Familienrituale – brauchst du das?

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Was sind Familienrituale?

Für mich sind Rituale vorgegebene Handlungen, die sich zu einer bestimmten Tageszeit (ähnlich) wiederholen. Das kann zum Beispiel ein immer gleicher Guten-Morgen-Gruß beim Aufstehen sein.

Wer entscheidet über Rituale?

Ich liebe den Leitsatz „Das Was entscheiden wir als Eltern – das Wie dürfen unsere Kinder mitgestalten.“ Und das halte ich bei dem Thema Rituale genauso. 

Du bist das Vorbild deines Kindes. Dein Kind wird dich bewusst und unbewusst in Sprache und Handeln nachahmen.
Du hast also täglich die Möglichkeit deinem Kind ein Vorbild zu sein.

Um die für euere Familie passenden Rituale zu finden, gehe daher gerne vorab in die Selbsteinfühlung – bevor du Rituale übernimmst, die für euch als Familie unpassend sind.

Beispielfragen für deine Einfühlung:

Finde für dich und/oder auch deine:n Partner:in anhand dieser Fragen zunächst heraus, was eure Familie wann braucht.

Was bewirken Familienrituale?

Rituale mit Kindern erfüllen gleich mehrere Bedürfnisse in der Familie – daher liebe ich sie einfach.

Sie geben uns in erster Linie Sicherheit und Orientierung, da sie immer zur gleichen Zeit stattfinden können und sie unsere Kinder enorm bei Übergängen unterstützen.

Ein gutes Beispiel: das Zubettgehen.

Dieser Rahmen nimmt euch allen eine Riesenportion Stress im Alltag. Unser Gehirn liebt gleiche und sich wiederholende Abläufe, da es dann zur Ruhe kommen und sich regenerieren kann.

Durch Rituale entstehen auch ganz besondere Momente der Verbindung zwischen euch und euren Kindern. Die immer gleichen Zeiten und Abläufe schaffen Vertrauen und bieten euren Kindern einen Raum, in dem sie sich entfalten und öffnen können.

Da ihr die Rituale gemeinsam lebt, erfüllt ihr euch alle außerdem noch Bedürfnisse wie Zugehörigkeit, Zusammenhalt, Nähe, Liebe, Geborgenheit und vieles mehr.

Wie du lesen kannst, komme ich aus dem Schwärmen kaum mehr heraus, wenn es um Rituale geht. Für mich gibt es kein Leben ohne Rituale und ich liebe es klein und einfach – für noch mehr erfüllte Bedürfnisse wie beispielsweise Leichtigkeit.

Familienrituale, die deine Familie stärken und die du leicht umsetzen kannst

Ich möchte dir fünf meiner liebsten Familienrituale vorstellen.

Mit diesen kannst du die Gewaltfreie Kommunikation spielerisch in deine Familie einfließen lassen oder sie auch ganz ohne GfK leben – ganz so wie es für euch passt.

Wichtig:

Nimm gerne mit, was sich gut anfühlt. Und du darfst gerne liegenlassen, was keinen Nerv anspricht.

1. Stimmungsuhr
In der GfK geht es darum, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse kennenzulernen.
Um den Gefühlswortschatz deines Kindes spielerisch zu entwickeln und auch den eigenen auszubauen liebe ich die Stimmungsuhr.

Ihr bastelt eine Pappuhr mit einem beweglichen Zeiger und malt verschiedene Gefühle, beispielsweise in Form von Gesichtern, in regelmäßigen Abständen auf die Uhr.

Bastelt die Uhr gerne mit euren Kindern zusammen und lasst sie diese selbst gestalten.

Platziert die Uhr dann an einem Ort, der euch allen gefällt, um täglich über eure Gefühle sprechen zu können.

Tipp: Ich mach das gerne morgens, bevor es in den Kindergarten geht, um gegebenenfalls die beginnende Traurigkeit auffangen zu können.

Alternativ: Gefühlsbarometer
Altersempfehlung: ab 2 Jahre
In meinem Shop findet ihr eine ausführliche Bastelanleitung

2. Eine Giraffe zieht ein
Marshall Rosenberg hat als Symbole in der Gewaltfreien Kommunikation die Tiere Wolf und Giraffe gewählt. Näheres dazu findet ihr auch in meinem Artikel zur Giraffensprache (Link).

Kurz:
Der Wolf steht für die wertende Sprache.
Die Giraffe steht für die Sprache des Herzens.

Bei uns daheim ist daher eine kleine Stoffgiraffe eingezogen. Wir haben ihr einen Namen gegeben und sie begleitet uns seitdem bei den vier Schritten der Gewaltfreien Kommunikation.

Wenn wir über unsere Gefühle und Bedürfnisse reden, nehmen wir dazu z. B. auch unsere Stimmungsuhr.

Wie gehen die vier Schritte der GfK noch mal genau? Eine detaillierte Beschreibung findest du auch in dem Artikel Giraffensprache.

Die Giraffe steht dann für diese Sprache des Herzens und gilt in der Familie als Symbol.

Du magst keine Giraffen? Dann wähle gemeinsam mit deinem Kind gerne ein anderes Tier, welches bei euch für die Herzenssprache stehen darf.

Macht euch frei von Vorgaben und findet euren Weg!

Dieses Familienritual eröffnet euch spielerisch die Möglichkeit, die GfK beziehungsweise den Austausch über eure Gefühle und Bedürfnisse bei euch im Alltag einziehen zu lassen.

Altersempfehlung: ab 2 Jahre

3. Feiern und Bedauern
Dieses Familienritual ist mein absolutes Lieblingsritual. Denn es bringt soviel Verständnis, Freude und Verbindung zu mir und zu meinen Kindern.

Was das ist, fragst du dich jetzt?

Im Laufe des Tages werden Bedürfnisse erfüllt – das dürfen wir feiern.

Gleichzeitig gab es auch einige unerfüllte Bedürfnisse, die sich über den Tag angestaut haben. Dies dürfen wir bedauern.

Du feierst und bedauerst also gemeinsam mit deinem Kind.

Nutze dafür gerne die jeweils gleiche Tageszeit, bspw. beim Abendessen, in der Einschlafbegleitung, in der Badewanne – jedenfalls da, wo ihr Raum und Zeit für diese Verbindung habt.

Finde eine für euch passende Situation ohne Trubel und Stress.

Wie geht das Ritual?

Gemeinsam mit deinem Kind formulierst du, was du feierst und welches Bedürfnis heute erfüllt wurde.

