Familienrituale – brauchst du das?

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Was sind Familienrituale?

Für mich sind Rituale vorgegebene Handlungen, die sich zu einer bestimmten Tageszeit (ähnlich) wiederholen. Das kann zum Beispiel ein immer gleicher Guten-Morgen-Gruß beim Aufstehen sein.

Wer entscheidet über Rituale?

Ich liebe den Leitsatz „Das Was entscheiden wir als Eltern – das Wie dürfen unsere Kinder mitgestalten.“ Und das halte ich bei dem Thema Rituale genauso. 

Du bist das Vorbild deines Kindes. Dein Kind wird dich bewusst und unbewusst in Sprache und Handeln nachahmen.
Du hast also täglich die Möglichkeit deinem Kind ein Vorbild zu sein.

Um die für euere Familie passenden Rituale zu finden, gehe daher gerne vorab in die Selbsteinfühlung – bevor du Rituale übernimmst, die für euch als Familie unpassend sind.

Beispielfragen für deine Einfühlung:

Finde für dich und/oder auch deine:n Partner:in anhand dieser Fragen zunächst heraus, was eure Familie wann braucht.

Was bewirken Familienrituale?

Rituale mit Kindern erfüllen gleich mehrere Bedürfnisse in der Familie – daher liebe ich sie einfach.

Sie geben uns in erster Linie Sicherheit und Orientierung, da sie immer zur gleichen Zeit stattfinden können und sie unsere Kinder enorm bei Übergängen unterstützen.

Ein gutes Beispiel: das Zubettgehen.

Dieser Rahmen nimmt euch allen eine Riesenportion Stress im Alltag. Unser Gehirn liebt gleiche und sich wiederholende Abläufe, da es dann zur Ruhe kommen und sich regenerieren kann.

Durch Rituale entstehen auch ganz besondere Momente der Verbindung zwischen euch und euren Kindern. Die immer gleichen Zeiten und Abläufe schaffen Vertrauen und bieten euren Kindern einen Raum, in dem sie sich entfalten und öffnen können.

Da ihr die Rituale gemeinsam lebt, erfüllt ihr euch alle außerdem noch Bedürfnisse wie Zugehörigkeit, Zusammenhalt, Nähe, Liebe, Geborgenheit und vieles mehr.

Wie du lesen kannst, komme ich aus dem Schwärmen kaum mehr heraus, wenn es um Rituale geht. Für mich gibt es kein Leben ohne Rituale und ich liebe es klein und einfach – für noch mehr erfüllte Bedürfnisse wie beispielsweise Leichtigkeit.

Familienrituale, die deine Familie stärken und die du leicht umsetzen kannst

Ich möchte dir fünf meiner liebsten Familienrituale vorstellen.

Mit diesen kannst du die Gewaltfreie Kommunikation spielerisch in deine Familie einfließen lassen oder sie auch ganz ohne GfK leben – ganz so wie es für euch passt.

Wichtig:

Nimm gerne mit, was sich gut anfühlt. Und du darfst gerne liegenlassen, was keinen Nerv anspricht.

1. Stimmungsuhr
In der GfK geht es darum, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse kennenzulernen.
Um den Gefühlswortschatz deines Kindes spielerisch zu entwickeln und auch den eigenen auszubauen liebe ich die Stimmungsuhr.

Ihr bastelt eine Pappuhr mit einem beweglichen Zeiger und malt verschiedene Gefühle, beispielsweise in Form von Gesichtern, in regelmäßigen Abständen auf die Uhr.

Bastelt die Uhr gerne mit euren Kindern zusammen und lasst sie diese selbst gestalten.

Platziert die Uhr dann an einem Ort, der euch allen gefällt, um täglich über eure Gefühle sprechen zu können.

Tipp: Ich mach das gerne morgens, bevor es in den Kindergarten geht, um gegebenenfalls die beginnende Traurigkeit auffangen zu können.

Alternativ: Gefühlsbarometer
Altersempfehlung: ab 2 Jahre
In meinem Shop findet ihr eine ausführliche Bastelanleitung

2. Eine Giraffe zieht ein
Marshall Rosenberg hat als Symbole in der Gewaltfreien Kommunikation die Tiere Wolf und Giraffe gewählt. Näheres dazu findet ihr auch in meinem Artikel zur Giraffensprache (Link).

