Mein Kind macht mich aggressiv – die Wut gegen das eigene Kind

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Überrollt dich manchmal die Wut? Dein Kind macht etwas und du explodierst innerhalb von Millisekunden? Schreist vielleicht dein Kind an, obwohl du genau weißt, wie schlimm ein schreiendes Elternteil für Kinder ist? Manchmal kennst du vielleicht kein warum und schämst dich dann oder hast ein schlechtes Gewissen?

Häufig sind es bestimmte Trigger, die uns im Handumdrehen von Null auf Hundert bringen können. Was sind Trigger überhaupt? Wie entstehen Trigger? Wann tauchen sie auf? Und warum sind sie eigentlich ein Geschenk?

Ich will dir Impulse geben, wie du dich und deine Trigger besser verstehen kannst. Das ist schon der erste Schritt in ein anderes Verhaltensmuster.

Genervt vom eigenen Kind - Ursachen und Trigger

Was ist eigentlich ein Trigger?

Ursprünglich kommt der Begriff „Trigger“ aus der Techniksprache. Er bezeichnet einen Punkt, der nach Aktivierung eine bestimmte Reaktion nach sich zieht. Ein Trigger ist also wie ein Schalter, der umgelegt wird – und dann passiert sofort und unmittelbar etwas.

Der Begriff passt ebenso gut für uns Menschen, weil wir in dieser Hinsicht manchmal wie Maschinen funktionieren: Auch wir haben Triggerpunkte, die bestimmte Reaktionen und Gefühle auslösen. Wenn also dein Kind bei dir einen Triggerpunkt erwischt, führt das mehr oder weniger automatisch dazu, dass du beispielsweise schreist oder dein Kind packst.

Dabei hast du ganz unangenehme Gedanken wie beispielsweise „Ich hasse mein Kind.“ Du findest alleine keinen Ausweg. Es läuft eine Reaktion ab, die du so eigentlich anders leben möchtest.

Typisch für von Triggern ausgelöste Reaktionen ist, dass sie dich einfach so überkommen.

Wenn du gelegentlich in der Erziehung Wut gegen dein Kind empfindest, bist du eingeladen, dich mit deinen Wuttriggern auseinanderzusetzen. Das wird dir selbst und deinem Kind gut tun.

Die Ursachen: Woher kommt die Wut gegenüber dem Kind?

Trigger sind eigentlich Schutzschalter. Was dir irgendwann einmal widerfahren ist als Verletzung, Grenzüberschreitung oder Nichtwahrung deiner Integrität, legt sich in deinem Körper, in deiner Psyche, in deinem gesamten System nieder.

Der Trigger ist das Warnsignal: Kommst du jemals in deinem Leben wieder in diese oder eine ähnliche Situation, legt dein System den Schalter um und möchte dich durch eine bestimmte, automatische Reaktion schützen.

In der Evolution des Menschen hat sich diese Einrichtung bewährt: Der Trigger warnt und schützt uns vor Gefahr. Das läuft automatisch ab. Die Alarmstufe Rot setzt du unbewusst. Genauso wenig steuerst du die vom Trigger ausgelöste Reaktion.

Der Hintergrund: In Lebensgefahr funktioniert das System blitzschnell – für bewusste Abwägungen ist schlicht keine Zeit.

In der Gewaltfreien Kommunikation gehen wir davon aus, dass Gefühle von anderen ausgelöst werden. Das heißt: Jemand macht etwas, dein System erinnert sich an etwas und drückt den Alarmknopf.

Das Verhalten des anderen ist also der Trigger und löst bei dir bestimmte Gefühle und ein bestimmtes Verhalten aus. Und ab da nehmen die Dinge ihren Lauf.

Wir unterscheiden zwischen inneren und äußeren Triggern. Eine Frau, die eine traumatische Geburt erlebt hat, reagiert vielleicht auf den Geruch von Desinfektionsmittel, weil dieser Geruch zusammen mit dem traumatischen Erlebnis abgespeichert wurde.

Künftig kann der Geruch von Desinfektionsmitteln bei ihr zu panikartigen Reaktionen führen. Dies ist ein sogenannter externer Trigger.

Genauso können bestimmte Situationen mit Menschen oder Gegenständen zu Emotionssituationen führen, die einen Triggerpunkt berühren. Auch Gerüche Bilder oder Träume können Gefühle in uns auslösen.

Es gibt auch interne Trigger – diese benötigen keine Stimulation im Außen und können z.B. durch Gedanken in einem selbst ausgelöst werden.