Beispiel:
„Ich feiere, dass wir heute zusammen Fahrrad gefahren sind, weil ich soviel Freude daran hatte und ich gerne Zeit mit dir verbringe.”

Nenne auch was du bedauerst und welches Bedürfnis unerfüllt ist.

„Ich bedauere, dass wir heute den ganzen Tag drinnen waren, da ich so gerne draußen bin, und ich vermisse den Ausgleich.“

Das Ritual ist kein Muss – jeder darf freiwillig mitmachen.

Und wenn die Formulierungen am Anfang noch holprig sind, gehe in den Formulierungen gerne als Vorbild voran und nenne ein Bedürfnis zu deinem Feiern und Bedauern.

Fällt deinem Kind das noch schwer, darfst du gerne mit kleinen Vorschlägen à la „… weil dir das Freude gemacht hat?“ unterstützen.

Wichtig ist die Freiwilligkeit und Freude an der Sache, deinem Kind etwas von dir und deiner Welt zu zeigen, dann wird es dir auch etwas von seiner zeigen wollen.

Und manchmal kommen auch versteckte Dinge zum Vorschein, die noch besprochen werden dürfen.

Wieviel jemand feiert oder bedauert, dafür gibt es meiner Meinung nach keine Grenzen. Es wird gefeiert und bedauert, was gerade da ist.

Altersempfehlung: ab 2 Jahre

4. Affirmationen
Das, was wir denken, formt bekanntlich unsere Realität.

Daher kann es hilfreich sein, mit positiven Gedanken durchs Leben zu gehen.

Du kannst also z. B. mit deinem Kind einen Spruch kreieren, mit dem ihr euch morgens für den Tag verabschiedet, oder einen Spruch, mit dem ihr euch in die Nacht verabschiedet.

Affirmationen eignen sich als Abschiedsrituale sehr, da es euch wie eine Art Schwur durch den Tag tragen kann.

Ich empfehle euch: Werdet kreativ!

Diese Sätze dürfen sich auch ändern – ganz wie es euch gefällt.

Doch sie können deinem Kind helfen, sicher durch den Tag zu kommen.

Beispiele:
„Ich bin ok – so, wie ich bin.”

„Ich bin für mich da.“

„Ich bin in Sicherheit.”

„Ich liebe diesen Tag.”

„Alles, was ich tue, macht mir Freude.”

Ich verbinde diese Sätze gerne mit einem Gefühl oder einem Bedürfnis. Sie sind positiv und in Ich-Form formuliert.

Altersempfehlung: wenn dein Kind Dreiwortsätze sprechen kann.

5. Familienschlüssel
Der Familienschlüssel ist ein Schlüsselwort oder eine Geste beispielsweise für Situationen, in denen jemand aus der Familie die Verbindung zu sich verliert oder laut wird.

Dann kann ein Familienmitglied durch diese Geste bzw. dieses Wort den anderen wieder runterholen.

Hier sind eurer Kreativität keine Grenzen gesetzt. Lasst euch gerne etwas Eigenes und Passendes einfallen.

Beispiel:
Wort: Giraffenherz
Geste: Hand auf Schulter legen

Fangt bei euren Kindern an – sie werden es euch relativ schnell nachmachen und auch euch zurück holen können. Das wiederum schafft, wie ich finde, ganz bezaubernde Momente der Verbindung.

Wichtig:

Bitte verwendet den Familienschlüssel als Einladung – es ist keine Drohung.

Hinweis:

Weist dein Kind dich auf den Familienschlüssel hin, damit du die Verbindung zu dir wieder bekommst, bedanke dich anschließend gerne (sofern möglich) für seine Unterstützung.

Das ist selbstverständlich auch später noch möglich, wenn du in der Situation gerade keinen Raum dafür haben solltest – gehe gerne später nochmal ins Gespräch und sage: „Als du vorhin XY gesagt hast, hast du mir sehr geholfen, da waren einfach zu viele Gefühle bei mir. Danke für deine Unterstützung.“

Altersempfehlung: ab 2 Jahre

Extra Tipp:

Lesen (mit der Gewaltfreien Kommunikation)

Es gibt meiner Meinung nach nur wenige Kinderbücher, die bewusst oder unbewusst im Sinne der GfK geschrieben sind. Bis auf mein eigenes, „Das Abenteuer meines Lebens“, fallen mir wirklich auch jetzt noch sehr wenige ein.

Ich vermeide aus persönlichen Gründen – und aus der GfK heraus – grundsätzlich Kinderbücher, in denen mit Belohnung und Bestrafung gesprochen wird.

Manchmal kann ich entsprechende Sätze umformulieren – doch ich sortiere auch Bücher rigoros aus, wenn ich das Buch gänzlich umformulieren wollen würde.

Ich formuliere auch Sätze mit den Wörtern „aber”, „man” und „nicht“ um.

Höre dazu gerne auch meine Podcastfolge “W wie Wörter, auf die es sich zu verzichten lohnt”.

Geht gerne in die Sprache der Gefühle und Bedürfnisse. Was fühlt die Figur in eurer Geschichte und was braucht sie vielleicht? Sprecht gerne dazu im Laufe der Geschichte.

Alternativ:
Kreiere gerne eigene Geschichten im Sinne der GfK. Was fühlen deine Figuren und was brauchen sie?

Du kannst die Leserunde täglich einbauen, z. B. vor dem Schlafengehen oder zum Runterkommen nach dem Alltag.

Ich verbinde dieses Familienritual mit unserem Feiern und Bedauern beim Zubettgehen.

Schau dir gerne deinen Alltag an, wo es am besten für euch passt.

Altersempfehlung: ab der Geburt in Form des Vorlesen und Ausdenkens; ab dem Sprechalter in Verbindung mit dem Austausch

Fazit

Das waren jetzt einige Familienrituale, mit denen du die GfK spielerisch mit deinen Kindern in euren Alltag integrieren kannst, die jedoch auch losgelöst von der GfK stehen können.

Suche dir für dich/euch das Passende aus und werdet kreativ – euch sind keine Grenzen gesetzt. Wichtig: Das sind Impulse aus meinem Leben. Was passt, entscheidet ihr. Und eure Verbindung geht vor. Keiner wird gezwungen und alles darf freiwillig sein. Hat jemand Schwierigkeiten mit einem Ritual, dann findet heraus, warum, und findet eine Lösung, die für alle ok ist.

Mobbing: Wo es herkommt und wie du damit umgehst

Mobbing Header

„Du bist nicht mehr meine Freundin“, „Du darfst da nicht mitspielen“ – diese Sätze kennen wir leider alle. Ab welchem Alter Mobbing eigentlich anfängt? In der Auseinandersetzung mit anderen Kindern sicher spätestens ab etwa drei Jahren.

