Ein Erfahrungsbericht mit der GfK

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„Wenn jemand das, was Marshall Rosenberg sich gedacht hat, weiterführen kann, dann ist das Kathy.”

In meiner neuen Interviewreihe mit der #gfkmitkathy-Community nehme ich dich mit auf eine Reise voller Erfahrungen.

Marshall B. Rosenberg hat die Gewaltfreie Kommunikation theoretisch entwickelt – doch erst durch seine Geschichten hat er sie auf Seminaren, Konferenzen und ähnlichem für Millionen von Zuhörer:innen spürbar werden lassen. Mit seinen Geschichten hat er die Menschen berührt und bewegt.

Die GfK lebendig zu halten ist auch mein großes Ziel. Ich möchte sie sogar (er-)lebbar machen. Das schaffe ich durch so viele Beispiele aus meinem Alltag wie möglich. Mittlerweile gibt es immer wieder Eltern, die durch meine Impulse täglich profitieren und sich bei mir wertschätzend zurückmelden.

Die Gewaltfreie Kommunikation lebt meines Erachtens von genau diesen Geschichten und spürbaren Erfahrungen, und diese Interviews helfen dir neben meinem persönlichen Input aus dem Podcast und von Instagram eben auch die Erfahrung anderer spürbar werden zu lassen.

Im heutigen Interview haben sich meine Assistentin Jennifer und Marny erstmalig austauschen dürfen. Und es war mir ein Fest, diesem Gespräch nach meinem Urlaub zu lauschen.

Marny lebt mit ihren beiden Töchtern (4 und 1) und ihrem Mann in Brandenburg an der Havel.

Sie berichtet von ihren Erfahrungen mit der Gewaltfreien Kommunikation in ihrem Mama-Alltag, mit weiteren Familienmitgliedern und im beruflichen Kontext. Marny studiert Soziale Arbeit und ist Erzieherin und hat viele Erfahrungen aus der Kinder- und Jugendhilfe.

Auch ihr Mann ist als Kindheitspädagoge offen und nimmt sich viel mit aus dem Wissen, das Marny sich mit dem Hören meines Eltern-Podcasts „Familie Verstehen – das ABC der Gewaltfreien Kommunikation”, meinen Instagraminhalten und nun auch vertiefend mit dem Gewaltfreie Kommunikation Onlinekurs „Mit Kindern in Verbindung” erarbeitet hat.

Lasst uns eintauchen in die Erfahrungen von Marny!

Wie hast du zur Gewaltfreien Kommunikation gefunden?

Ich studiere Soziale Arbeit, daher war mir Marshall Rosenberg schon aus dem Studium bekannt und mir war die Thematik auch nicht ganz fremd.

Doch irgendwie ist der Funke im Studium noch nicht übergesprungen.

Es war zwar interessant. Doch es war mir zu taktisch, prozessual und entfremdet vom Menschlichen.

Aber vor ca. zwei Jahren hat mich eine Freundin angesprochen, dass ich verhältnismäßig oft scheiße” im Alltag sage. Sie wiederum würde darauf verzichten wollen, da sie es mit Gewaltfreier Kommunikation versuchen.

Und da erinnerte ich mich an mein Seminar und hatte das für mich anders im Kopf: dass die Gewaltfreie Kommunikation weniger damit einhergeht, auf Kraftausdrücke zu verzichten.

Und dann recherchierte ich und kam auf Kathy. Kathy hat mich mit ihrer Art mitgerissen und hat mich die Gewaltfreie Kommunikation erfahrbarer werden lassen. Ich habe auch verstanden, es ist weniger strategisch das Modell als solches, sondern vielmehr eine Haltung oder sogar ein Menschenbild.

Mit Kathys Arbeit ist bei mir der Groschen dann gefallen.

Und obwohl wir, mein Mann und ich, vom Fach sind, lernen wir jede Menge dazu. Die Gewaltfreie Kommunikation hilft mir in meiner Fachlichkeit und auch in meinem alltäglichen Leben.

Und sagst du noch „scheiße“?

Ja. Ich finde, wenn was „scheiße“ ist, darf ich das auch sagen.

Was hat dich in den Bann gezogen und was hält dich am Ball?

Kathy hat für mich eine unglaublich fesselnde Energie.

Und das zieht mich wirklich in den Bann. Tatsächlich sie als Person hält mich am Ball.

Ihre Energie und ihre Beispiele machen es so erfahr- und nachahmbar.

Dass es nicht so das Gefühl von „Ich lerne eine Theorie und versuche diese anzuwenden“ ist – sondern mehr ein Erleben wird.

Ich kann ja fast eins zu eins Sätze übernehmen und mich daran üben. Auch wenn das nicht ihr Ansinnen dahinter ist, hilft mir genau das für den Start, die Technik erfahrbarer werden zu lassen und daraus dann meine eigenen Sätze zu formulieren.

Was hat sich für dich verändert, seitdem du die Gewaltfreie Kommunikation lebst?

Wir haben schon vorher bedürfnisorientiert gelebt.

Durch die GfK wurde ich (selbst)verantwortlicher in meinem Tun und stehe für meine eigene Stimmung und mein Befinden ein.

Es ist kein innerliches Schimpfen mehr auf das Verhalten des Kindes. Es geht mehr ins Beobachten und Erforschen.

Was sehe ich?

Was macht es mit mir? Was kann ich jetzt tun, um meinem Kind sinnvoll zu begegnen?
Das hebt für mich die Verantwortlichkeit im Familienalltag wieder zu den Eltern und weg vom Kind. Auch mein Mann sagte, als ich ihm die Frage stellte, dass er viel reflektierter in (Konflikt-)Situationen gehen kann.

Ich persönlich finde schon alleine den ersten Satz, den ich an mein Kind richte, so wertvoll.
Wenn ich im ersten Satz sage, was ich sehe, statt was ich bewerte, hilft mir das persönlich total dabei, mich in mein Kind reinfühlen zu können.

„Du ärgerst dich“ oder „Ich sehe du hast …”

Dieser erste Satz hilft mir Abstand zu nehmen und raus aus meinem Gefühl, z. B. der Wut, zu kommen.

