Wutausbruch beim Kind – So behältst du die Nerven und die Kontrolle

„Ich will mich aber nicht anschnallen“, „Ich will mir jetzt nicht die Zähne putzen“ oder „Ich will das allein machen“, begleitet von großem Geschrei und hochrotem Kopf – starke Gefühle bei Kindern kennen alle Eltern.

In bestimmten Phasen ihres Lebens reagieren Kinder besonders häufig mit Wutausbrüchen. Als Eltern fühlen wir uns dann oft hilflos. Das führt zu Frustration beim Kind und genauso bei uns als Eltern – ein Teufelskreis.

Wie kannst du bei Kindern mit Wut umgehen? Wie hilfst du deinem Kind, Wege für den Umgang mit Wut zu finden, ohne sich, dich oder andere zu verletzen – ob verbal oder körperlich durch Hauen, Schlagen, Beißen?

Wie kommst du mit deinen eigenen Gefühlen klar, wenn dein Kind zu Wutausbrüchen neigt? Dazu möchte ich dich hier begleiten.

Warum haben Kinder überhaupt Wutausbrüche?

In manchen Entwicklungsphasen haben Kinder häufiger Wutausbrüche als in anderen. Die erste Entwicklungs- bzw Autonomiephase, die oft von Wutausbrüchen begleitet ist, startet bei manchen Kindern schon mit anderthalb Jahren: Die Kinder wollen viel selber machen.

Sie lernen beispielsweise zu sprechen, und doch fehlen ihnen oft Worte, Ausdrucksweisen und Erfahrungen.

Auch beim Anziehen, Haarebürsten, Zähneputzen: Die Kinder wollen am liebsten alles „allein machen“. Und dann merken sie, dass sie da an Grenzen stoßen.

Das ist total frustrierend!

In diesem Alter fehlt den Kindern auch noch die nötige Hirnreife, um sich selbst zu beruhigen.

Das heißt:

Kinder dürfen den Umgang mit ihrer Wut erst lernen.

Diese erste Phase kann bis zum Ende des vierten Lebensjahres dauern.

Die zweite Phase, in der es erneut häufige Wutausbrüche geben kann, ist die so genannte Wackelzahnpubertät rund um den Schuleintritt. In dieser Zeit passiert viel emotional wie auch körperlich. Auch wird diese Phase zusätzlich durch neue Anforderungen und Herausforderungen im Außen begleitet: Kitaabschied, Einschulung, neuer Alltag, neue Bezugspersonen, neue Freunde usw.

In der dritten Phase der bekannten Pubertät ab etwa zehn Jahren strukturiert sich das Gehirn extrem um – überall sind plötzlich Baustellen. Dazu noch die körperliche Entwicklung, die Auseinandersetzung mit Identitätsfragen, erstes Verliebtsein, starke und neue Gefühle: Die Anpassungsleistungen, die Pubertierenden abverlangt werden, sind enorm.

In allen drei Entwicklungsphasen ist bei den Kindern total viel los und sie kommen schnell an den Punkt, an dem sie einfach überfordert sind. Wie oft die Wutausbrüche kommen, wie stark sie ausfallen und wie lange die Phase der wiederkehrenden Wutausbrüche andauert – das ist auch eine Frage des Temperaments des Kindes.

Ganz wichtig also:

Wutausbrüche gehören zur Entwicklung dazu. Wut bei Kindern ist sogar normal! Manche Kinder haben diese Ausbrüche nur einfach ausgeprägter und andere haben sie weniger oft und/oder weniger häufig.

Das steckt eigentlich hinter der Wut

Nach den Grundannahmen der Gewaltfreien Kommunikation versucht ein Mensch jederzeit mit dem, was er gerade tut, ein Bedürfnis zu befriedigen. Er oder sie macht das mit der bestmöglichen Strategie, die ihm oder ihr gerade zur Verfügung steht.

Das Problem beim Umgang mit der Wut: Eigentlich braucht unser Kind im Moment der Wut wahrscheinlich gerade das Gegenteil, von dem was es sich mit der Strategie erfüllt. Oft stecken hinter der Wut Bedürfnisse wie Nähe, Geborgenheit, Orientierung, Führung, Verständnis und Empathie uva.

Das Verzwickte daran: Die Chance, dass das Kind sein Bedürfnis nach z.B. Nähe über einen Wutausbruch befriedigen kann, ist eher gering.