Wenn wir einmal bedenken, was Mobbing eigentlich ist, nämlich Ausgrenzung und Herabsetzung durch andere, können wir den Startpunkt vielleicht sogar noch früher setzen. Dann geht Mobbing tatsächlich schon zu Hause los, bevor das Kind überhaupt in den Kindergarten oder in die Krippe kommt, und zwar immer dann, wenn wir unser Kind für eine bestimmte Verhaltensweise verurteilen.

Ich habe in meiner Community eine Umfrage gemacht, wer Sorge hat, dass sein oder ihr Kind Mobbing erlebt. Das Ergebnis: 86 Prozent haben mit „ja“ geantwortet.

Das heißt für mich:

Fast alle Eltern sind besorgt, dass ihr Kind mit Mobbing in Kontakt kommen könnte. Viele fragen sich, ob sie es überhaupt mitbekommen, wenn ihr Kind gemobbt wird, denn sie wollen ihr Kind dann begleiten können.

Auch interessant:

Manche Mamas und Papas machen sich Gedanken darüber, ob ihr Kind selber mobbt, also zur so genannten „Tätergruppe“ gehört. (Zu meinen Herausforderungen mit Zuschreibungen wie „Täter:in“ bzw. „Opfer“ liest du unten mehr.)

Fest steht:

Als Eltern wollen wir unseren Kindern Mobbing-Erfahrungen ersparen. Die Mamas und Papas in meiner Community befürchten, dass Mobbing im Selbstwertgefühl und im Seelenleben so einen Schaden anrichten könnte, dass die Wunde nie mehr zu heilen wäre.

Mobbing ganz aus der Welt zu schaffen ist leider unmöglich. Doch wir können unsere Kinder vielleicht doch ein Stück weit davor bewahren oder wenigstens im Umgang damit ein wenig stärker machen.

Ich finde es jedenfalls sehr schön, dass du dabei bist: dass wir gemeinsam die Welt ein bisschen freundlicher und harmonischer gestalten und uns dem Mobbing auf unsere ganz eigene, friedvolle GfK-Weise entgegenstellen.

Zuerst ganz allgemein: Was ist Mobbing genau?

Wer sich in einem wissenschaftlichen Zusammenhang mit Mobbing beschäftigt, hat eine genaue Definition, was Mobbing ist. Wissenschaftler:innen machen das einfach immer so, dass sie zunächst einmal die wichtigsten Begriffe genau bestimmen und erklären.

Jetzt sind wir keine Wissenschaftler:innen. 

Und ich finde: 

Mobbing ist ziemlich schwer zu definieren. Für uns ist Mobbing in erster Linie ein gefühlter Prozess. Und die Gefühle im Zusammenhang mit Mobbing sind sehr stark.

Ein:e Wissenschaftler:in sucht so etwas wie eine objektive Realität. Wir dagegen würden sagen: Was als Mobbing wahrgenommen wird, liegt bei den jeweiligen Personen. Manche sind resilienter und halten mehr aus, bei anderen schlägt das Pendel viel früher hin zu etwas, das sie als Mobbing erfahren und bezeichnen würden.

Das bedeutet: Was wir als Mobbing bezeichnen, ist erst einmal unabhängig von strengen, gesetzten Kriterien. Mobbing entscheidet sich damit, wie jemand ein bestimmtes Verhalten wahrnimmt und empfindet. Diese Verhaltensweisen gibt es natürlich auch außerhalb der Welt unserer Kinder: Mobbing gibt es außer im Kindergarten und in der Schule auch am Arbeitsplatz und, ja, leider auch in der Familie.

Mobbing ist in dieser Sichtweise keine Frage von Gut und Böse, Richtig oder Falsch, sondern eine Frage des Miteinanders und des Dialogs.

Und: 

Wo Mobbing anfängt, liegt im Empfinden der beteiligten Personen. Damit sind vor allem die gemobbten Personen gemeint, denn die Mobbenden empfinden ihr Verhalten oft weniger extrem.

Wenn jemand merkt, dass ihm oder ihr ein bestimmtes Verhalten eines oder einer anderen an die Substanz geht, dass er oder sie Hilfe braucht, um die Verletzungen verarbeiten zu können, dann liegt aus unserer Sicht Mobbing vor. 

Und dann ist es auch wichtig, auf diese Gefühle zu hören. Für uns als Eltern bedeutet das, dass wir unsere Kinder in die Lage versetzen dürfen, diese Gefühle wahrzunehmen und in Handlung zu kommen. 

Das klingt erst einmal selbstverständlich, in der Realität ist es dagegen leider anders. Oft ist es ja gerade im Gegenteil so, dass das so genannte „Opfer“ sich mitschuldig an der Situation fühlt und meint, etwas falsch zu machen, was die Mobbing-Situation in irgendeiner Weise rechtfertigen würde.

Was steckt hinter dem Mobbing? Die Ursachen

Ganz klar, Schubladen im Kopf haben ihre Berechtigung: Wenn wir etwas mit bestimmten Begriffen belegen, ein bestimmtes Verhalten mit einem Schlagwort versehen, erleichtert uns das erst mal die Kommunikation. Wenn wir das Wort „Mobbing“ verwenden, wird das sofort eine gewisse Aufmerksamkeit erregen. Wir können dann anhand konkreter Beispiele und Situationen erläutern, worum es eigentlich genau geht.

Gleichzeitig ist es natürlich auch eine Art von Bewertung, wenn wir ein bestimmtes Verhalten als „Mobbing“ bezeichnen, 

also: 

bestimmte Situationen in diese Schublade stecken, auf der das Wort „Mobbing“ steht. Das würden wir im Rahmen der Gewaltfreien Kommunikation eher als kritisch sehen, denn wir gehen ja davon aus, dass jeder Mensch das ihm jeweils gerade Bestmögliche tut, um sich um seine Bedürfnisse zu kümmern. 

Wenn ein Mensch als bestmögliche Verhaltensweise im Moment für sich das Mobben sieht, liegt es uns fern, ihn als „böse“ oder „schlecht“ zu klassifizieren. Er ist in der aktuellen Lage nur offenbar so verzweifelt, dass ihm nur dieser Weg zur Verfügung steht.

Deshalb bin ich sehr zurückhaltend, von „Täter:innen“, „Opfern“, „Mitläufer:innen“ oder „Zuschauer:innen“ zu sprechen. 