Oft ist das die Eintrittstür, um auf meine eigene Empathie zugreifen zu können.

Schaffst du das immer? Auf deine Empathie zugreifen zu können?(

Nee.

Ich schaffe es oft. Ich schaffe es auch sehr oft, meinen Mann mit zu involvieren.
Und er lebt das mit mir zusammen, obwohl er noch keine Sekunde was von Kathy Weber angehört hat.

Es „funktioniert” nicht immer – gerade, wenn meine Bedürfnisse nicht gedeckelt sind.
Es ist für mich ein Prozess. Und der wird vielleicht für immer dauern.

Ich habe eine Oma, die ist an Demenz erkrankt, und selbst hier hilft mir die Gewaltfreie Kommunikation für den nötigen Abstand und das Einfühlen in gewissen Situationen.

Was sind deine größten Herausforderungen mit der Gewaltfreien Kommunikation?

Es immer anzuwenden ist meine größte Herausforderung.

Und als Nächstes mit den Blicken der anderen – also von meiner Familie und meinen Freunden – umzugehen.

Unsere Großeltern sind sehr offen, und doch merke ich, wie sie für mich genervt gucken, wenn ich mit meinen Kindern rede.

Ich versuche den Großeltern dann viel zu erklären und doch merken wir, dass es oft noch belächelt wird.

In deren Generation wurde einfach auch nicht diskutiert mit Kindern.

Das schmerzt manchmal, da ich schon gerne unterstützt und gesehen werde in meinem Sein. Mir fehlt da die Anerkennung und Wertschätzung vom Außen.

Ich bin mir bewusst, das kommt aus meiner Kindheit und habe mir dahingehend auch professionelle Unterstützung geholt. Und im Sinne der GfK kümmere ich mich um mich selbst.

Noch bin ich sehr abhängig von den Kommentaren anderer und kann mich auch noch nicht selbst für mein Tun und Sein wertschätzen.

Ich weiß in der Theorie, was ich leiste, doch im Herzen ist es noch nicht angekommen.

Extrem herausfordernd finde ich außerdem Worte für meine Bedürfnisse zu finden.

Am Anfang habe ich dann die Gefühls- und Bedürfniskarte (siehe auch im Shop) genommen und die Bedürfnisse auswendig gelernt, da ich immer nur auf drei Bedürfnisse komme.

Ich hätte da gerne manchmal die kleine Kathy auf meiner Schulter, die mich dann immer noch mal hinterfragt.

Welche drei Bedürfnisse hast du für dich da herausgefunden?

Ruhe/Entspannung, Schlaf und Freiheit im Sinne von eigenen Raum finden.

Was ist dein Lieblingszaubermoment?

Hab ich lange drüber nachgedacht.

Ich finde, dass jeden Tag Zaubermomente passieren. Jeder Tag, wenn meine Tochter mir zeigt, was sie fühlt und braucht, ist für mich ein Zaubermoment. Denn sie hat einen Zugang zu sich selbst, der mir selbst leider verloren gegangen ist.

Sie übernimmt sogar bereits Sätze der Gewaltfreien Kommunikation im Umgang mit ihrer kleinen Schwester.

Und wenn ich einen einzigen Moment nehme, dann ist es folgender:

Als wir frisch nach Brandenburg gezogen sind, haben wir einen Monat hier gewohnt. Am Anfang waren wir viel in der Wohnung. Es war auch kalt hier. Und eines Tages wollten wir mal die Gegend erkunden und hatten uns dann vorgenommen: Heute gehen wir in den Wald.

Zwei Kinder und sich selbst fertigmachen, damit zieht immer ein bisschen Zeit ins Land.
Es gibt auch viele Konflikte zwischen dem Weg vom Bett in den Wald.

Und nach dem fünften begleiteten Konflikt waren wir alle angezogen und meine Tochter sagte in der Situation des Losgehens: „Ich will die Kreide mitnehmen.”

Ich verdrehte die Augen und sagte:
„Wir brauchen die Kreide nicht im Wald. Nein, du nimmst die bitte nicht mit.”

Und dann kam so ein:
„Warum eigentlich nicht?” in meinen Kopf und ich sagte: „Naja komm, nimm sie mit. Wir probieren aus, was wir mit der Kreide im Wald machen können.”

Dann sind wir los und direkt vor der Tür sagte sie:
„Ich will mit Kreide malen.”

Und ich ging in mich, merkte, wir sind erstmal draußen, wir haben Zeit und so sagte ich in Absprache mit meinem Mann:
„Ja mal mit Kreide, fünf Minuten, und dann gehen wir in den Wald.”

Damals waren die „fünf Minuten“ unsere Strategie. Unabhängig davon, dass sie die als Dreieinhalbjährige wohl noch nicht greifen konnte, war das eben unsere Wahl.

Sie malte und malte und wir merkten schnell, wie intensiv sie gerade dabei war und wollten das auch nicht unterbrechen. So ließen wir sie malen und malen.

Am Ende waren es 50 Minuten.

Irgendwann sagte mein Mann: „So, wir gehen jetzt los in den Wald.”

Und sie schaute hoch und sagte nur „nein“ und hat weitergemalt.

Wir merkten: So wird das jetzt nichts. Und dann ging mein Mann bewusst in die Empathieschleife.

„Du findest das gerade richtig super mit dem Malen?“

„Ja.”

„Du würdest gerne ewig weitermalen, weil das so viel Spaß macht?”

„Ja.”

„Und die Farben sind auch so bunt, oder?”

„Ja.”

Nach noch zwei weiteren Fragen und gefolgten „Jas“ meiner Tochter sagte mein Mann dann zu ihr:
„Mir gefällt das gerade richtig gut, zu sehen, wie viel Spaß du hast. Gleichzeitig ist mir jetzt richtig kalt, und ich möchte mich bewegen, damit mir wieder warm wird, und ich habe mich auch so auf den Wald gefreut. Können wir vielleicht doch in den Wald gehen?”