Das heißt:

Trigger sind extrem individuell und im Prinzip kann alles zu einem Trigger werden, wenn wir ihn mit einem bestimmten Erlebnis oder einer Erfahrung verknüpfen.

Das passiert ganz automatisch und völlig unbewusst. Das ist grundsätzlich sinnvoll, denn unser System ist darauf geeicht, dass wir als Menschen überleben. Deshalb ist es sehr klug, dass unser System Dinge miteinander verknüpft und Assoziationen bildet, beispielsweise die Verbindung zwischen einem Gefühl und einer Situation herstellt, um uns warnen zu können, wenn solch eine Situation nochmals auftritt.

Dabei kommt es vor, dass die Verknüpfungen keinen unmittelbaren Bezug hat. Zum Beispiel ist das Desinfektionsmittel kein Grund dafür, dass die Frau in unserem Beispiel ein traumatisches Geburtserlebnis hatte. Dennoch wird ihr System von dem Geruch des Desinfektionsmittels getriggert, weil beide Informationen zusammen abgespeichert sind.

Die Ursprünge eines Triggers können grundsätzlich in jeder Erfahrung liegen, die wir jemals gemacht haben. Ganz viele Trigger kommen aus unserer Kindheit. Als Kinder gehen wir offen auf die Welt zu, machen viele Erlebnisse, und wollen ja auch Erlebnisse haben, weil wir verstehen möchten, wie die Welt funktioniert. Gleichzeitig sind wir sehr verletzlich und abhängig davon, wie mit uns umgegangen wird.

Jetzt denkst du vielleicht an dich und deine Kindheit, welche Trigger bei dir wohl gesetzt wurden. Sie laden uns also ein, nochmals ganz bewusst auf unsere Kindheit zu schauen – ohne jemanden dafür zu verurteilen.

Und wenn du den Transfer zu dir als Mama oder Papa machst, fragst du dich vielleicht, ob du dein Kind eigentlich beim Großwerden begleiten kannst, ohne Trigger bei ihm zu setzen. Das ist nahezu unmöglich, denn es gibt keine perfekten Eltern. Auch unsere Kinder werden als Erwachsene Lasten aus ihrer Kindheit mit sich herumschleppen.

Unsere Kinder brauchen einfach keine perfekten Eltern – sie brauchen authentische Eltern. Wenn wir versuchen, bei unseren Kindern ehrlich hin zu spüren und herauszufinden versuchen, was sie brauchen, damit es ihnen gut geht, sind wir auf einem guten Weg, positive Erfahrungen zu ermöglichen, die keine Trigger setzen.

Wann springt die Wut genau an?

Auch wenn die Situationen ähnlich sind: Was dich in der einen Woche völlig gelassen bleiben lässt, bringt dich in der nächsten Woche vielleicht auf die Palme. Das hat mit damit zu tun, wie du gerade grundsätzlich aufgestellt bist, was deine Ressourcen und deine Bedürfniserfüllung angeht.

An guten Tagen reizt dich ein Trigger kaum, weil du genügend Kraft und Ressourcen hast, um alternative Handlungsweisen aus deinem Gehirn zu kramen.

Sinn eines Triggers ist es geradezu, dich an schlechten Tagen zu schützen, weil du wenig Ressourcen hast, um anders mit den Herausforderungen klarzukommen. Nochmals zur Erinnerung: Evolutionär betrachtet hilft uns der Trigger, zu überleben.

Natürlich laufen heute keine Säbelzahntiger mehr herum, die unsere Integrität bedrohen. Der Ablauf bleibt jedoch gleich. Statt Säbelzahntigern werden wir von Menschen, Dingen, Umständen oder Zuständen bedroht. All das kann uns in den Zustand der Angst bringen.

Und das Gehirn macht keinen Unterschied, ob wir uns einem Säbelzahntiger gegen übersehen oder ob wir Angst haben, unseren Job zu verlieren oder als Mutter ungenügend zu sein.

Die Folgen der Wutausbrüche

Trigger weisen auf unerfüllte Bedürfnisse bzw. überschrittene Grenzen hin.

Stellen wir uns folgende Situation vor:

Ein Kind hat einen Teller auf den Boden geworfen; der Teller ist dabei kaputt gegangen. Mama oder Papa fängt zu schreien an: „Du Schussel! Kannst du nicht besser aufpassen? Du kannst das jetzt alles selber zusammenkehren! Ab in dein Zimmer!“ und Ähnliches …

Das heißt:

Das Kind hat bei uns eine Grenze verletzt. Vielleicht war uns der Teller sogar besonders wichtig, zum Beispiel weil er ein Erbstück von der Oma war. Eine weitere Ursache des Triggers in einem solchen Moment könnte sein, wie wir selbst früher behandelt wurden, wenn uns das passiert ist.