Das sind im Grunde genommen alles Kategorisierungen in Richtung „gut“ und „böse“. Davon möchten wir wegkommen. Natürlich ist es kein sozialverträgliches Verhalten, andere zu schikanieren, wir wollen das auch keinesfalls gutheißen. 

Wir versuchen vielmehr zu erkennen, welche unerfüllten Bedürfnisse hinter einem bestimmten Verhalten stehen, und an den Punkt zu kommen, dass der oder die so genannte „Täter:in“ andere Wege finden kann, um diese Bedürfnisse zu stillen. Wir wollen also zum Ursprung, zur Ursache des Verhaltens gelangen.

Welche Bedürfnisse das sein könnten? Ganz viele, zum Beispiel Aufmerksamkeit, Beachtung, Gesehenwerden, Empathie, Liebe, Zugehörigkeit und so vieles mehr. Wenn wir die Ursache verstehen, können wir über alternative Wege nachdenken, wie der oder die Mobber:in sein bzw. ihr unerfülltes Bedürfnis stillen kann.

Woran erkenne ich, dass mein Kind gemobbt wird?

Über manche Alarmsignale lese ich immer wieder. Da steht dann zum Beispiel:

Das können natürlich Anhaltspunkte sein. Ich finde allgemeine Regeln oder Aussagen dazu jedoch sehr schwierig. Jeder Mensch hat seine ganz individuellen Strategien, um mit Belastungen umzugehen und sie zu verarbeiten. 

Manche Menschen reagieren auf belastende Situationen vielleicht, indem sie eine Maske aufsetzen – für ihre Umgebung wirken sie lebendiger und aufgeweckter denn je, innerlich leiden sie jedoch. Dann wird es für uns als Eltern natürlich schwierig zu erkennen, ob unser Kind unter Mobbing leidet.

Meiner Meinung nach ist die einzige Lösung dieser Herausforderung, dass wir mit unseren Kindern in gutem Kontakt stehen und in stetigem Kontakt bleiben. Wenn unsere Kinder wissen, dass sie zu uns als Mama oder Papa immer kommen können, ohne dass sie verurteilt oder bewertet werden, haben wir eine sehr gute Grundlage, um solche Veränderungen und Belastungen frühzeitig wahrnehmen zu können.

Für mich ist das tägliche Feiern und Bedauern ein idealer Anlass für solche Gespräche, ein Türöffner sozusagen. Wenn wir gemeinsam einmal täglich als Ritual den Blick auf das richten, was gut gelaufen ist und wo unsere Bedürfnisse den Tag über unerfüllt geblieben sind, können sich Gespräche ergeben. 

Das ist natürlich ein freiwilliges Angebot für die Kinder. Oft ergeben sich dabei doch ganz wertvolle Einblicke in die Erlebniswelt der Kinder. 

Und bei diesen Gesprächen ist dann so viel mehr möglich als beim klassischen Frage-Antwort-Spiel à la: 

„Wie war’s im Kindergarten/in der Schule?“ 

„Gut.“


Für mich gibt es bessere Leitmotive als „Ich möchte erkennen, dass mein Kind gemobbt wird“. Ich setze sozusagen viel früher an.

Das Leitmotiv wäre vielleicht:

„Ich möchte erkennen, ob meinem Kind etwas fehlt.“

Was kann man dagegen tun? Meine Erfahrungen mit Mobbing und wie sie dir und deinem Kind helfen können

Allein unsere innere Fragestellung ist so ausschlaggebend. “Was kann ich dagegen tun?” ist viel griffiger für mich und bringt mich sofort in meine Eigenverantwortung.

Mobbing ist für mich ein sehr emotionales und persönliches Thema. Zum einen, weil die Folgen für die Seele so verheerend sein können. Zum Zweiten, weil ich in der siebten und achten Klasse selbst Mobbing erfahren habe. Ich habe damals weder von meinen Eltern noch von der Schule Unterstützung bekommen

– im Gegenteil: 

Es haben sogar Lehrer:innen bei dem Mobbing mitgemacht. Das Gefühl, das sich damals bei mir eingebrannt hat, ist die Einsamkeit.

Ich habe das wirklich sehr extrem wahrgenommen: Die Anderen, das ist der Anti-Katharina-Club. Es gab sogar Club-Ausweise. Und ich, ich sitze allein mit meiner Brotdose auf dem Schulhof. In jeder Pause, an jedem einzelnen blöden Tag.

Die Folgen: Mobbing-Erfahrungen können prägend sein

Erst im Rückblick ist mir so richtig klar geworden, was die Mobbing-Erfahrung eigentlich mit meinem ganzen Leben zu tun hat. Die Jahre gingen ins Land, ich habe viele Entscheidungen getroffen. 

Vieles war mir wahrscheinlich weitgehend unbewusst: 

warum ich auf eine bestimmte Art und Weise reagiert habe, warum ich mich so und so verhalten habe, warum ich Entscheidungen so getroffen habe, wie ich sie getroffen habe.

Im Nachhinein würde ich zum Beispiel sagen, dass meine Wahl, TV-Moderatorin zu werden, viel mit der Mobbing-Erfahrung zu tun hatte:

Ich hatte ein großes Bedürfnis gesehen zu werden, wahrgenommen zu werden, Wertschätzung zu erfahren. Leider ist es so, dass diese Bedürfnisse in der TV-Branche ziemlich unerfüllt bleiben.

Erst im Prozess mit meiner Auseinandersetzung mit der Gewaltfreien Kommunikation habe ich begonnen, mich mit meiner eigenen Mobbing-Erfahrung auseinanderzusetzen. Mein Sohn war etwa drei Jahre alt, das war wohl so 2009 oder 2010. 

Damals hatte ich schon drei Jahre GfK-Erfahrung gesammelt. Und mich dabei natürlich immer mehr und immer weiter beobachtet. Irgendwann habe ich mich meinem Gefühl der Einsamkeit stärker gewidmet. Es trat immer auf nach Gefühlen starker Wut und Frustration. Womit ich furchtbar schwer umgehen konnte, war beispielsweise Kritik an meiner Person oder wenn ich das Gefühl hatte, dass Menschen mich ablehnen. 

Du kannst dir sicher vorstellen, dass das in der TV-Branche quasi zum täglichen Brot gehört. Einsamkeit und Angst, das sind die Gefühle, die ich nach der Wut fand. Und dann habe ich natürlich nach den unerfüllten Bedürfnissen gesucht, und das waren bei mir Empathie und Schutz.

Das klingt soweit wahrscheinlich nachvollziehbar und klar. Ich möchte dazusagen, dass der Prozess, diese Dinge so klar zu sehen, für mich mehrere Jahre gedauert hat. Allein die Einsamkeit hinter der Wut zu entdecken, war eine Mammutaufgabe.