Sie stand auf, klopfte ihre Hände ab und wir konnten in den Wald gehen.

Durch den Raum für ihren Spaß und das Gesehenwerden war sie einfach ganz freiwillig bereit mitzukommen. Das war ein großer Zauber für uns.

Du sagtest, dein Mann hat noch nichts von Kathy angehört, das klingt jetzt schon anders, oder?

Er hat viel von mir angenommen. Ich rede viel und gerne und mit ihm auch über alles. Und habe ihn an meinen Erkenntnissen erst aus dem Podcast und jetzt auch dem Kurs teilhaben lassen.

Er kann es gut annehmen und er will durch seinen beruflichen Hintergrund eben auch wertschätzend leben.

Ich lebe es außerdem aktiv im Alltag allen immer wieder vor, und das wird von beiden angenommen – von meiner Tochter und meinem Mann.

Wo hilft dir die Gewaltfreie Kommunikation deine bedürfnisorientierte Elternschaft zu leben?

Ich bin vor der Gewaltfreien Kommunikation ganz oft über meine eigenen Grenzen gegangen.

Hab mich und meine Bedürfnisse immer nach hinten weggeschoben.

Die Gewaltfreie Kommunikation hilft mir, diese im Alltag immer mehr zu sehen.

Mit der Empathieschleife kann ich mich auch von Gefühlen anderer abgrenzen, dafür bin ich durch meine Hochsensibilität sehr empfänglich.

Ohne die GfK hatte ich oft das Gefühl, dass sich alles gegen mich richtet und Konflikte immer mit mir zu tun haben. Da hilft mir die Gewaltfreie Kommunikation auch sehr.

Fällt dir die Haltung hinter der Gewaltfreien Kommunikation noch schwer?

Nein.

Wo es am meisten Klick gemacht hat, ist in der Grundannahme:

„Ich kann jederzeit meine Meinung ändern.”

Das hat so viel Erleichterung gebracht.

Alleine der Prozess der Elternschaft zeigt mir die ständigen Veränderungen im Leben auf.

Konsequent sein bedeutet für mich nicht mehr, dass ich immer hart sein muss und jeden Tag die gleiche Antwort nutzen muss.

Als Sozialarbeiterin bin ich es auch gewohnt mit Menschen zu arbeiten, die vielleicht dumme Dinge getan haben. Und hier erlebe ich täglich, dass es das ihnen Bestmögliche in dieser Situation war und dass sie Hilfe brauchen. 

Ich weiß gerade durch meine Arbeit: Der Mensch ist und handelt ja nicht ohne Grund so.

Ich verfalle da eher in die Situation und Aufopferung:

„Ich rette alle.”

An die Grenze könnte mich die Haltung der GfK bringen, wenn es an meine eigenen Kinder gehen würde, z. B. Richtung Pädophilie. Es wäre schwierig dann zu leben, dass „jeder sein Bestmögliches tut”. Gleichzeitig wüsste mein fachlicher Verstand, dass auch diese Menschen Hilfe brauchen.

Ich merke auch, dass genau diese Grundannahme mich zwickt, wenn meine Große trotz Absprache körperlich gegenüber der Kleinen wird.

Welche Frage würdest du Kathy gerne stellen?

Mein erster Impuls war: „Möchtest du meine Freundin sein?”

Dann dachte ich, das wäre vielleicht etwas schnell und viel. Doch vielleicht so was wie:

„Können wir gemeinsam einen Kaffee trinken?”

Kathy sagte mal auf die Frage „Wer ist dein Vorbild?”: „Ich habe keine Vorbilder.”

Für mich ist es schon irgendwie Kathy. Und sie daher mal live zu erleben und gemeinsam mit ihr schnattern zu können, das wäre schön.

Kathys Antwort!

Liebe Marny, danke dir für deine Offenheit und deine Wertschätzung mir und meiner Arbeit gegenüber.

Deine Worte und Erfahrungen haben mich zutiefst berührt.

Gerne bin ich dein GfK-Kumpel und ich arbeite im Hintergrund, sobald es Corona zulässt, auch an der Möglichkeit meine Community live – in echt und in Farbe – kennenzulernen.

Darauf freu ich mich schon jetzt – und da wird definitiv geplaudert.

Alles Liebe,

Unterschrift Kathy Weber in lila

Gewaltfreie Kommunikation einfach erklärt

Gewaltfreie Kommunikation Header

In Konflikten zwischen dir und deinem Kind, z.B. beim Anziehen (siehe auch Artikel zur Giraffensprache) oder Zähneputzen (siehe auch Artikel: Gewaltfreie Kommunikation – Ein Beispiel der Giraffensprache beim Zähneputzen) kann dich die Gewaltfreie Kommunikation (kurz: GfK) unterstützen. Sogar in der Kommunikation mit deinem Partner:in, deinen Eltern und allen anderen Mitmenschen.

Die Gewaltfreie Kommunikation kann dich auf allen Ebenen bereichern. Hast du sie einmal in dein Herz gelassen, wird sie viel mehr Leben und Verbindung einziehen lassen.

Und genau das hat mich von Beginn an fasziniert. Was die GfK genau ist, wie ich zur GfK gefunden habe und wer Marshall B. Rosenberg ist erfährst du hier im Folgenden.

Gewaltfreie Kommunikation - Was ist das genau?

Die Gewaltfreie Kommunikation wird oft als Kommunikations- und Konfliktlösungsprozess definiert und gelehrt.

Für mich ist sie viel mehr – Sie ist eine Lebensweise, denn neben der Technik – den sogenannten 4 Schritten –geht es in dem Modell von Marshall B. Rosenberg um die Haltung zu mir selbst, zu anderen Menschen und eigentlich zu allen Lebewesen. Die GfK geht davon aus, dass alles, was wir tun, uns dazu dient uns Bedürfnisse zu erfüllen. Und Bedürfnisse sind wiederum das, was wir zum Leben brauchen. Klingt erstmal logisch und einfach.