Kurz:
Der Wolf steht für die wertende Sprache.
Die Giraffe steht für die Sprache des Herzens.

Bei uns daheim ist daher eine kleine Stoffgiraffe eingezogen. Wir haben ihr einen Namen gegeben und sie begleitet uns seitdem bei den vier Schritten der Gewaltfreien Kommunikation.

Wenn wir über unsere Gefühle und Bedürfnisse reden, nehmen wir dazu z. B. auch unsere Stimmungsuhr.

Wie gehen die vier Schritte der GfK noch mal genau? Eine detaillierte Beschreibung findest du auch in dem Artikel Giraffensprache.

Die Giraffe steht dann für diese Sprache des Herzens und gilt in der Familie als Symbol.

Du magst keine Giraffen? Dann wähle gemeinsam mit deinem Kind gerne ein anderes Tier, welches bei euch für die Herzenssprache stehen darf.

Macht euch frei von Vorgaben und findet euren Weg!

Dieses Familienritual eröffnet euch spielerisch die Möglichkeit, die GfK beziehungsweise den Austausch über eure Gefühle und Bedürfnisse bei euch im Alltag einziehen zu lassen.

Altersempfehlung: ab 2 Jahre

3. Feiern und Bedauern
Dieses Familienritual ist mein absolutes Lieblingsritual. Denn es bringt soviel Verständnis, Freude und Verbindung zu mir und zu meinen Kindern.

Was das ist, fragst du dich jetzt?

Im Laufe des Tages werden Bedürfnisse erfüllt – das dürfen wir feiern.

Gleichzeitig gab es auch einige unerfüllte Bedürfnisse, die sich über den Tag angestaut haben. Dies dürfen wir bedauern.

Du feierst und bedauerst also gemeinsam mit deinem Kind.

Nutze dafür gerne die jeweils gleiche Tageszeit, bspw. beim Abendessen, in der Einschlafbegleitung, in der Badewanne – jedenfalls da, wo ihr Raum und Zeit für diese Verbindung habt.

Finde eine für euch passende Situation ohne Trubel und Stress.

Wie geht das Ritual?

Gemeinsam mit deinem Kind formulierst du, was du feierst und welches Bedürfnis heute erfüllt wurde.

Beispiel:
„Ich feiere, dass wir heute zusammen Fahrrad gefahren sind, weil ich soviel Freude daran hatte und ich gerne Zeit mit dir verbringe.”

Nenne auch was du bedauerst und welches Bedürfnis unerfüllt ist.

„Ich bedauere, dass wir heute den ganzen Tag drinnen waren, da ich so gerne draußen bin, und ich vermisse den Ausgleich.“

Das Ritual ist kein Muss – jeder darf freiwillig mitmachen.

Und wenn die Formulierungen am Anfang noch holprig sind, gehe in den Formulierungen gerne als Vorbild voran und nenne ein Bedürfnis zu deinem Feiern und Bedauern.

Fällt deinem Kind das noch schwer, darfst du gerne mit kleinen Vorschlägen à la „… weil dir das Freude gemacht hat?“ unterstützen.

Wichtig ist die Freiwilligkeit und Freude an der Sache, deinem Kind etwas von dir und deiner Welt zu zeigen, dann wird es dir auch etwas von seiner zeigen wollen.

Und manchmal kommen auch versteckte Dinge zum Vorschein, die noch besprochen werden dürfen.

Wieviel jemand feiert oder bedauert, dafür gibt es meiner Meinung nach keine Grenzen. Es wird gefeiert und bedauert, was gerade da ist.

Altersempfehlung: ab 2 Jahre

4. Affirmationen
Das, was wir denken, formt bekanntlich unsere Realität.

Daher kann es hilfreich sein, mit positiven Gedanken durchs Leben zu gehen.

Du kannst also z. B. mit deinem Kind einen Spruch kreieren, mit dem ihr euch morgens für den Tag verabschiedet, oder einen Spruch, mit dem ihr euch in die Nacht verabschiedet.

Affirmationen eignen sich als Abschiedsrituale sehr, da es euch wie eine Art Schwur durch den Tag tragen kann.

Ich empfehle euch: Werdet kreativ!

Diese Sätze dürfen sich auch ändern – ganz wie es euch gefällt.

Doch sie können deinem Kind helfen, sicher durch den Tag zu kommen.