Gewaltfreie Kommunikation als Weg zur Verarbeitung der Mobbing-Erfahrung

Meine Auseinandersetzung mit der Mobbing-Erfahrung war damit dennoch unabgeschlossen. Denn als 2016 meine Tochter zur Welt kam, brachte sie Verhaltensweisen mit, die bei mir sehr starke Gefühle auslösten.

Also habe ich mich nochmals drangesetzt. Wieder habe ich die Einsamkeit und die Angst gefunden, und die Empathie als Weg, um der Einsamkeit zu begegnen.

Mir das Bedürfnis nach Empathie zu erfüllen – das habe ich inzwischen selbst gelernt, und zwar mit der Gewaltfreien Kommunikation.

Nur was tun mit der Angst, die ich ja auch in mir gefunden habe? Irgendwann, eines Tages, nach viel Suche und Auseinandersetzung mit mir selbst fand ich heraus, dass mein unerfülltes Bedürfnis Schutz ist. Klingt für dich vielleicht total logisch – für mich war das dennoch ganz lange unklar, denn schließlich war ich Betroffene. Das verstellt oft ein bisschen den Blick.

Doch als ich es verstanden hatte, war es so eine Erleichterung für mich:

Mir sind solche Steine vom Herzen gefallen! Ich hatte mein unerfülltes Bedürfnis gefunden, und es erklärte mir so viele meiner Verhaltensweisen.

Der nächste Schritt? Ich brauchte Strategien: und zwar Strategien, um mir mein unerfülltes Bedürfnis nach Schutz zu erfüllen. Was solche Strategien sein können? Ich habe ein paar gefunden:

Text

Auch das ist natürlich ein Prozess. Mittlerweile schaffe ich es gelegentlich, wenn ich doch eine negative Nachricht z. B. über Instagram lese, dass ich so antworte, wie ich gerne antworten möchte: 

empathisch mir gegenüber und dem oder der anderen gegenüber. Und ich sehe in solchen Nachrichten keine Gefahr mehr.

Das hat viel zu tun damit, dass ich mich mit dem Mobbing von damals quasi versöhnt habe. Klar, wenn ich zu der Zeit Unterstützung von meinen Eltern oder von Seiten der Schule erfahren hätte, wäre mir einiges erspart geblieben. 

Doch hey, ich bin erwachsen. 

Ich habe gelernt, wie ich mir meine Bedürfnisse selbst erfüllen kann und wie ich daraus wachsen darf. Meine Eltern und die Schule haben damals ihr Bestmögliches gemacht. Meine Eltern würden es heute wohl anders machen und bedauern es glaube ich auch sehr. 

Natürlich haben auch sie ihre Gründe, warum sie sich genau so verhalten haben. Ich habe jedenfalls meinen Weg gefunden. 

Jetzt sitze ich hier und mag mich und mag das Leben und mag Menschen und finde Strategien, mich um mich selbst zu kümmern. Und zwar, weil ich endlich die unerfüllten Bedürfnisse gefunden habe, die ausgelöst durch das Mobbing von damals unerfüllt geblieben sind. 

Für mich sind aus dieser Erfahrung heraus Empathie und Schutz die Zauberformel zum Schutz meiner Kinder vor Mobbing.

Gewaltfreie Kommunikation als Weg der Mobbingprävention

Sich in Achtsamkeit und gewaltfreier Kommunikation zu trainieren, ist eigentlich gelebte Mobbingprävention. 

Wir geben damit unserem Kind im Idealfall ein gutes Selbstwertgefühl mit und eine gute Wahrnehmung für sich selbst. 

Damit sind Dinge gemeint wie: 

Meine Gefühle dürfen sein, meine Bedürfnisse können erfüllt werden und welche Wege habe ich, um meine Bedürfnisse zu erfüllen. Das ist keine einmalige Sache. Das in einem einzigen Gespräch zu „erledigen“ ist selbstverständlich unmöglich. Das ist vielmehr eine gelebte Haltung, bestenfalls von Anfang an.

Bei meinen Hörer:innen aus dem Podcast, bei meinen Leser:innen aus dem Blog und aus den vielen, vielen persönlichen Begegnungen und Gesprächen weiß ich: Mobbing macht uns als Eltern Angst. Meine Botschaft wäre: Lasst uns aus der Angst herauskommen! Wir können unseren Kindern so viel mitgeben, was sie stark macht gegen die zerstörerische Kraft von Mobbing.

Wie wir das machen? 

Zunächst einmal, indem wir ihnen das Zuhause als sicheren Hafen anbieten. Unsere Kinder dürfen wissen: Zu Hause ist es friedlich und harmonisch.

Und dann finde ich es ganz wichtig, den Fokus von den so genannten Täter:innen wegzulenken. Statt die Klassengemeinschaft oder die kleinen “Tyrann:innen” aus der Kindergartengruppe verändern zu wollen, können wir bei uns selbst starten. Ich sage gerne: Ich entscheide, wie ich mich fühle. 

Und ich entscheide, ob ich mich als Opfer sehe. Es ist ein guter Weg da hinzukommen, dass das Kind sich denkt: Ich bin gut so, wie ich bin, und ich darf jetzt gerade Angst haben und ich weiß, wo ich mir Hilfe holen kann.

Was können wir konkret bei Mobbing tun?

So, was können wir denn jetzt konkret tun, wenn wir das Gefühl haben, dass unser Kind unter Mobbing leidet?

Zunächst einmal geht es sicher darum, Stärken unseres Kindes zu unterstützen. Denn wenn ein Kind unter Mobbing leidet, sich als Opfer fühlt, verschiebt sich schnell der Fokus. Vorher dachte dein Kind vielleicht noch, es wäre sympathisch und cool und beliebt und gut im Fußball und nett und toll und so vieles mehr. Mobbing kann dieses bestehende Selbstbild total in Frage stellen. 

Selbstzweifel kommen auf: 

Vielleicht bin ich doch eher unbeliebt? Vielleicht bin ich ungeeignet für Fußball? 

Und so weiter…

Als Familie können wir hier ein ganz wertvolles Korrektiv sein. Positive Verstärkung ist die Devise. Als Mama oder Papa fällt es uns ja in der Regel sehr leicht, Gutes und Schönes und Tolles an unseren Kindern zu sehen. Lasst uns diese Aspekte ins hellste Licht rücken, wenn unsere Kinder es am meisten brauchen. Lasst ihre Stärken hervortreten. 

Lasst uns unseren Kindern das Gefühl geben: 

Du bist mein:e Superheld:in.