Wir reagieren oft automatisch damit, dass wir die Grenzen des Kindes ebenfalls verletzen. Wir nehmen das Kind als Zielscheibe für unsere Wut und würdigen es herab.

Das kann dazu führen, dass das Kind in dieser Situation einen Trigger ausbildet. Vielleicht möchte es dann keinen Tisch mehr decken – aus lauter Angst, es könnte wieder ein Teller kaputt gehen.

Solche Trigger können uns bis ins Erwachsenenleben begleiten. Wenn ich das Kind war, das herabgewürdigt wurde, weil es einen Teller kaputt gemacht hat, reagiere ich als Erwachsener vielleicht ähnlich, wenn MEIN Kind einen Teller kaputt macht.

Trigger können sich auch generalisieren:

Dann wirst du als Mutter oder Vater in jeder Situation wütend, in der du das Gefühl hast, dass du gerade herabgewürdigt wurdest.

Die erlebte Herabwürdigung durch die engsten Bindungspersonen kann dazu führen, dass die Kinder ihre Bindungsbeziehung bedroht fühlen.

Bindung ist ein Grundbedürfnis, und wenn ein Grundbedürfnis unerfüllt bleibt, besteht für unser System Gefahr. Kinder empfinden das sehr intensiv, da sie völlig abhängig von uns und komplett auf uns angewiesen sind.

Wenn wir uns also mit unseren Triggern auseinandersetzen, geht es uns allen besser, und wir sind dann auch viel eher in der Lage, unseren Kindern ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen.

Das kannst du gegen deine Aggression tun

Ganz ehrlich: Die wenigsten von uns Eltern sind die meiste Zeit in ihrer Mitte und können gelassen auf das Umlegen des Triggers reagieren. Kein Wunder, dass uns allen hin und wieder der Zeiger in den roten Bereich geht. Ich möchte dich dazu einladen, Verständnis für dich selbst zu haben.

Selbst wenn eine Situation völlig aus dem Ruder gelaufen ist, du dein Kind angeschrien oder auch dein Baby angeschrien hast, du dein Kind verletzt hast, obwohl du es besser weisst:

Du kannst sofort die Verantwortung übernehmen. Das bedeutet offen und ehrlich zu sagen, was du gemacht hast, dass du das aufrichtig bedauerst und dass du die Verantwortung trägst und dich um dich kümmerst.

Wenn du denkst „Ich bin überfordert mit meinem Kind“, versuche den Perspektivwechsel, denn du trägst die Verantwortung für dein Handeln und kannst die ausgelösten Gefühle deines Kindes entsprechend begleiten. Auch sogenannte Exitstrategien wie z.B. das stupide Zählen,ein Glas Wasser trinken etc. lenkt die Wut schon mal von deinem Kind weg.

Du kannst sogar noch einen Schritt weiter gehen und deine Trigger als Schatz annehmen. Trigger sind eine riesengroße Möglichkeit, uns mit uns selbst zu verbinden.

Der Trigger zeigt dir, wo etwas unbearbeitet ist, wo etwas wehtut. Du kannst deine Trigger als Geschenk sehen.

In der Gewaltfreien Kommunikation gehen wir davon aus, dass jeder Mensch mit dem, was er tut, das ihm gerade Bestmögliche tut.

Und unser Hirn hat so etwas wie Trampelpfade:

Wir neigen zu Verhaltensweisen, die wir als Reaktion auf einen Trigger schon häufig gelebt haben, die wir vielleicht als Kind selbst so erlebt haben. Wenn wir aufgrund eines Triggers in einer bestimmten Art und Weise reagieren, wollen wir uns in einer Notsituation schützen.

In der Notsituation wählt das Gehirn am ehesten den bekannten, oft gegangenen Weg.

Du fühlst dich im Nachgang unwohl mit deiner Reaktion? Dann kannst du die Entscheidung treffen, etwas ändern zu wollen.Komm raus aus der Verurteilung, wenn du in der nächsten Alarmstufe-Rot-Situation wieder auf den alten Trampelpfad kommst: Er ist einfach schon breiter ausgetreten und deshalb leichter zu finden.