So gehst du mit der Wut deines Kindes um

Unsere Aufgabe als Eltern ist es, dass wir für uns und unsere Kinder sorgen. Nur wenn wir uns gut um uns kümmern, sind unsere Nerven stark genug, um unseren Kindern den Halt zu geben, den sie brauchen.

Gib deinem Kind den Raum, seine Gefühle auszuleben. Und nutze den Moment der Wut, um dich mit dir zu verbinden.

Je stärker du dir deiner eigenen Gefühle und Bedürfnisse bewusst bist, desto leichter fällt dir die Begleitung der Wut. Wie fühlst du dich? Was brauchst du gerade selbst?

Und wir behalten im Kopf, dass unser Kind uns mit seinen Wutausbrüchen etwas sagen möchte und sich damit ein Bedürfnis erfüllen möchte.

Die Wahl der Strategie ist jedoch ungünstig gewählt – doch für dein Kind ist es das bestmögliche in dieser überkochenden Situation. In seinem Herzen wünscht es sich etwas ganz Anderes.

Es braucht eben Unterstützung, um seine Bedürfnisse auf geeigneteren Wegen als über Wutausbrüche zu erfüllen. Nach und nach kann dein Kind zielführendere Strategien erlernen – und kann damit auch später als Erwachsener andere Wege finden mit seiner und der Wut anderer umzugehen.

Begegne deiner eigenen Wut

Bei diesem Prozess können wir auch unserer eigenen Wut begegnen. Wenn dich selbst die Wut zu übermannen droht und du denkst: “Mein Kind macht mich aggressiv!“, finde als erstes sogenannte Exitstrategien für dich z.B. stupides Zählen, trink ein Glas Wasser, stampfe oder schrei in ein Kissen uvm.

Überrollt dich die Wut so sehr, dass du in deinen Wolf kommst und es bricht aus dir heraus – übernehme danach die Verantwortung.

Schau im ersten Schritt danach, welche Gefühle der Wutausbruch deines Kindes bei dir ausgelöst hat. Ich habe mich in meinen Anfängen abends mit Zettel und Stift und meinem Lieblingsgetränk an den Tisch gesetzt und die heraufordernste Situation des Alltages anhand der 4- Schritte der GfK (siehe auch den Artikel “Giraffensprache”) auseinander genommen.

Wenn du Wut bei Kindern abbauen möchtest, fühle dich zunächst in dich selbst ein. Was du findest, können Gefühle der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, der Verzweiflung, der Trauer oder auch des Hasses sein. Lasse gerne eigene Wutausbrüche zu – vielleicht durftest du das als Kind nie tun.

Wut ist ein sekundäres Gefühl. Hinter der Wut stecken immer andere Gefühle, primäre. Oft spüren wir in der Wut die Gefühle, die wir als Kind in ähnlichen Situationen empfunden haben.

Die Wutausbrüche unserer Kinder sind eine Chance, uns mit unseren eigenen Erfahrungen auseinanderzusetzen – Gefühlen, mit denen wir uns offenbar noch ungenügend beschäftigt haben und die danach schreien, endlich Beachtung zu finden.

Diese Gefühle sind unsere Wegweiser zu unerfüllten Bedürfnissen. Oft ist es schon eine unglaubliche Erleichterung, die Gefühle einfach genau benennen und aussprechen zu können. Fehlen dir dafür noch die Worte – können sogenannte Gefühls- und Bedürfnislisten helfen.

Viele Eltern schrecken davor zurück, vor ihren Kindern Gefühle auszusprechen, weil sie befürchten, ihnen damit Schuldgefühle zu machen.

Hier ist es ganz entscheidend, WIE wir über unsere Gefühle sprechen:

Zwischen „Du nervst mich“ und „Ich bin genervt.“ ist ein himmelweiter Unterschied!

Und:

Du darfst authentisch sein. Auch Eltern dürfen wütend, genervt und überfordert sein! Gerade wenn du deine Gefühle vorlebst und aussprichst, lernt dein Kind, dass alle Gefühle ok sind und kann von dir Wege lernen mit diesen umzugehen.

Finde Wege, deine Bedürfnisse zu erfüllen!

Wenn du deine eigenen unerfüllten Bedürfnisse erkennst, ist der nächste Schritt, im Alltag Wege zu finden, sie zu befriedigen. Das kannst nur du allein, und dafür bist auch nur du allein verantwortlich.

