklären. Denn wenn du einem Kind sagst: „Ich habe mich getrennt“ – was heißt das denn genau? Ich habe es deshalb direkt verknüpft und ihr erklärt: „Wir bleiben weiterhin deine Eltern. Gleichzeitig sind wir kein Liebespaar mehr. Denn ich möchte, dass es mir endlich gut geht. Und deswegen ziehe ich das jetzt durch.“
Dann habe ich sie gefragt, wie sie sich gerade fühlt. Sie sagte: „Weiß ich nicht.“ Ich sagte: „Du bist wahrscheinlich gerade ein bisschen schockiert. Weißt nicht, wohin mit dir.“ Sie sagte: „Ja, genau.“
Dann habe ich sie in den Arm genommen und gewiegt. Das Pony stand daneben und hat an ihr geleckt. Meine Tochter hat ihr Pony gestreichelt. Und dann sagte ich zu ihr: „Du darfst traurig sein.“ Und dann hat sie geweint. Wir haben zusammen geweint. Während ich weiterhin vor ihr gekniet habe. Das war ein sehr bewegender Moment.
Sie sagte noch: „Ich habe mir das schon gedacht, dass das irgendwann kommt. Und eigentlich finde ich es jetzt auch ganz gut so.“ Und ich sagte noch: „Ich kümmere mich und wir werden das schaffen. Du bist in Sicherheit.“
Mein Sohn wusste, dass ich es ihr an diesem Tag sagen würde. Ich hatte ihn gefragt, ob er an diesem speziellen Freitagabend bereit wäre, bei uns zu Hause zu sein. Es war ein Freitag und der Freitagabend ist ja für Teenager heilig – doch er war da. Wir haben Sushi geholt, eine Kerze angemacht und zusammen gegessen. Dann haben wir noch Musik gehört, zusammen getanzt und angestoßen. Wir haben das „Ja“ gefeiert – mein „Ja“ zu mir.
Lass am Anfang so viel wie möglich beim Gewohnten
Da ich weiß, dass bei solchen krassen Veränderungen Kinder unfassbar viel Orientierung, Geborgenheit, Unterstützung, Struktur, Schutz und Rituale brauchen, war für mich klar, dass meine Tochter in der Nacht neben mir schlafen wird – so wie vorher auch, links von mir. Ich habe versucht, dass erst mal so viel wie nur möglich beim Gewohnten bleibt – und vorerst nur die nötigsten Sachen geändert werden.
Mein Sohn hat sich dann verabschiedet und seinen Teenager-Freitagabend genossen. Das war ein sehr bewegender Abend mit meinen Kindern.
Übernimm die Verantwortung für deine Entscheidung
Das heißt:
Ich habe mit beiden Kindern altersentsprechend auf Augenhöhe gesprochen. Die Kinder wissen ja ohnehin Bescheid. Die fühlen viel mehr, als du denkst, und die kriegen das alles mit. Gleichzeitig wirst du deine Trennung einem dreijährigen Kind anders erklären als einem neun- oder achtzehnjährigen Kind. Und anders als deiner besten Freundin oder deinem besten Freund.
Also hab da wirklich den Arsch in der Hose und übernimm die Verantwortung für deine Entscheidung und kommuniziere sie transparent, ehrlich, offen und authentisch.
Ja, und dann kommen wahrscheinlich auch Fragen von deinem Kind. Beantworte sie immer alle auf Augenhöhe. Es ist unfassbar wichtig, dass dein Kind erfährt, dass es dich immer alles fragen kann und dass es immer eine Antwort bekommt, mit der es was anfangen kann.
Denn wenn du zu deinem Kind so was sagst wie „Das geht dich nichts an, das ist privat“ – dann brauchst du dich kaum zu wundern, wenn dein Kind dir irgendwann auch nichts mehr erzählt und sagt: „Das geht dich nichts an, das ist privat.“
Die erste Nacht beim anderen Elternteil: Vorbereitung & Strategie
Irgendwann steht die erste Nacht beim anderen Elternteil an und du fragst dich, wie du dein Kind da bestmöglich begleiten kannst.
Höre deinem Kind zu und versuche zu verstehen, was es braucht
Vielleicht sagt dein Kind dir so was wie:
- „Ich habe Angst, dass ich dich vermissen werde.“
- „Ich mache mir Sorgen, dass ich mitten in der Nacht nach Hause möchte.“
- „Ich will da nicht hin.“
Und dann ist es deine Aufgabe, zu übersetzen, was dein Kind dir damit sagen möchte. Welche Bedürfnisse es erfüllt braucht, um das schaffen zu können. Denn natürlich will dein Kind das schaffen – alle Kinder wollen intrinsisch mitmachen. Sie brauchen nur häufig Hilfe dabei.