Wie ihr das macht? Eurer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Wie wäre es mit einem Wahlplakat für euer Kind, auf dem seine drei größten Stärken benannt sind? Gestaltet es gemeinsam und hängt es in den Flur, dort darf es strahlen. 

Oder, vor allem bei kleineren Kindern immer beliebt und sehr wirksam: Rollenspiele. Lasst zum Beispiel, wenn ihr mit Puppen spielt, einfach eine Puppe die empathische sein, die weint, wenn die anderen ohne sie spielen wollen, und die ihre Gefühle verbalisiert. Spielerische Wege sind für Kinder schließlich immer die besten Wege.

Auch mein eigenes Kinderbuch „Das Abenteuer meines Lebens“ kann euch dabei unterstützen (Zum Shop).

Fazit

Was das Thema Mobbing angeht, kann ich sowohl aus eigener Erfahrung sprechen als auch als Expertin für Gewaltfreie Kommunikation. Theorie und Praxis werden also quasi eins.

Wenn du bis hierher gelesen hast, und es war ja wirklich viel Text, hast du offenbar ein großes Interesse am Thema Mobbing. Und das vermutlich aus Sorge um das Wohlergehen deines Kindes. Vielleicht weißt du, dass dein Kind gemobbt wird, oder du machst dir Sorgen, ob dein Kind eventuell gemobbt werden könnte.

Ich möchte dir zwei Dinge mit auf den Weg geben, die mir in diesem Zusammenhang ganz besonders wichtig sind.

Erstens: Weder du bist hilflos, noch ist es dein Kind. Deine Aufgabe darf es sein, deinem Kind zu Hause die Geborgenheit und Sicherheit zu geben, die es im Kindergarten oder in der Schule so schmerzlich vermisst. Die Kraft des sicheren Hafens kann kaum überschätzt werden – daraus kann dein Kind so viel Positives ziehen, dass es gut durch diese überaus schwierige Phase kommt.

Zweitens: Selbst wenn die Situation noch so bedrohlich und traurig und belastend ist – Mobbing ist kein Todesurteil. Viele Menschen sind durch solche Phasen gegangen und hatten danach ein gutes Leben. Das ist selbstverständlich kein Gutheißen von Mobbing. 

Doch wir dürfen an den Schwierigkeiten unseres Lebens auch wachsen. Und ich bin mir sicher: Wenn du deinem Kind mit Achtsamkeit und der Grundhaltung der Gewaltfreien Kommunikation den Rücken stärkst, dann werdet ihr gemeinsam da durchkommen.

Mein Kind lügt – was kann ich tun?

Kind lügt ständig Header

Dein Kind sagt: „Ja, ich habe mir die Hände schon gewaschen“

…und du weißt genau, dass die Hände noch ungewaschen sind? Deine Tochter bringt vom Spielen bei der Nachbarin ein Armband mit und erzählt, das habe es „gefunden“? Oder dein Kind erzählt dir völlig abenteuerliche Geschichten, weshalb die neue Hose schon ein Loch hat?

Wenn Kinder lügen, ist das für uns Eltern meistens eine Herausforderung. Lügen widerspricht unseren Werten und unseren Bedürfnissen.

Warum lügen Kinder, und was haben ihre Lügen eigentlich mit uns zu tun? In diesem Blogartikel schauen wir uns typische Lügen-Situationen aus dem Elternalltag an und versuchen besser zu verstehen, was dahinterstecken könnte, also: Was eigentlich die Ursache für das Lügen ist.

Und am Ende können wir die Lügen unserer Kinder sogar als Geschenk annehmen, denn sie erzählen uns von unerfüllten Bedürfnissen unserer Kinder, was der bedürfnisorientierten Erziehung zugutekommt.

Warum lügen Kinder?

„Man lügt nicht.“

„Lügen gehört sich nicht.“

„Lügen haben kurze Beine.“

Sätze wie diese haben viele von uns Mamas und Papas in den Köpfen. Lügen ist verboten, Lügen ist etwas Schlechtes – das sind fest zementierte Glaubenssätze. Ich frage mich: Stimmt das wirklich? Oder können wir Lügen auch etwas Positives abgewinnen, sie vielleicht sogar nutzen, um unseren Kindern näher zu kommen?

Im Sinne der gewaltfreien Kommunikation ist Lügen erst einmal eine Strategie: der Versuch, sich ein Bedürfnis zu erfüllen oder auf ein unerfülltes Bedürfnis aufmerksam zu machen. Du merkst vielleicht gleich, dass das zu einer Umbewertung des Lügens führt: Lügen ist sicherlich gesellschaftlich problematisch und kollidiert mit angesehenen Werten wie Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Gemeinschaft, Verlässlichkeit oder Respekt – wir kommen mit unserer GfK-Sicht jedoch davon weg, es als „falsch“ zu bezeichnen. Lügen ist ein zunächst einmal legitimer Versuch, sich um sich selbst zu kümmern.

Das wäre mein erster Impuls zum Thema Lügen:

Lass uns versuchen, die Verurteilung rauszunehmen und das vermeintlich Schlechte im Menschen zu sehen! Viel interessanter ist es doch, den Menschen hinter der Lüge zu entdecken. Was will mir mein Kind gerade damit sagen? Welches Bedürfnis versucht mein Kind sich gerade über das Lügen zu erfüllen?

Und schon sind wir raus aus dem Verurteilen und kommen rein ins Verstehen und in die Verbindung mit unserem Kind.

Schuld- und Schamgefühle

Eng verbunden mit dem Lügen sind Gefühle wie Schuld und Scham. Diese wollen wir im Umgang mit unseren Kindern im besten Falle vermeiden. Es gibt ja kein „Richtig“ und kein „Falsch“ in der GfK.

Gleichzeitig sind die Gefühle Schuld und Scham existent und auch wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Menschen. Scham- und Schuldbewusstsein sind eine Art Wegweiser. Sie geben uns Orientierung für unser soziales Miteinander. Wir können sie annehmen, wenn wir erfahren, dass auch diese Gefühle okay sind. Wir können sie als eine Art natürliches Feedbacksystem sehen, mit dem wir soziale Fähigkeiten entwickeln können. Doch häufig werden Schuld und Scham missbraucht um Menschen zu kontrollieren und sie unter Druck zu setzen.

Wir haben gelernt, uns und andere für diese Gefühle zu verurteilen. Das ist so schade, denn damit geht der eigentliche Sinn dieser Gefühle verloren! Wenn wir sie mit Empathie willkommen heißen, kann daraus viel entstehen. Denn hinter diesen Gefühlen verstecken sich Bedürfnisse wie Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Verantwortung, Selbstentfaltung und noch so vieles mehr. Wow – was für Schätze, oder??