Es ist ganz wichtig, dass du dir in dein Herz pflanzt:

Du bist verantwortlich wie du dich fühlst und auch wie du dir deine Bedürfnisse erfüllen möchtest. Dein Kind löst maximal Gefühle in dir aus. Erkenne immer wieder, was dich triggert, was du beim Wutausbruch deines Kindes fühlst, welche Bedürfnisse dahinter stecken – und kümmere dich um dich selbst.

Das wird dich im Umgang mit den Wutausbrüchen deines Kindes stärker machen. Vielleicht kannst du dann sogar etwas Positives in den Wutausbrüchen deines Kindes sehen, denn sie helfen dir, immer noch näher zu dir selbst und zu deinem Kind zu kommen.

Und wenn dein genervtes Ich beim Wutausbruch deines Kindes dir sagt:

„Für so was hab ich jetzt keine Zeit“, dann denke auch immer daran, dass ein begleiteter Wutausbruch weniger lang dauert und weniger schmerzhaft für alle ist, als wenn sich alle immer weiter hochschaukeln.

Was tun, wenn mein Kind beißt, kratzt oder schlägt?

Dein Kind übt körperliche Gewalt gegenüber dir, anderen oder auch Gegenstände aus? Das braucht in erster Linie Schutz für alle/alles. Beim Beißen, Kratzen oder Schlagen werden die Grenzen des anderen überschritten.

Hier gilt:

Handeln statt Reden. Halte die Hand/die Füsse deines Kindes fest.

Sage kurz, bestimmend und kräftig: “Halt Stopp. Hände/Füsse weg. Wir bleiben alle heile!” und halte weiterhin die Hand/Fuss fest. Nicht mit bloßer Gewalt, sondern als Begrenzung. Biete vielleicht ein Kissen oder etwas anderes an – wo dein Kind reinhauen, treten oder beißen könnte – ohne das jemand verletzt wird.

Deinem Kind darf klar gemacht werden, dass du dein „Stopp“ auch wirklich ernst meinst.

Dein „Stopp“ kommt aus Überzeugung – dann bewirkt es auch etwas.

Aus Überzeugung kommt dein „Stopp“, wenn es einem Bedürfnis genährt wird, hinter dem du wirklich stehen kannst. Nutze gegebenenfalls den Moment, in dem dein Kind noch die Wut auslebt und verbinde dich mit dir.

Was ist also dein Warum hinter dem „Stopp“? Versuch über ein „Das macht man nicht“ zu schauen und herauszufinden, was es bei dir ist.

Ist es der freundliche Umgang, ist es die körperliche Sicherheit oder noch anderes?
Begleite dein Kind dabei, dir seine Wut auf andere Art zu zeigen, als andere körperlich und/oder verbal zu verletzen.

Am Ende leitet uns auch hier wieder die Frage: Was will unser Kind damit eigentlich ausdrücken? Das können natürlich tausend verschiedene Bedürfnisse sein und kommt auf die jeweilige Situation drauf an.

In erster Linie dürfen diese Energien jedoch einmal ausgelebt werden unter der Beachtung, dass alle und alles um euch herum heile bleibt. Und dafür bist du verantwortlich. Begleite dein Kind so, dass alle und alles heile bleiben.

Wenn sich dein Kind anfängt zu beruhigen – begib dich auf Augenhöhe oder sogar unter Augenhöhe“, fass dein Kind vorsichtig an. Wenn es noch keine Berührung zulassen kann, braucht es noch Zeit. Lässt es deine Berührung zu, kommt näher zusammen, umarmt und kuschelt euch soweit es möglich ist ein und erholt euch von dieser Anstrengung.

In diesem Moment braucht es noch keine Worte. Kommt wieder in dem Moment an – begleite dein Kind mittels der Einfühlung durch diese vielen Gefühle.

„Puuuh das war gerade anstrengend, oder?”

Was tun, wenn mein Kind sich selber verletzt?

Wut abreagieren ist also okay. Wenn dein Kind sich jedoch selbst verletzt, sich beispielsweise die Haut aufkratzt oder Haare ausreißt, ist das auf jeden Fall ein Anlass, um einzugreifen.

Als Eltern sind wir für den Schutz unserer Kinder verantwortlich. In der GfK nennen wir das „Schützende Gewalt“. Dein Kind braucht in diesem Moment dringend Hilfe. Es wird übermannt von Gefühlen. Dein Kind braucht dich in dem Moment ganz dringend als Ko-Regulator:in.