Und ich wollte auch, dass es für meine Tochter ein positives Erlebnis wird. Weil es Teil ihres neuen Lebens ist, dass sie ohne mich bei Papa übernachtet.
Greife auf bewährte Strategien zurück
Meine Tochter brauchte vor der ersten Nacht in der Übergangswohnung ihres Papas auf jeden Fall ganz viel Nähe und Geborgenheit. Sie brauchte, dass Mama da ist, obwohl sie abwesend ist. Sie wollte Bescheid wissen, wie es läuft (was, wer, wann, wo, wie?). Und das haben wir entsprechend vorbereitet.
Erst mal habe ich zugehört, was sie gesagt hat. Und habe ihren Gefühlen Raum gegeben. Denn hinter all diesen Sätzen, die sie gesagt hat, stecken ja Bedürfnisse, auf die meine Tochter mich aufmerksam zu machen versucht. Um ihr diese Bedürfnisse zu erfüllen, habe ich auf Strategien aus unserem Fundus zurückgegriffen. Ich brauchte keine neuen Strategien herzuzaubern, sondern der Rückgriff auf unsere bewährten Strategien und Rituale war direkt ein Weg, meiner Tochter Sicherheit zu schenken.
Unsere Lieblingsstrategie: Die Mama-Box
Eine Strategie, die sich bei uns bewährt hat, ist die Mama-Box. Das kannst du natürlich zur Papa-Box übersetzen. Und die Box kann genauso ein Koffer, ein Rucksack oder eine Tasche sein. Du passt das für dich an.
Und in der Mama-Box sind ganz viele Strategien für Mama-Nähe drin, die meine Tochter kennt: ein von mir getragenes Unterhemd, ein Duft von mir, ein Foto von uns beiden sowie ein Stein und ein Kuscheltier, die ich zuvor in ihrem Beisein mit Mama-Nähe und Mama-Energie aufgeladen habe. Das Kuscheltier hatte sich meine Tochter zuvor ausgesucht.
Die Box heißt für uns: Es geht auch ohne Mama, wenn Mama gerade abwesend ist. Weil Mama trotzdem immer da und nah ist. Darum geht es mir in der Begleitung meiner Kinder: dass sie lernen, zu erkennen, was sie brauchen, und dass sie Strategien haben, mit denen sie sich darum kümmern können – unabhängig von einem bestimmten Menschen.
Schenke deinem Kind Orientierung
Und meine Tochter brauchte ganz viel Orientierung. Deshalb habe ich ihr einen Plan gemacht. Ich habe ihr genau aufgeschrieben, wie die nächsten zwei Tage ablaufen: Wer holt sie ab? Wo schläft sie? Wann sehen wir uns wieder?
Wenn dein Kind kleiner ist, machst du das mit Symbolen.
Außerdem habe ich ihr für ihre Orientierung noch einen Zettel mitgegeben, auf dem draufstand, wann ich sie anrufe, nämlich abends um 19:30 Uhr – damit wir uns über den Tag austauschen können und sie noch mal Mama-Nähe bekommt, bevor wir uns dann „Gute Nacht“ sagen. Natürlich kann sie mich auch jederzeit anrufen. Mir ist nur wichtig, dass sie weiß, wann ich anrufe – für Zuverlässigkeit.
Genau das verstehe ich unter Elterlicher Führung: Dass ich erkenne, was mein Kind braucht, und mich darum kümmere.
Und so ist die erste Nacht beim Papa in der neuen Wohnung ein voller Erfolg geworden. Meine Tochter kam am nächsten Abend nach Hause und sagte: „Mama, ich habe dich gar nicht vermisst.“ Und ich antwortete ihr: „Das feiern wir. Du hattest alles, was du brauchst. Und du hattest Mama-Nähe, obwohl ich abwesend war.“ Sie sagte: „Ja.“ Und ich sagte: „Siehst du: Du kannst alles schaffen, was du willst.“
Wie vermeidest du einen Loyalitätskonflikt und Schuldgefühle?
Dein Kind kann unterschiedliche Beziehungen zu dir und zum anderen Elternteil leben, wenn es sich sicher fühlt. Auch wenn die Eltern zusammenleben, kann ein Elternteil es so und das andere Elternteil es anders machen. Und wenn Scheidungskinder alles haben, was sie brauchen, entsteht auch gar kein Loyalitätskonflikt.