Beispiele:
„Ich bin ok – so, wie ich bin.”

„Ich bin für mich da.“

„Ich bin in Sicherheit.”

„Ich liebe diesen Tag.”

„Alles, was ich tue, macht mir Freude.”

Ich verbinde diese Sätze gerne mit einem Gefühl oder einem Bedürfnis. Sie sind positiv und in Ich-Form formuliert.

Altersempfehlung: wenn dein Kind Dreiwortsätze sprechen kann.

5. Familienschlüssel
Der Familienschlüssel ist ein Schlüsselwort oder eine Geste beispielsweise für Situationen, in denen jemand aus der Familie die Verbindung zu sich verliert oder laut wird.

Dann kann ein Familienmitglied durch diese Geste bzw. dieses Wort den anderen wieder runterholen.

Hier sind eurer Kreativität keine Grenzen gesetzt. Lasst euch gerne etwas Eigenes und Passendes einfallen.

Beispiel:
Wort: Giraffenherz
Geste: Hand auf Schulter legen

Fangt bei euren Kindern an – sie werden es euch relativ schnell nachmachen und auch euch zurück holen können. Das wiederum schafft, wie ich finde, ganz bezaubernde Momente der Verbindung.

Wichtig:

Bitte verwendet den Familienschlüssel als Einladung – es ist keine Drohung.

Hinweis:

Weist dein Kind dich auf den Familienschlüssel hin, damit du die Verbindung zu dir wieder bekommst, bedanke dich anschließend gerne (sofern möglich) für seine Unterstützung.

Das ist selbstverständlich auch später noch möglich, wenn du in der Situation gerade keinen Raum dafür haben solltest – gehe gerne später nochmal ins Gespräch und sage: „Als du vorhin XY gesagt hast, hast du mir sehr geholfen, da waren einfach zu viele Gefühle bei mir. Danke für deine Unterstützung.“

Altersempfehlung: ab 2 Jahre

Extra Tipp:

Lesen (mit der Gewaltfreien Kommunikation)

Es gibt meiner Meinung nach nur wenige Kinderbücher, die bewusst oder unbewusst im Sinne der GfK geschrieben sind. Bis auf mein eigenes, „Das Abenteuer meines Lebens“, fallen mir wirklich auch jetzt noch sehr wenige ein.

Ich vermeide aus persönlichen Gründen – und aus der GfK heraus – grundsätzlich Kinderbücher, in denen mit Belohnung und Bestrafung gesprochen wird.

Manchmal kann ich entsprechende Sätze umformulieren – doch ich sortiere auch Bücher rigoros aus, wenn ich das Buch gänzlich umformulieren wollen würde.

Ich formuliere auch Sätze mit den Wörtern „aber”, „man” und „nicht“ um.

Höre dazu gerne auch meine Podcastfolge “W wie Wörter, auf die es sich zu verzichten lohnt”.

Geht gerne in die Sprache der Gefühle und Bedürfnisse. Was fühlt die Figur in eurer Geschichte und was braucht sie vielleicht? Sprecht gerne dazu im Laufe der Geschichte.

Alternativ:
Kreiere gerne eigene Geschichten im Sinne der GfK. Was fühlen deine Figuren und was brauchen sie?

Du kannst die Leserunde täglich einbauen, z. B. vor dem Schlafengehen oder zum Runterkommen nach dem Alltag.

Ich verbinde dieses Familienritual mit unserem Feiern und Bedauern beim Zubettgehen.

Schau dir gerne deinen Alltag an, wo es am besten für euch passt.

Altersempfehlung: ab der Geburt in Form des Vorlesen und Ausdenkens; ab dem Sprechalter in Verbindung mit dem Austausch

Fazit

Das waren jetzt einige Familienrituale, mit denen du die GfK spielerisch mit deinen Kindern in euren Alltag integrieren kannst, die jedoch auch losgelöst von der GfK stehen können.

Suche dir für dich/euch das Passende aus und werdet kreativ – euch sind keine Grenzen gesetzt. Wichtig: Das sind Impulse aus meinem Leben. Was passt, entscheidet ihr. Und eure Verbindung geht vor. Keiner wird gezwungen und alles darf freiwillig sein. Hat jemand Schwierigkeiten mit einem Ritual, dann findet heraus, warum, und findet eine Lösung, die für alle ok ist.