Wenn sich dein Kind die Hände aufkratzt: Halte die Hände fest. Wenn dein Kind ein Büschel Haare in der Faust hält und daran reißt: Umschließe die Faust mit deiner Hand und hindere es daran. Das ist natürlich ein gewalttätiger Eingriff – er ist dadurch in Ordnung, dass du einfach den Schutz des Kindes und den Schutz seiner Gesundheit in dem Moment höher stellst.

Wichtig:

Sprich mit deinem Kind danach bzw zu einem ruhigeren Zeitpunkt über die Situation. Sag zum Beispiel: „Vorhin hast du dir an den Haaren gerissen – da warst du richtig wütend, oder? Da wolltest du mir zeigen, wie wütend du bist. Und dann hab ich dich festgehalten. Weil, weißt du, mir ist es total wichtig, dass du heile bleibst. Ich bin für dich da. Ich will dich beschützen.“

Bei deinem Kind kommt ganz sicher die Botschaft an: Mama hat mich gesehen. Ich bin der Mama wichtig. Mama passt auf mich auf. Mama will, dass es mir gut geht. Das nährt das Urvertrauen.

Nach dem zweiten oder dritten Mal kommt ihr bestimmt an den Punkt, dass du mit dem Kind überlegen kannst, was es stattdessen machen kann, um seiner Wut Ausdruck zu verschaffen. Das funktioniert natürlich erst, wenn die Emotionen sich gelegt und sich auch hier alle wieder beruhigt haben.

Probiere vielleicht im Rollenspiel aus, welche Alternativen für dein Kind in Frage kommen. Vielleicht kann es Dampf ablassen, indem es gegen einen Boxsack kickt oder ein Kissen verprügelt? Bestimmt gibt es auch hier eine verletzungssichere Variante, um mit der Wut umgehen zu lernen.

Was tun, wenn mein Kind jeglichen Kontakt ablehnt?

Wenn dein Kind im Wutausbruch sagt „Geh weg! Ich will alleine sein!“, dann akzeptiere das zunächst einfach mal als sein Bedürfnis. Sag deinem Kind: „Okay, du brauchst deine Ruhe“ und komme diesem Bedürfnis nach.

Vermittle deinem Kind gleichzeitig das Gefühl: „Ich bin da, wenn du mich brauchst.“ Das kannst du deinem Kind genauso sagen: „Du willst jetzt für dich sein, und das ist okay. Ich bleib hier vorne/an der Tür/hinter dem Schrank… und du kannst immer wieder zu mir kommen.“

Bleibe bei Kleinkindern in Sichtweite. Damit gibst du deinem Kind Sicherheit und es weiß: „Egal, wie ich mich gerade verhalte – Mama ist da und Mama liebt mich. Immer.“ Bei pubertierenden Kindern, die sich im Wutausbruch auf ihr Zimmer zurückziehen, kannst du das Zimmer verlassen. Das Prinzip bleibt jedoch das Gleiche.

Sag deinem Kind beispielsweise: „Du möchtest gerade für dich sein. Ich komme einfach in fünf Minuten noch mal.“

Wenn dein Kind für den Moment den Kontakt zu dir ablehnt, braucht es dich wahrscheinlich dennoch gerade sehr dringend – daher bleibe in der Nähe. Gib ihm das Gefühl, dass es jederzeit wieder zu dir kommen kann.

Was tun, wenn du die „Kack-Scheiß-Mama“ bist und dein Kind ausfallend wird?

So was wie „Kack-Scheiß-Mama“ oder „Du bist nicht mehr meine Mama“ sind Klassiker im Kleinkindalter; ältere Kinder bringen zum Teil noch ganz andere Schimpfwörter.

Sieh solche Anwürfe als Übersetzungsgrundlage:

Dein Kind will dir eigentlich etwas völlig Anderes damit sagen. Die hohe Kunst ist es, hinter dem Gesagten wieder das Bedürfnis zu erkennen. Vielleicht heißt „Kack-Scheiß-Mama“ ja: „Nimm mich bitte in den Arm, ich fühle mich gerade ganz allein.“ Oder: „Mama, sieh doch bitte endlich, wie selbstständig ich schon bin.“

Wenn du es schaffst, den Ausdruck in das Bedürfnis zu übersetzen, fühlst du dich auch gleich weniger persönlich angegriffen und wirst selbst weniger wütend.