Doch Auswahl an Strategien zur Erfüllung unserer Bedürfnisse bergen dann wiederum Konfliktpotenzial. Daher beginnt die GfK immer bei uns und dem Erforschen unserer Bedürfnisse mittels der vier Schritte (später mehr dazu).

Entwickelt wurde die Gewaltfreie Kommunikation von Marshall B. Rosenberg. Er ist amerikanischer promovierter Psychologe mit jüdischen Wurzeln und Autor etlicher Bücher.

Nach seinem Studium wurde er zum Konfliktmediator und Gründer seiner Non-Profit-Organisation „The Center of nonviolent Communication“, kurz CNVC und übersetzt ins Deutsche mit Gewaltfreie Kommunikation.

Doch für viele war er viel mehr – eher eine Art – „Geschichtenerzähler, dessen Geschichten man nicht vergisst“. So beschreibt ihn Gabriele Seils in ihrem Buch „Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation“. Bedauerlicherweise habe ich keine Chance gehabt, Marshall B. Rosenberg persönlich zu treffen und kenne ihn nur aus seinen Büchern und aus Onlinevideos. Doch seine Geschichten als Mediator in Kriegsgebieten oder Haftanstalten gingen mir unter die Haut.

Wie kam Marshall B. Rosenberg zur Gewaltfreien Kommunikation?

Er ist in Detroit aufgewachsen und hat dort ganz eigene Erfahrungen mit Gewalt als weißer Jude zu einer Zeit großer Rassenkonflikte gemacht.

Er hat dort viele rassitische Konflikte miterlebt – und eben auch unterschiedliche Umgangsweisen damit. Aus der Frage heraus:

“Wie kann es sein, dass Menschen sich in Konfliktsituationen unterschiedlich behandeln – die einen mit Gewalt und die anderen mit Empathie?” – entwickelte er schließlich die ersten Ansätze der Gewaltfreien Kommunikation.

Worauf gründet sein Modell?

Marshall B. Rosenberg hatte sozusagen zwei Mentoren, die ihn persönlich, mental oder auch nur fachlich anhand ihrer Lehren in seiner Forschungsarbeit begleitet haben Er involvierte ihre Thesen und Arbeiten in seine Forschung und baute sie weiter aus.

Das waren zum einen sein Lehrer Carl Rogers und dessen Arbeiten zur klientenzentrierten Psychotherapie sowie die Lehren zur „Gewaltfreiheit“ von Mahatma Ghandi. Aus beiden Lehren entwickelte er einen spezifischen Zugang zur Kommunikation über das Sprechen und Zuhören und nannte dieses Modell in seiner Forschungsarbeit Nonviolent Communication.

Der heute etwas sperrige und oft diskutierte Begriff Gewaltfreie Kommunikation stammt also aus der Begriffsfindung seiner Forschungsarbeiten und blieb dann einfach bestehen und wurde in viele Sprachen übersetzt.

Die Ziele der GfK

In seinem Buch nennt Marshall B. Rosenberg die GfK selbst auch die „Einfühlsame Kommunikation“ und beschreibt sie als eine „sprachliche und kommunikative Fähigkeit, die unsere Möglichkeiten erweitert, selbst unter herausfordernden Umständen menschlich zu bleiben.“ (Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens, Marshall B. Rosenberg, S. 22.)

Er lädt mit seinem Modell in verständlichen Schritten dazu ein aus gewohnten und automatischen Verhaltensmustern auszusteigen und bewusst wahrzunehmen, was wir fühlen und brauchen, um in eine einfühlsame Verbindung mit uns und unserem Gegenüber zu kommen.

Für mich persönlich ist das Ziel, mit der Gewaltfreien Kommunikation Konflikte so zu lösen, dass alle bekommen, was sie brauchen, und gemeinsam (kreative) Strategien zu finden, mit denen alle Beteiligten ok sind.

Das bedeutet verstehen und verstanden zu werden, Gefühle und Bedürfnisse zu erforschen und gemeinsam im Gespräch Strategien und Kompromisse zu finden und in die freiwillige Kooperation zu kommen statt den Wettbewerb oder Machtpositionen zu stärken.

Ich lade dich dazu ein, weg von einem „richtig und falsch“ oder einem „man macht das so“ zu kommen und herauszufinden, – wie es für dich möglich wird, dass sowohl deine als auch die Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder erfüllt werden können.

Wie funktioniert die Gewaltfreie Kommunikation?

Die Gewaltfreie Kommunikation besteht aus der Haltung bzw. den so genannten Grundannahmen und der Technik (bekannt als vier Schritte). Für mich gibt es kein “Funktionieren” der GfK, sondern ich lebe sie. Alles andere wäre für mich manipulativ.

Was ist die Haltung hinter der Gewaltfreien Kommunikation?

Marshall B. Rosenberg geht in seinem Modell unter anderem davon aus, dass wir Menschen alle die gleichen Bedürfnisse haben und wir zur Erfüllung dieser selbst verantwortlich sind.

Auch, und daran glaubte er aus tiefstem Herzen seit seinen eigenen Gewalterfahrungen, dass wir Menschen unserem Wesen nach gerne alle zum Gemeinwohl beitragen möchten und stets mit unserem Handeln das uns gerade Bestmögliche tun, um uns eines unserer (unerfüllten) Bedürfnisse zu erfüllen.

Die vier Schritte der GfK

Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation bilden die Technik in dem Modell und stehen oft im Vordergrund. Viel wichtiger als die reine Abfolge der Schritte ist die Haltung hinter der Technik wie z.B., dass Gefühle Auslöser, jedoch keine Ursache sind, oder dass wir selbst für unsere Bedürfnisse verantwortlich sind.

Das können wir zunächst in der Stille – in der sogenannten Selbsteinfühlung – für uns erforschen, bevor wir verbal mit der Fremdeinfühlung an unser Gegenüber herantreten.
Sind wir mit uns verbunden, können wir uns auch authentisch mit anderen verbinden.

Wie sehen nun die vier Schritte aus?