Einmal hat mir meine Tochter etwas über ihre Zeit mit Papa erzählt und ich habe gehört, dass ihr Papa sie morgens bis an die Tür der Schule gebracht hat. Ich bringe sie auf gar keinen Fall bis zur Tür. Sondern meine Tochter kann entscheiden, wo ich mich verabschiede – auf jeden Fall vor der Schule, weil ich ihre Autonomie unterstützen möchte.
Ich habe sie gefragt: „Wieso bringt Papa dich denn bis zur Tür?“
Und sie hat geantwortet: „Mama, wir haben unsere Rituale. Und mit Papa entwickle ich unsere eigenen Rituale.“
Und ich habe das so hart abgefeiert! Wie sie mit sich in Verbindung ist! Sie hatte überhaupt gar keinen Loyalitätskonflikt! Sie ist für sich eingestanden und hat sie Grenzen gesetzt. Und das kann sie, weil sie alles hat, was sie braucht.
7 Strategien für euren Familienalltag nach der Trennung
Gib den Gefühlen deines Kindes Raum
Wie begleitest du dein Kind, wenn es traurig ist und beispielsweise das andere Elternteil vermisst? Du gibst seinen Gefühlen Raum! Dein Kind darf traurig sein. Und wenn es ihm schwerfällt, seine Gefühle in Worte zu fassen, dann schenkst du deinem Kind Empathie und hilfst ihm dabei:
- „Du vermisst Mama/Papa gerade ganz doll, oder?!“
- „Du hättest Mama/Papa jetzt gerade hier?!
Und dann setzt ihr euch zu der Mama-/Papa-Box, die ihr vielleicht habt, oder schaut euch ein Foto des anderen Elternteils an. Das heißt: Die Gefühle werden keinesfalls „weggemacht“, du lenkst dein Kind keinesfalls ab und du verzichtest auf Manipulation. Denn wenn meine Tochter mir sagt: „Mama, was ist, wenn ich ohne dich nicht einschlafen kann?“ – dann stecken dahinter ja unerfüllte Bedürfnisse. Und wenn ich da einfach drüber hinweggehe, indem ich beispielsweise sage:
„Ach komm, bei Papa ist es auch total schön und es ist ja nur eine Nacht und dann kommst du wieder“, wische ich das alles weg, was bei meinem Kind gerade da ist. Und mein Kind lernt dann: „Ah, das darf nicht sein. Ich darf keine Angst haben. Meine Gefühle sind falsch. Ich muss funktionieren.“
Und das ist ja das Gegenteil von dem, wo wir hinwollen. Sondern wir wollen gucken, was das Kind braucht, um das schaffen zu können. Und dann macht das Kind auch intrinsisch motiviert mit. Weil es das ja selber schaffen will.
Also:
Dein Kind darf traurig sein. Es darf verzweifelt sein, es darf Angst haben. Und du brauchst dafür keine Lösung. Denn Mama und Papa haben entschieden, dass sie getrennt sein. Das ist Fakt. Und das darf dein Kind so lange betrauern, wie es das braucht.
Jede Veränderung ist am Ende ein Geschenk, und jede Trennung ist auch was sehr Positives. Und ich möchte, dass meine Tochter es irgendwann richtig abfeiert, dass sie zwei Zuhause hat und dass sie die schönen Seiten als überwiegend empfindet. Nur wir dürfen eben auch die herausfordernden Gefühle zulassen, die damit einhergehen. Lasst uns keine Angst haben vor Konflikten und keine Angst haben vor großen Gefühlen. Denn es gibt immer in jeder Situation Vor- und Nachteile und ich möchte, dass meine Tochter stabil genug ist, um auch mit den Nachteilen umzugehen.
Speichert eure Herzensmomente ab
Schon vor der Trennung habe ich mit meiner Tochter ganz bewusst Herzensmomente abgespeichert. Und wenn sie jetzt bei ihrem Papa ist und mich vermisst, können wir solche Herzensmomente abrufen.
Was für dich und dein Kind ein Herzensmoment ist – das könnt nur ihr entscheiden. Damit du verstehst, was ich meine, erzähle ich dir von einem Herzensmoment, den meine Tochter und ich teilen.