Stell dir mal vor, du wärst für deine Schuld- und Schamgefühle nie verurteilt worden, sondern wärst damit in den Arm genommen worden, deine versteckten Bedürfnisse dahinter wären erkannt worden und dir wären Wege aufgezeigt worden, wie es auch anders geht … Was wäre uns alles erspart geblieben!?

Wie oft verurteilen wir uns, bekennen uns für schuldig, schämen wir uns, verurteilen dafür andere … ein Teufelskreislauf der Macht. Und wir wollen ja in das Miteinander und da ist es wichtig, dass auch diese Gefühle präsent sein dürfen und dass sie ihre Berechtigung haben.

Was heißt das für den Umgang mit den Lügen unserer Kinder?

Wie können wir die Akzeptanz von Schuld- und Schamgefühlen unseren Kindern mitgeben? Ganz einfach, indem wir

  1. sie mit ihrer Wirklichkeit sehen, also die Bedürfnisse hinter den Lügen erkennen und benennen.
  2. ihnen mitteilen, wie es uns mit ihren Handlungen (in diesem Fall: der Lüge) ergangen ist und was wir brauchen, also in der Regel Ehrlichkeit, Verbindung, Vertrauen usw.
  3. die daraus eventuell entstehenden Gefühle wie Scham und Schuld benennen, die dahinter versteckten Bedürfnisse erkennen und neue Wege suchen.

Okay, das hört sich am Anfang vielleicht doch etwas kompliziert an. Schenke mir bitte dein Vertrauen und folge mir bis zum Ende dieses Blogartikels. Eigentlich finde ich es total logisch und auch einfach.

Das Wichtigste für mich ist die Haltung der GfK in diesem Fall: Hinter jeder Handlung versteckt sich ein Bedürfnis. Dein Kind möchte dir mit der Lüge etwas über sich erzählen. Was das ist – das darfst du herausfinden.

Das kannst du gegen das Lügen deines Kindes tun

Kinder lernen auch, indem sie Erfahrungen machen dürfen: indem sie erfahren, dass ihr Handeln Konsequenzen nach sich zieht. Damit meine ich Konsequenzen aufgrund eines bestimmten Handelns. Unser Handeln kann ja bei anderen Menschen Gefühle auslösen. Damit sie diese Zusammenhänge lernen, brauchen Kinder unsere Hilfe, und zwar wohlwollende Hilfe.

In der bedürfnisorientierten Begleitung unserer Kinder suchen wir ja Verbindung statt Trennung. Folgt auf das Lügen eine Bestrafung, lernt das Kind nur, dass es etwas Falsches gemacht hat, dass es irgendwie ungenügend war, dass es vielleicht ungeliebt ist (im Erleben des Kindes).

Wenn das Kind künftig auf das Lügen verzichtet, dann nur, um es anderen recht zu machen, und in der Hoffnung, von anderen gemocht zu werden. Das nennen wir extrinsische Motivation.

Werde ich dagegen mit meinem Bedürfnis gesehen, das hinter der Lüge steht, fühle ich mich verstanden, gesehen, gehört, angenommen. Wenn ich erfahre, was anderen wichtig ist und wie es anderen mit meinem Verhalten geht, und dass ich so, wie ich bin, okay bin, fühle ich mich sicher. Dann kann ich mein Verhalten aus eigenem Antrieb zum Wohle aller verändern. Das mache ich dann gerne, aus mir selbst heraus: weil ich gesehen, berücksichtigt, gehört werden will. Und das ist dann die intrinsische Motivation.

Ich finde also:

Statt das Lügen zu verurteilen, dürfen wir es willkommen heißen. Denn über das Lügen möchte unser Kind uns etwas über sich erzählen.

Die Frage ist also:

Was will mir mein Kind mit seiner Lüge sagen? Allein mit dieser Haltung schaffst du eine Umgebung des Wohlfühlens, des Willkommenseins – so entsteht Vertrauen.
Du möchtest, dass dein Kind gerne zu dir kommt und dir alles erzählst?

Du möchtest, dass dein Kind dir vertraut und du es auch in schweren Zeiten begleiten darfst? Dann heiße es willkommen mit all seinen Handlungen, auch mit dem Lügen.

Wie kann das im Alltag aussehen?

Bei allem Verständnis für das Lügen:

Wir sind als Eltern dafür verantwortlich, dem Kind eine Rückmeldung zu geben. Und natürlich haben wir selbst auch unsere Werte und Bedürfnisse, denen das Lügen gegenübersteht.

Bleiben wir einmal beim Beispiel Händewaschen – weil es ein Klassiker ist und weil sich daran so viel zeigen lässt. Welches Bedürfnis könnte dahinterstecken, wenn dein Kind dir erzählt, dass es schon die Hände gewaschen hat, und du siehst, dass die Hände noch schmutzig sind?

Ein solches Bedürfnis könnte der Wunsch nach Autonomie sein, nach Selber-entscheiden-Dürfen, nach Selbstbeständigkeit. Es könnte auch das Bedürfnis nach Leichtigkeit sein: weil man ohne Händewaschen schneller fertig ist und wieder Zeit für anderes, für Schöneres hat.

Wörter sind mächtig. Sätze wie „Das ist doch schon wieder eine deiner Flunkergeschichten“ könnten bei den Kindern Glaubenssätze verankern, wie ich sie ganz am Anfang beschrieben habe.

Ich möchte dich dazu einladen, solche Situationen stattdessen nach den vier Schritten der gewaltfreien Kommunikation zu gestalten.

Für das Beispiel Händewaschen könnte das so aussehen:

„Du hast mir gerade gesagt, du hättest die Hände schon gewaschen. Ich sehe, dass deine Hände noch ganz schmutzig sind. Mir ist Ehrlichkeit sehr wichtig. Bist du bereit, mir noch mal zu sagen, wie das war mit dem Händewaschen?“

Noch ein Beispiel:

Einmal kam meine Tochter vom Spielen mit der Nachbarin nach Hause. Ich sah an ihrem Handgelenk ein Armband, von dem ich wusste, dass es dem Nachbarskind gehörte. Sie hatte es von der Nachbarin genommen, behauptet mir gegenüber dennoch steif und fest, sie hätte es gefunden.

Erst einmal habe ich mich mit ihr über das schöne Armband gefreut, was für tolle Farben es hat, und sie gefragt, ob ich es auch mal kurz anlegen darf.