Warum gerade Gewaltfreie kommunikation? So hat es mich überzeugt

Ich werde oft gefragt:

„Kathy, wie kamst du zur Gewaltfreien Kommunikation und wie ist dein Werdegang?“

Hier möchte ich euch einen kleinen Einblick in meine langjährige Reise mit der GfK geben.

Ich war gerade 26 Jahre alt und hatte frisch als Moderatorin eine eigene Kindersendung ergattert – als ich ungeplant schwanger geworden bin.

Und das, obwohl ich eigentlich nie Kinder haben wollte. Heute bin ich unfassbar dankbar, dass ich in dieser Zeit meine Meinung dazu ändern und dann das Leben annehmen konnte, wie es kam.

Ich konnte mich dann auf meinen Sohn freuen, und wenn ich mich damals anders entschieden hätte, dann hätte ich vermutlich heute noch keine Kinder.

Durch meine mir damals spürbaren Wunden aus Familienkonflikten, zum Beispiel dem Liebesentzug meines Papas, und auch meiner für mich extremen Mobbingerfahrung in der Schulzeit – hab ich mich bewusst fragen können: Was für eine Mama möchte ich für meinen Sohn sein? Und für mich stand fest – ich möchte es anders machen.

Ich wollte das „anders machen wollen“ hinterfragen und habe angefangen, wie es mein Naturell ist, mich mit Menschen darüber zu unterhalten. Ich wollte einfach eine Idee haben – wie ich als Mama es anders machen kann als meine Eltern.

Und so kam es, dass ich bei meiner Heilpraktikerin war und ihr meine Gedanken mitgeteilt habe. Sie hat mich dann auf die Gewaltfreie Kommunikation gestoßen, und von da an hat mich die Gewaltfreie Kommunikation gefesselt.

Durch die ungeplante Schwangerschaft mit meinem Sohn habe ich – oder hat mich die GfK finden dürfen.

Und auf meiner langjährigen Reise von der Schwangerschaft über unsere Patchworkfamilie und auch die intensivsten Gefühle mit unserer Tochter (5) habe ich mich immer mehr mit mir verbinden können und habe meine ganz eigenen Wege als Mama gefunden.

Ich habe mich damals ganz anders kennenlernen dürfen – bin in tiefe Verbindung zu meinen Eltern, meinem Sohn und mit mir gekommen.

Ich glaube fest daran: Wenn wir den Zugang zu uns und unserem mitfühlenden Wesen wiederfinden und vertiefen, dass dann so viel mehr Liebe entstehen kann und sich vieles friedvoll(er) ändern lässt – im Kleinen wie im Großen.

Im Familienalltag gibt es immer wieder Herausforderungen des Lebens.
Hier ist es die Kunst – immer wieder zu schauen, wie guck ich auf mich, auf die Menschen und auf die Welt um mich herum.

Heute kann ich sagen: Ich lebe die GfK aus tiefstem Herzen und bin sehr dankbar einen Weg gefunden zu haben, sie heute sogar beruflich leben zu dürfen.

Und so wendest du es an - Gewaltfreie Kommunikation in einem Praxisbeispiel mit Kindern

Gewaltfreie Kommunikation - Wie du aus einer Bewertung eine reine Beobachtung machen kannst

Gerne möchte ich dir hier einmal ein Praxisbeispiel geben mit meiner eigenen Selbsteinfühlung anhand eines Beispiels aus meinem Leben und den oben genannten vier Schritten.

Beachte: Ich lebe die GfK seit fast 15 Jahren. Es bedarf einiges an Übung und Geduld. Doch es ist möglich diesen Zauber auch selbst zu erleben.

Außerdem habe ich mich in dieser Situation bewusst der Selbsteinfühlung hingeben können, aufgrund meiner langjährigen Übung, meines Energielevels in dem Moment UND weil keine Gefahr in Verzug bestand.

Folgendes habe ich mit meiner Tochter (5) also erleben dürfen: 

Zusammenfassung

Meinen Weg am Anfang mit der Gewaltfreien Kommunikation vergleiche ich oft mit einer Gehirnwäsche.

Ich meine das positiv. Ich wollte was ändern. Ich wollte gewisse Gedanken umformen, damit ich anders handeln kann.

Ich habe mich damit beschäftigt, was welche Wörter auslösen können.
Was bedeutet bedürfnisorientiert bzw. bedürfnisorientierte Erziehung (Elternschaft) für mich?

Mir wurde nach und nach bewusst, dass ich am Ende aller Fragen immer bei mir selbst landete.

Denn du kommst nur in die Verbindung zu anderen, wenn du sie zu dir hast.

Die GfK kann kein Tool sein – da sie so viel mehr auslösen kann, und dann wird es ein Prozess, um in erster Linie mit sich in Verbindung zu kommen. Und das kann dann sogar ein lebenslanger Prozess sein. Für mich gibt es kein Ende in diesem Prozess – und daher ist die Gewaltfreie Kommunikation für mich eine Lebensweise.

Konflikte dürfen sein, wir dürfen uns reiben, das ist das Leben. Wir brauchen Reibung sogar, damit wir Grenzen erfahren. Grenzen dienen unserem Schutz und der Geborgenheit und in geschützter und sicherer Umgebung sind wir bereit zu wachsen.

Lasst uns Konflikte als eine Einladung sehen uns mit uns zu verbinden und unsere Welt im Kleinen immer friedvoller und freundlicher zu gestalten.

Du möchtest lernen, die Gewaltfreie Kommunikation richtig anzuwenden?

Die Gewaltfreie Kommunikation zu leben ist, wie schon gesagt, ein Prozess. Und für diesen gibt es kein Richtig oder Falsch.

Um dich in deinem Prozess mit der Gewaltfreien Kommunikation bestmöglich zu begleiten – dafür stehe ich dir mit der KathyWeberHerzenssache zur Seite.

Hole dir gerne im ersten Schritt mein gratis EBook “Gewaltfreie Kommunikation in Kindersprache” sowie das gratis Workbook “Wertschätzende Kommunikation mit deinem Kind”.
In meinem Podcast erfährst du regelmäßig nützliche Tipps und Impulse und kannst dir Schritt für Schritt das aus meinen Angeboten raussuchen, was dich in deinem persönlichen Prozess bestmöglich unterstützt.