Deshalb kann es immer mal wieder passieren, dass du trotz deiner guten Vorsätze wieder auf den alten Weg kommst. Doch unser Gehirn ist entwicklungsfähig. Du kannst neue Wege anlegen, und je häufiger du auf den neuen Wegen gehst, umso breiter werden sie. Das ist ein Prozess und der braucht seine Zeit.

So wie dein alter, breiter Weg lange genutzt wurde, braucht dein neuer auch seine Zeit um sich auszubauen. Wenn du den neuen Weg nun wieder und wieder gehst, wird er irgendwann genau so breit oder noch breiter als der alte, und du wirst ihn auch in Notsituationen zuverlässig finden.

Wie kannst du dich deinen Triggern konkret annähern?

Manchmal ist es so, dass wir eine Ahnung davon haben, dass unser Kind mit einer Verhaltensweise einen unserer Trigger berührt hat. Wir fühlen uns unwohl und wollen etwas ändern und herausfinden, wo der Trigger herkommt.

Eine mögliche Herangehensweise wäre, dir selber mal die Frage zu stellen, was passiert wäre, wenn du dich als Kind so verhalten hättest. Hier mal ein Beispiel von mir: Ich hatte mit meiner Tochter einen Konflikt beim Zähneputzen. Ich war total erschöpft und wollte einfach nur, dass es läuft.

Das Verhalten meiner Tochter hat mich so aufgeregt, dass ich los legte: „Kannst du nicht EINMAL einfach …“ Ich habe mich total vor mir selber erschrocken und ganz viel gegrübelt, was da passiert war. Nach und nach habe ich verstanden, dass ich als Kind ein riesengroßes Bedürfnis nach Empathie – dem Gesehen und Gehört werden – hatte. In meiner Kindheit haben meine Bedürfnisse keinen Raum gehabt. Es ging einfach ums “Funktionieren”.

In meinem Fall war es so, dass ich gesehen werden wollte. Das war für mich ein Grundbedürfnis, das unerfüllt blieb.

Unsere allermeisten Trigger sind aus Kindheitserfahrungen heraus entstanden. Triggersituationen mit unserem Kind sind häufig solche Situationen, in denen unser Kind etwas tut, was in unserer eigenen Kindheit fatal gewesen wäre.

Vielleicht haben wir dieses Verhalten sogar selber einmal gezeigt und wurden daraufhin herabgewürdigt.

Die Frage „Was wäre passiert, wenn du dich als Kind so verhalten hättest“ hilft uns ungemein, ins Verständnis für uns selber zu kommen.

Und wenn wir erst einmal an den Punkt gelangen, dass wir unsere unerfüllten Bedürfnisse erkennen, können wir dafür sorgen, dass wir diese Bedürfnisse im Alltag erfüllt bekommen. Auch hier wieder wichtig: Dafür sind wir ganz allein selbst verantwortlich. Unsere Kinder, unser Partner, unsere Freunde tragen keine Verantwortung, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen.

Wenn du dein unerfülltes Bedürfnis erforscht hast, dann darfst du dich auch darum kümmern. Bei meinem Beispiel, fehlte mir die Empathie.

Ich habe dann versucht zu schauen, wie kann ich mir Empathie schenken. Ich habe dann bewusst ein Gefühlstagebuch geführt. Bei anderen Bedürfnissen frag dich gerne: “Was kann ich jetzt für mich tun?”

In meinem Gfk Online Kurs findest du dazu noch viele weitere Ideen.

Fazit - Wutausbrüche gegen das eigene Kind werden von Triggern ausgelöst.

Sie versetzen unser ganzes System in Alarmbereitschaft. Wir sind kaum mehr dazu in der Lage, unser Verhalten bewusst zu steuern. In solchen Situationen verhalten wir uns oft noch anders, als wir es uns wünschen.

Wenn du dein Verhalten in Triggersituationen verändern möchtest, lohnt es sich hinzuschauen, wo dein Trigger herkommt und welches unerfüllte Bedürfnis dahinter steckt.

Ein Leben in ständiger und völliger Gelassenheit ist zwar ein unerreichbares Ziel, gleichzeitig kannst du Trigger durch das Erkennen und Erfüllen deiner aktuellen wie vergangenen Bedürfnisse mehr Leichtigkeit in dein Leben einladen. Sei geduldig mit dir und deinen Trampelpfaden.

Ich wünsche dir viele Erkenntnisse auf deinem Weg und viel Freude bei deinen ersten Reflektionen.