Ich denke, das Bedürfnis, das hinter dem „Diebstahl“ (in Erwachsenenkategorien) des Armbands stand, war das Bedürfnis nach Autonomie: selber entscheiden zu dürfen, was schön ist, was mir steht. Ich habe meiner Tochter vorgeschlagen, dass wir einmal schauen, wo wir für sie so ein schönes Armband besorgen können, und haben nach einer kurzen Rückfrage bei der Nachbarin herausgefunden, dass man es im Drogeriemarkt um die Ecke für kleines Geld kaufen kann.

Also habe ich vorgeschlagen, dass meine Tochter ein wenig Taschengeld aus ihrer Börse nimmt, ich habe noch was dazugegeben, und wir haben das Armband gekauft.

Dann habe ich meine Tochter gebeten, die Nachbarin zu fragen, ob das „gefundene“ Armband vielleicht doch ihr gehören könnte. So hatte meine Tochter das Armband, das sie sich so sehr gewünscht hatte, bekommen und hat dabei gelernt, dass es bessere Wege gibt, als sich Dinge einfach zu nehmen.

Und noch ein drittes Beispiel.

Ich finde, dass man an praktischen Beispielen aus dem Alltag einfach am besten lernen kann, worum es im Grunde geht.

Meine Freundin Frieda sagte einmal morgens zu ihrer Tochter Mine: „Es ist wichtig, dass du heute was isst. Dein Körper braucht das, um wieder fit zu werden!“ Abends erzählte ihr ihre Tochter ganz stolz: „Ich habe heute ein ganzes Brötchen mit Schinken gegessen!“ Von ihrem Mann erfuhr Frieda, dass sie weder beim Bäcker gewesen seien, noch dass Mine ein Brötchen gegessen habe.

Mines Realität ist, dass sie dieses Brötchen gegessen bzw. dass sie das der Mama erzählt. Warum macht sie das? Wahrscheinlich hat sie die Sorgen der Mama gespürt. Vielleicht hat sie auch einen gewissen Druck empfunden. Jedenfalls möchte Mine, dass Mama zufrieden mit ihr ist, und übernimmt die Verantwortung für die Gefühle ihrer Mama. Das kann passieren. Wenn wir es erkennen, können wir die Verantwortung zu uns zurückholen.

Ich würde Frieda in dem Fall empfehlen, mit ihrer Tochter darüber zu sprechen. Zum Beispiel so:

„Hey Mine, du hast mir gesagt, du hast gestern ein Brötchen gegessen. Papa hat mir dagegen erzählt, dass ihr für den Bäcker schon zu spät dran ward. Jetzt bin ich gerade ein wenig traurig, weil mir wichtig ist, dass wir ehrlich zueinander sind, also dass wir uns das sagen, was auch wirklich ist.“

Achtung:

Hier könnte jetzt das Scham- oder Schuldgefühl bei Mine einsetzen. Wir kennen ja unsere Kinder und würden das an ihrem Verhalten sicher erkennen, zum Beispiel weil sie den Sachverhalt abstreiten oder den Kopf senken – das kann sich sehr unterschiedlich äußern.

Dann würde ich das etwa so ansprechen:

„Oh, jetzt bist du beschämt, mhhh? Weil du möchtest mir ja alles erzählen, ja? Nur: Du wolltest auch, dass ich zufrieden bin mit dir, oder?“

„Ja …“

„Weißt du, ich liebe dich, weil du meine Tochter bist – egal, was du machst … auch ohne Brötchen.
Und ich kümmere mich um mich und dass ich zufrieden bin.
Mir ist so wichtig, dass wir ehrlich miteinander sind … Was meinst du, wenn du das nächste Mal was machst, wo du denkst, dass mir das missfällt: Was könntest du machen?“

„Keine Ahnung …“

„Magst du meine Idee hören?“

„Ja.“

„Na, du sagst mir zum Beispiel: ,Mama, heute konnte ich noch nichts essen.‘ Dann würde ich sagen: ,Dein Körper braucht vielleicht noch etwas Zeit, bis er wieder essen kann. Der wird sich melden! Danke, dass du mir das erzählt hast.“

Dann würde ich vielleicht noch fragen, ob ich mit dem Bauch mal sprechen kann, wir würden lachen, ich würde die Stimme des Bauchs imitieren, und sie dann fragen, ob sie bereit ist, mal auszuprobieren, was zu essen.

Das Kind darf also beschämt sein. Lasst uns das Bedürfnis hinter den Handlungen des Kindes erkennen. In diesem Fall würde ich sagen: Es war das Bedürfnis nach Liebe. Und dann erforschen wir gemeinsam neue Wege.

So macht das Kind Erfahrungen, ohne verurteilt zu werden. Aus jeder dieser Situationen wird das Kind etwas mitnehmen. Die Kinder werden dennoch immer mal wieder lügen. Und das ist ja auch okay.

Ich lüge auch ab und an in Notsituationen, weil es mir gerade die bestmögliche Handlungsweise ist. Ich kann es im Nachhinein immer noch zurechtbiegen.

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Sollte ich eigentlich mein Kind bestrafen, wenn es lügt?

Die Gewaltfreie Kommunikation kommt ohne Bestrafung aus, übrigens auch ohne ihr Gegenstück: die Belohnung. Höre dir dazu gerne auch meine Podcastfolge Nr. 2 an: B wie Belohnung und Bestrafung und wie es auch ohne geht. Bestrafungen blockieren wichtige Prozesse, trennen uns von unserem Kind statt uns in Verbindung zueinander zu bringen und missachten die Bedürfnisse unserer Kinder.

Fazit

Wenn unser Kind lügt, macht das etwas mit uns als Eltern.

Wir fühlen uns vielleicht in unseren Werten missachtet oder sind traurig über das Verhalten unserer Kinder. Diese Gefühle sind in Ordnung. Mein Wunsch und meine Einladung an alle Mamas und Papas ist, dass wir trotzdem oder vielleicht gerade deshalb genau hinhören:

Warum lügt mein Kind, welches unerfülltes Bedürfnis steht dahinter?

Deshalb habe ich am Anfang gesagt, dass wir die Lügen als Geschenk annehmen dürfen: weil sie uns so viel über unsere Kinder erzählen.

Und je besser wir die dahinter versteckten, unerfüllten Bedürfnisse aufdecken, umso weniger wird dein Kind auf längere Dauer das Bedürfnis haben, Lügen als Strategie einzusetzen: weil es durch deine bedürfnisorientierte Begleitung lernt, dass es bessere Strategien gibt, um Bedürfnisse zu erfüllen.