Ich nehme dich mit meinen Impulsen an die Hand, lade dich zum Umdenken an und sitze in schwierigen Situationen gerne imaginär auf deiner Schulter als innere Begleitung. 😉

Viel Freude bei der Umsetzung!

Mein Kind macht mich aggressiv – die Wut gegen das eigene Kind

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Überrollt dich manchmal die Wut? Dein Kind macht etwas und du explodierst innerhalb von Millisekunden? Schreist vielleicht dein Kind an, obwohl du genau weißt, wie schlimm ein schreiendes Elternteil für Kinder ist? Manchmal kennst du vielleicht kein warum und schämst dich dann oder hast ein schlechtes Gewissen?

Häufig sind es bestimmte Trigger, die uns im Handumdrehen von Null auf Hundert bringen können. Was sind Trigger überhaupt? Wie entstehen Trigger? Wann tauchen sie auf? Und warum sind sie eigentlich ein Geschenk?

Ich will dir Impulse geben, wie du dich und deine Trigger besser verstehen kannst. Das ist schon der erste Schritt in ein anderes Verhaltensmuster.

Genervt vom eigenen Kind - Ursachen und Trigger

Was ist eigentlich ein Trigger?

Ursprünglich kommt der Begriff „Trigger“ aus der Techniksprache. Er bezeichnet einen Punkt, der nach Aktivierung eine bestimmte Reaktion nach sich zieht. Ein Trigger ist also wie ein Schalter, der umgelegt wird – und dann passiert sofort und unmittelbar etwas.

Der Begriff passt ebenso gut für uns Menschen, weil wir in dieser Hinsicht manchmal wie Maschinen funktionieren: Auch wir haben Triggerpunkte, die bestimmte Reaktionen und Gefühle auslösen. Wenn also dein Kind bei dir einen Triggerpunkt erwischt, führt das mehr oder weniger automatisch dazu, dass du beispielsweise schreist oder dein Kind packst.

Dabei hast du ganz unangenehme Gedanken wie beispielsweise „Ich hasse mein Kind.“ Du findest alleine keinen Ausweg. Es läuft eine Reaktion ab, die du so eigentlich anders leben möchtest.

Typisch für von Triggern ausgelöste Reaktionen ist, dass sie dich einfach so überkommen.

Wenn du gelegentlich in der Erziehung Wut gegen dein Kind empfindest, bist du eingeladen, dich mit deinen Wuttriggern auseinanderzusetzen. Das wird dir selbst und deinem Kind gut tun.

Die Ursachen: Woher kommt die Wut gegenüber dem Kind?

Trigger sind eigentlich Schutzschalter. Was dir irgendwann einmal widerfahren ist als Verletzung, Grenzüberschreitung oder Nichtwahrung deiner Integrität, legt sich in deinem Körper, in deiner Psyche, in deinem gesamten System nieder.

Der Trigger ist das Warnsignal: Kommst du jemals in deinem Leben wieder in diese oder eine ähnliche Situation, legt dein System den Schalter um und möchte dich durch eine bestimmte, automatische Reaktion schützen.

In der Evolution des Menschen hat sich diese Einrichtung bewährt: Der Trigger warnt und schützt uns vor Gefahr. Das läuft automatisch ab. Die Alarmstufe Rot setzt du unbewusst. Genauso wenig steuerst du die vom Trigger ausgelöste Reaktion.

Der Hintergrund: In Lebensgefahr funktioniert das System blitzschnell – für bewusste Abwägungen ist schlicht keine Zeit.

In der Gewaltfreien Kommunikation gehen wir davon aus, dass Gefühle von anderen ausgelöst werden. Das heißt: Jemand macht etwas, dein System erinnert sich an etwas und drückt den Alarmknopf.

Das Verhalten des anderen ist also der Trigger und löst bei dir bestimmte Gefühle und ein bestimmtes Verhalten aus. Und ab da nehmen die Dinge ihren Lauf.

Wir unterscheiden zwischen inneren und äußeren Triggern. Eine Frau, die eine traumatische Geburt erlebt hat, reagiert vielleicht auf den Geruch von Desinfektionsmittel, weil dieser Geruch zusammen mit dem traumatischen Erlebnis abgespeichert wurde.

Künftig kann der Geruch von Desinfektionsmitteln bei ihr zu panikartigen Reaktionen führen. Dies ist ein sogenannter externer Trigger.

Genauso können bestimmte Situationen mit Menschen oder Gegenständen zu Emotionssituationen führen, die einen Triggerpunkt berühren. Auch Gerüche Bilder oder Träume können Gefühle in uns auslösen.

Es gibt auch interne Trigger – diese benötigen keine Stimulation im Außen und können z.B. durch Gedanken in einem selbst ausgelöst werden.

Das heißt:

Trigger sind extrem individuell und im Prinzip kann alles zu einem Trigger werden, wenn wir ihn mit einem bestimmten Erlebnis oder einer Erfahrung verknüpfen.

Das passiert ganz automatisch und völlig unbewusst. Das ist grundsätzlich sinnvoll, denn unser System ist darauf geeicht, dass wir als Menschen überleben. Deshalb ist es sehr klug, dass unser System Dinge miteinander verknüpft und Assoziationen bildet, beispielsweise die Verbindung zwischen einem Gefühl und einer Situation herstellt, um uns warnen zu können, wenn solch eine Situation nochmals auftritt.

Dabei kommt es vor, dass die Verknüpfungen keinen unmittelbaren Bezug hat. Zum Beispiel ist das Desinfektionsmittel kein Grund dafür, dass die Frau in unserem Beispiel ein traumatisches Geburtserlebnis hatte. Dennoch wird ihr System von dem Geruch des Desinfektionsmittels getriggert, weil beide Informationen zusammen abgespeichert sind.