Also. Bevor sie zu ihrem Papa geht, reiten wir in der Regel mit den Pferden aus. Dann galoppieren wir beispielsweise nebeneinanderher und halten uns an der Hand. Und dann leite ich sie an und sage: „Das ist ein Herzensmoment! Ganz tief einatmen und das Gefühl abspeichern, das du gerade hast!“ Und dann frage ich sie, wie das Gefühl ist, und sie sagt zum Beispiel: „Es ist ganz kribbelig“, oder: „Es ist lila!“ Und ich sage: „Fantastisch! Abspeichern!“
Und wenn dann so ein Moment ist, dass sie mich anruft und mir sagt, dass sie mich vermisst, dann sage ich: „Erinnerst du dich, wie wir vorgestern gemeinsam Hand in Hand durch den Wald galoppiert sind? Mach mal die Augen zu! Kannst du es sehen? Erinnere dich, wie sie das angefühlt hat! Und wie die Farbe deines Gefühls war! Atme tief ein und tauche in dieses Gefühl ein!“ Und dann sage ich ihr, dass sie die Augen wieder öffnen kann und ich frage sie, wie sie sich jetzt fühlt, und dann sagt sie sowas wie: „Ich bin ganz voll mit Mama-Liebe und Mama-Nähe. Ich habe alles, was ich brauche.“
Schenke deinem Kind Orientierung mit klaren Plänen
Veränderungen schaffen Unsicherheit. Eine Familie ist ja ein System mit einer bestimmten Ordnung. Und wenn jetzt die Familienoberhäupter entscheiden, dass sie das System verändern, dann braucht dein Kind eine neue Ordnung und neue Routinen.
Wie beim Ablaufplan für die erste Übernachtung helfen auch im Alltag klare Pläne und Rituale. Das könnt ihr natürlich auch im Größeren machen: Also, dass ihr beispielsweise in der Küche einen Plan hängen habt, auf dem dein Kind die Tage ankreuzen kann, bis es wieder zum anderen Elternteil wechselt.
Findet eure eigenen Strategien
Übernimm keinesfalls einfach irgendwelche Strategien. Sondern du darfst erst prüfen, welches Bedürfnis dein Kind denn hat. Frage dein Kind, ob es eine Idee hat, wie sich dieses Bedürfnis erfüllt. Und erst wenn es keine hat, sagst du: „Ich habe eine Idee. Willst du sie hören? Wollen wir es mal ausprobieren?“
Trainiere mit deinem Kind den Gefühls- und Bedürfniswortschatz
Benenne bei euren Strategien immer wieder die Gefühle und Bedürfnisse, um die es gerade geht – damit dein Kind immer mehr lernt, Worte zu haben für das, was gerade bei ihm da ist. Denn erst wenn es seine Gefühle und Bedürfnisse benennen kann, erkennt es viel leichter, was es braucht, um sich irgendwann selbst darum kümmern zu können.
Wiederholt eure Strategien – immer und immer wieder
Die beste Strategie bringt wenig, wenn sie nur einmal zum Einsatz kommt. Eure Strategien nutzt ihr weder einmal noch fünfmal. Sondern ihr nutzt sie gefühlt zehntausendmal. Immer und immer wieder. Das darf sich ritualisieren. Denn je sicherer und fester der Boden unter den Füßen deines Kindes ist, desto resilienter kann es mit Übergängen und Veränderungen umgehen.
Passt eure Strategien immer wieder an
Als meine Tochter das zweite Mal in der Übergangswohnung ihres Papas übernachtet hat, habe ich sie wie vereinbart abends angerufen (Zuverlässigkeit erfüllt). Und ich sagte ihr: „Morgen früh guckst du einfach, was du brauchst, und ob es eine passende Strategie für dich ist, mich auf dem Weg zur Schule anzurufen. Probiere das einfach aus.“
Am Morgen hatte ich keinen Anruf von meiner Tochter. Sie kam ohne diese Strategie klar. Und das haben wir am Abend total gefeiert. Sie hatte alles, was sie brauchte, um in den Tag zu starten. Und sie konnte eben auch den Ablauf mitgestalten (Autonomie erfüllt).
Was ich damit sagen will: Schau immer wieder hin und passe gegebenenfalls deine Strategien an. Guck jedes Mal neu, was dein Kind braucht. Denn jedes Kind darf den Prozess der Trennung und der Scheidung in seinem eigenen Tempo durchlaufen.
Fazit: So wächst dein Kind an der Veränderung
Was dein Kind bei einer Trennung beziehungsweise Scheidung vor allem braucht, ist Sicherheit. Wenn du dich im Alltag immer wieder um all die Bedürfnisse kümmerst, die zu Sicherheit gehören (wie etwa Geborgenheit, Orientierung und Zuverlässigkeit), wird sich Sicherheit automatisch sukzessive immer mehr erfüllen und dein Kind wird immer mehr festen Boden unter den Füßen zurückbekommen.