Die Ursprünge eines Triggers können grundsätzlich in jeder Erfahrung liegen, die wir jemals gemacht haben. Ganz viele Trigger kommen aus unserer Kindheit. Als Kinder gehen wir offen auf die Welt zu, machen viele Erlebnisse, und wollen ja auch Erlebnisse haben, weil wir verstehen möchten, wie die Welt funktioniert. Gleichzeitig sind wir sehr verletzlich und abhängig davon, wie mit uns umgegangen wird.

Jetzt denkst du vielleicht an dich und deine Kindheit, welche Trigger bei dir wohl gesetzt wurden. Sie laden uns also ein, nochmals ganz bewusst auf unsere Kindheit zu schauen – ohne jemanden dafür zu verurteilen.

Und wenn du den Transfer zu dir als Mama oder Papa machst, fragst du dich vielleicht, ob du dein Kind eigentlich beim Großwerden begleiten kannst, ohne Trigger bei ihm zu setzen. Das ist nahezu unmöglich, denn es gibt keine perfekten Eltern. Auch unsere Kinder werden als Erwachsene Lasten aus ihrer Kindheit mit sich herumschleppen.

Unsere Kinder brauchen einfach keine perfekten Eltern – sie brauchen authentische Eltern. Wenn wir versuchen, bei unseren Kindern ehrlich hin zu spüren und herauszufinden versuchen, was sie brauchen, damit es ihnen gut geht, sind wir auf einem guten Weg, positive Erfahrungen zu ermöglichen, die keine Trigger setzen.

Wann springt die Wut genau an?

Auch wenn die Situationen ähnlich sind: Was dich in der einen Woche völlig gelassen bleiben lässt, bringt dich in der nächsten Woche vielleicht auf die Palme. Das hat mit damit zu tun, wie du gerade grundsätzlich aufgestellt bist, was deine Ressourcen und deine Bedürfniserfüllung angeht.

An guten Tagen reizt dich ein Trigger kaum, weil du genügend Kraft und Ressourcen hast, um alternative Handlungsweisen aus deinem Gehirn zu kramen.

Sinn eines Triggers ist es geradezu, dich an schlechten Tagen zu schützen, weil du wenig Ressourcen hast, um anders mit den Herausforderungen klarzukommen. Nochmals zur Erinnerung: Evolutionär betrachtet hilft uns der Trigger, zu überleben.

Natürlich laufen heute keine Säbelzahntiger mehr herum, die unsere Integrität bedrohen. Der Ablauf bleibt jedoch gleich. Statt Säbelzahntigern werden wir von Menschen, Dingen, Umständen oder Zuständen bedroht. All das kann uns in den Zustand der Angst bringen.

Und das Gehirn macht keinen Unterschied, ob wir uns einem Säbelzahntiger gegen übersehen oder ob wir Angst haben, unseren Job zu verlieren oder als Mutter ungenügend zu sein.

Die Folgen der Wutausbrüche

Trigger weisen auf unerfüllte Bedürfnisse bzw. überschrittene Grenzen hin.

Stellen wir uns folgende Situation vor:

Ein Kind hat einen Teller auf den Boden geworfen; der Teller ist dabei kaputt gegangen. Mama oder Papa fängt zu schreien an: „Du Schussel! Kannst du nicht besser aufpassen? Du kannst das jetzt alles selber zusammenkehren! Ab in dein Zimmer!“ und Ähnliches …

Das heißt:

Das Kind hat bei uns eine Grenze verletzt. Vielleicht war uns der Teller sogar besonders wichtig, zum Beispiel weil er ein Erbstück von der Oma war. Eine weitere Ursache des Triggers in einem solchen Moment könnte sein, wie wir selbst früher behandelt wurden, wenn uns das passiert ist.

Wir reagieren oft automatisch damit, dass wir die Grenzen des Kindes ebenfalls verletzen. Wir nehmen das Kind als Zielscheibe für unsere Wut und würdigen es herab.

Das kann dazu führen, dass das Kind in dieser Situation einen Trigger ausbildet. Vielleicht möchte es dann keinen Tisch mehr decken – aus lauter Angst, es könnte wieder ein Teller kaputt gehen.

Solche Trigger können uns bis ins Erwachsenenleben begleiten. Wenn ich das Kind war, das herabgewürdigt wurde, weil es einen Teller kaputt gemacht hat, reagiere ich als Erwachsener vielleicht ähnlich, wenn MEIN Kind einen Teller kaputt macht.

Trigger können sich auch generalisieren:

Dann wirst du als Mutter oder Vater in jeder Situation wütend, in der du das Gefühl hast, dass du gerade herabgewürdigt wurdest.

Die erlebte Herabwürdigung durch die engsten Bindungspersonen kann dazu führen, dass die Kinder ihre Bindungsbeziehung bedroht fühlen.

Bindung ist ein Grundbedürfnis, und wenn ein Grundbedürfnis unerfüllt bleibt, besteht für unser System Gefahr. Kinder empfinden das sehr intensiv, da sie völlig abhängig von uns und komplett auf uns angewiesen sind.

Wenn wir uns also mit unseren Triggern auseinandersetzen, geht es uns allen besser, und wir sind dann auch viel eher in der Lage, unseren Kindern ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen.

Das kannst du gegen deine Aggression tun

Ganz ehrlich: Die wenigsten von uns Eltern sind die meiste Zeit in ihrer Mitte und können gelassen auf das Umlegen des Triggers reagieren. Kein Wunder, dass uns allen hin und wieder der Zeiger in den roten Bereich geht. Ich möchte dich dazu einladen, Verständnis für dich selbst zu haben.

Selbst wenn eine Situation völlig aus dem Ruder gelaufen ist, du dein Kind angeschrien oder auch dein Baby angeschrien hast, du dein Kind verletzt hast, obwohl du es besser weisst:

Du kannst sofort die Verantwortung übernehmen. Das bedeutet offen und ehrlich zu sagen, was du gemacht hast, dass du das aufrichtig bedauerst und dass du die Verantwortung trägst und dich um dich kümmerst.

Wenn du denkst „Ich bin überfordert mit meinem Kind“, versuche den Perspektivwechsel, denn du trägst die Verantwortung für dein Handeln und kannst die ausgelösten Gefühle deines Kindes entsprechend begleiten. Auch sogenannte Exitstrategien wie z.B. das stupide Zählen,ein Glas Wasser trinken etc. lenkt die Wut schon mal von deinem Kind weg.

Du kannst sogar noch einen Schritt weiter gehen und deine Trigger als Schatz annehmen. Trigger sind eine riesengroße Möglichkeit, uns mit uns selbst zu verbinden.

Der Trigger zeigt dir, wo etwas unbearbeitet ist, wo etwas wehtut. Du kannst deine Trigger als Geschenk sehen.

In der Gewaltfreien Kommunikation gehen wir davon aus, dass jeder Mensch mit dem, was er tut, das ihm gerade Bestmögliche tut.

Und unser Hirn hat so etwas wie Trampelpfade:

Wir neigen zu Verhaltensweisen, die wir als Reaktion auf einen Trigger schon häufig gelebt haben, die wir vielleicht als Kind selbst so erlebt haben. Wenn wir aufgrund eines Triggers in einer bestimmten Art und Weise reagieren, wollen wir uns in einer Notsituation schützen.

In der Notsituation wählt das Gehirn am ehesten den bekannten, oft gegangenen Weg.

Du fühlst dich im Nachgang unwohl mit deiner Reaktion? Dann kannst du die Entscheidung treffen, etwas ändern zu wollen.Komm raus aus der Verurteilung, wenn du in der nächsten Alarmstufe-Rot-Situation wieder auf den alten Trampelpfad kommst: Er ist einfach schon breiter ausgetreten und deshalb leichter zu finden.

Deshalb kann es immer mal wieder passieren, dass du trotz deiner guten Vorsätze wieder auf den alten Weg kommst. Doch unser Gehirn ist entwicklungsfähig. Du kannst neue Wege anlegen, und je häufiger du auf den neuen Wegen gehst, umso breiter werden sie. Das ist ein Prozess und der braucht seine Zeit.

So wie dein alter, breiter Weg lange genutzt wurde, braucht dein neuer auch seine Zeit um sich auszubauen. Wenn du den neuen Weg nun wieder und wieder gehst, wird er irgendwann genau so breit oder noch breiter als der alte, und du wirst ihn auch in Notsituationen zuverlässig finden.

Wie kannst du dich deinen Triggern konkret annähern?

Manchmal ist es so, dass wir eine Ahnung davon haben, dass unser Kind mit einer Verhaltensweise einen unserer Trigger berührt hat. Wir fühlen uns unwohl und wollen etwas ändern und herausfinden, wo der Trigger herkommt.

Eine mögliche Herangehensweise wäre, dir selber mal die Frage zu stellen, was passiert wäre, wenn du dich als Kind so verhalten hättest. Hier mal ein Beispiel von mir: Ich hatte mit meiner Tochter einen Konflikt beim Zähneputzen. Ich war total erschöpft und wollte einfach nur, dass es läuft.

Das Verhalten meiner Tochter hat mich so aufgeregt, dass ich los legte: „Kannst du nicht EINMAL einfach …“ Ich habe mich total vor mir selber erschrocken und ganz viel gegrübelt, was da passiert war. Nach und nach habe ich verstanden, dass ich als Kind ein riesengroßes Bedürfnis nach Empathie – dem Gesehen und Gehört werden – hatte. In meiner Kindheit haben meine Bedürfnisse keinen Raum gehabt. Es ging einfach ums “Funktionieren”.

In meinem Fall war es so, dass ich gesehen werden wollte. Das war für mich ein Grundbedürfnis, das unerfüllt blieb.

Unsere allermeisten Trigger sind aus Kindheitserfahrungen heraus entstanden. Triggersituationen mit unserem Kind sind häufig solche Situationen, in denen unser Kind etwas tut, was in unserer eigenen Kindheit fatal gewesen wäre.

Vielleicht haben wir dieses Verhalten sogar selber einmal gezeigt und wurden daraufhin herabgewürdigt.

Die Frage „Was wäre passiert, wenn du dich als Kind so verhalten hättest“ hilft uns ungemein, ins Verständnis für uns selber zu kommen.

Und wenn wir erst einmal an den Punkt gelangen, dass wir unsere unerfüllten Bedürfnisse erkennen, können wir dafür sorgen, dass wir diese Bedürfnisse im Alltag erfüllt bekommen. Auch hier wieder wichtig: Dafür sind wir ganz allein selbst verantwortlich. Unsere Kinder, unser Partner, unsere Freunde tragen keine Verantwortung, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen.

Wenn du dein unerfülltes Bedürfnis erforscht hast, dann darfst du dich auch darum kümmern. Bei meinem Beispiel, fehlte mir die Empathie.

Ich habe dann versucht zu schauen, wie kann ich mir Empathie schenken. Ich habe dann bewusst ein Gefühlstagebuch geführt. Bei anderen Bedürfnissen frag dich gerne: “Was kann ich jetzt für mich tun?”

In meinem Gfk Online Kurs findest du dazu noch viele weitere Ideen.

Fazit - Wutausbrüche gegen das eigene Kind werden von Triggern ausgelöst.

Sie versetzen unser ganzes System in Alarmbereitschaft. Wir sind kaum mehr dazu in der Lage, unser Verhalten bewusst zu steuern. In solchen Situationen verhalten wir uns oft noch anders, als wir es uns wünschen.

Wenn du dein Verhalten in Triggersituationen verändern möchtest, lohnt es sich hinzuschauen, wo dein Trigger herkommt und welches unerfüllte Bedürfnis dahinter steckt.

Ein Leben in ständiger und völliger Gelassenheit ist zwar ein unerreichbares Ziel, gleichzeitig kannst du Trigger durch das Erkennen und Erfüllen deiner aktuellen wie vergangenen Bedürfnisse mehr Leichtigkeit in dein Leben einladen. Sei geduldig mit dir und deinen Trampelpfaden.

Ich wünsche dir viele Erkenntnisse auf deinem Weg und viel Freude bei deinen ersten Reflektionen.