Dann beruhigt sich sein Nervensystem und dein Kind kann Zugehörigkeit wirklich wahrnehmen, Liebe kann bei ihm ankommen, Empathie kann bei ihm ankommen. Und dann kann auch nach einer Trennung fundierte Bindung stattfinden.
Bei meiner Tochter ist das so. Ich beobachte, wie sie in die neue Situation reinwächst und wie sie dabei über sich hinauswächst und dass die Trennung ihrer Eltern kein Trauma ist, sondern ein Erlebnis in ihrer Kindheit, durch das sie nochmals wachsen darf. Und so nehmen wir da auch das Drama raus.
Oft gestellte Fragen (FAQ)
Mein Teenager will nicht zum anderen Elternteil. Was kann ich tun?
Wenn dein Kind es ablehnt, zum anderen Elternteil zu gehen, und dein:e Ex-Partner:in auf sein Recht besteht, finde ich das eine Vollkatastrophe. Denn dann geht es nur um das, was die Eltern wollen. Lasst uns unser Ego hinten anstellen und wirklich auf das Kind gucken – welche Bedürfnisse das Kind hat und wie diese bestmöglich erfüllt werden. Und das Kind darf das in seinem Tempo machen.
Was tun, wenn mein Teenager nach der Scheidung aggressiv oder verschlossen reagiert?
Aggression oder Rückzug sind der Versuch deines Teenagers, mit der großen Veränderung umzugehen. Vielleicht hast du den Eindruck, dein Teenager rastet wegen Kleinigkeiten aus. Verzichte darauf, das Verhalten deines Teenagers zu bewerten – lasse dein Kind jedoch auch keinesfalls allein mit seinen Gefühlen. Frage dich immer wieder: Was möchte dein Kind dir gerade sagen? Welche Bedürfnisse wollen erfüllt werden? Und dann könnt ihr gemeinsam geeignete Strategien zur Erfüllung seiner Bedürfnisse entwickeln.
Darf ich meinem Kind nach der Scheidung einen neuen Partner vorstellen?
Macht die Rollenverteilung klar: Wenn nach der Trennung oder Scheidung ein neuer Partner in euer Familiensystem reinkommt, dürft ihr nach einer gewissen Zeit untereinander klären, ob dieser Mensch bereit ist, Bonus-Elternteil zu sein. Dann hat er/sie die gleiche Verantwortung wie die leibliche Mutter oder der leibliche Vater. Das ist selbstverständlich vollkommen freiwillig. Im anderen Fall bleibt er/sie der/die Freund:in von Mama/Papa und hat für bestimmte Dinge kein Mitspracherecht und ist kein Teil bestimmter Familienrituale.
Mein Teenager spielt uns Eltern gegeneinander aus. Was mache ich?
Zunächst mal: Wenn du sagst, „Mein Teenager spielt uns gegeneinander aus“ – dann ist das eine Interpretation und eine Bewertung deinerseits. Hier möchte ich dich zu einem Perspektivwechsel einladen und dein Kind beobachten, ohne es zu verurteilen. Also: Was genau macht dein Kind? Was genau sagt es? Und dann kannst du überlegen, was dein Teenagerkind dir mit diesem Verhalten sagen möchte, welche unerfüllten Bedürfnisse hinter seinem Verhalten stecken und wie ihr da in die Bedürfniserfüllung kommt.
Brauchen wir als Familie eine Therapie, um die Scheidung zu verarbeiten?
Lass uns das Drama rausnehmen: Eine Trennung oder Scheidung ist eine große Veränderung für dein Kind. Doch dein Kind braucht da kein Trauma zu entwickeln, wenn du dich immer fragst: Was braucht mein Kind gerade? Wenn du dein Kind sicher durch diese Veränderung begleitest und seine Bedürfnisse im Blick hast, kann es an dieser Erfahrung wachsen.
Was mache ich, wenn mein Kind glaubt, an der Scheidung schuld zu sein?
Vielleicht ist dir bewusst, dass es im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg keine Schuld und keine Schuldigen gibt. Forsche daher nach den echten Gefühlen deines Kindes wie beispielsweise Traurigkeit, Wut oder Angst und gib ihnen den Raum, den sie brauchen. Denn es ist ja klar: Die Entscheidung zur Trennung habt ihr Erwachsenen getroffen und dafür habt ihr die Verantwortung.