Und: Du kannst deinem Kind helfen, mit der Wut umzugehen. Im ersten Schritt kannst du sie verbalisieren: „Du bist gerade total wütend und willst Dampf ablassen.“

In einem zweiten Schritt kannst du andere Strategien zum Umgang mit der Wut vorschlagen: „Wollen wir mal zusammen laut schreien?“

Wenn die Wut verraucht ist, kannst du in einer Nachbesprechung dein Bedürfnis und deinen Wert zum Ausdruck bringen: „Ich möchte, dass wir in unserer Familie freundlich miteinander sind. Wie kannst du das in Zukunft anders sagen?”

Das brauchen Kinder – ein Fazit

Wutausbrüche deines Kindes sind wie eine SOS-Flagge:

Sie signalisieren das große, große Bedürfnis nach Hilfe. Gleichzeitig knallt dir die Flagge ständig ins Gesicht und du tust dir vielleicht schwer damit, den Wutausbruch deines Kindes in das Bedürfnis zu übersetzen, das es dir eigentlich mitzuteilen versucht.

Was dein Kind in Wutausbrüchen braucht, das bist du: Sei ihm ein Leuchtturm und zeige ihm, wo es langgeht. Nur wenn du die Wut deines Kindes akzeptierst und begleitest, kannst du ihm einen Weg aus dem Dunkeln zeigen.

Viel Freude bei der Umsetzung!

Die Giraffensprache – Alles was es zu wissen gibt

Die Giraffensprache Titelbild

Die Kluft zwischen dem, was wir brauchen, und dem, was unsere Kinder brauchen, kann riesig sein.

Diese Kluft zu überwinden stellt unsere Geduld auf die Probe und bringt uns manchmal auch an den Rand unserer Grenzen. Denn unsere Kinder haben ihre ganz eigenen Willen – egal, ob sie vier oder 14 Jahre alt sind. Diesen Willen gilt es zu respektieren.

Mit der Giraffensprache aus der Gewaltfreien Kommunikation kannst du auch in schwierigen Situationen die wertschätzende Kommunikation mit deinem Kind aufrechterhalten. Was hinter der Giraffensprache steckt und wie du sie selbst praktisch anwendest, erzähle ich dir hier. Am Beispiel des Anziehens spielen wir das gemeinsam auch noch mal konkret durch.

Was ist die Giraffensprache?

In der Giraffensprache zu sprechen, heißt vor allem, respektvoll und wertschätzend zu kommunizieren. Die Giraffensprache will weg von einer Kommunikation, die von (Vor)Urteilen und Vorwürfen geprägt ist. Das Ziel ist es, empathisch mit anderen und uns selbst zu sein. Statt Macht über ein Mach mit!

Die Vier Schritte

Dieses Ziel erreichst du über vier Schritte.

Erstens: die Situation. Beobachte, ohne zu werten oder zu urteilen. Schau dir die Situation möglichst so an, wie sie ist.

Zweitens: das Gefühl. Erspüre deine Gefühle. Was macht die Situation mit dir?

Drittens: das Bedürfnis. Welches unerfüllte Bedürfnis steckt eigentlich dahinter?

Viertens: die Bitte. Formuliere eine Bitte, deren Erfüllung dein Bedürfnis befriedigen würde.

Warum heißt es Giraffensprache?

Das ist natürlich alles erst mal ziemlich abstrakt, keine Sorge:

Wir werden gleich wieder konkreter. Marshall Rosenberg, der Erfinder der Gewaltfreien Kommunikation, hat in seinen Seminaren viel mit Handpuppen gearbeitet. Als Symbol für die Sprache der Gewaltfreien Kommunikation wählte er die Giraffe, denn die Giraffe ist das Landtier mit dem größten Herzen. Die Giraffensprache ist nämlich die Sprache des Herzens.

Mit ihrer Körpergröße und ihrem langen Hals hat die Giraffe einen super Überblick über Situationen. Deshalb kann sie gut beobachten. Und dann horcht sie in ihr großes Herz hinein: Was sind da für Gefühle? Ist es Wut, Enttäuschung, Traurigkeit, Unsicherheit, Müdigkeit? Diese Gefühle leiten ihr den Weg, ihre Bedürfnisse zu erkennen.

Giraffensprache vs. Wolfssprache - das sind die größten Unterschiede

Der Gegenspieler der Giraffe ist der Wolf. Der Wolf spricht eine gewaltvolle Sprache. Er hat keinen guten Überblick wie die Giraffe. Häufig wählt der Wolf das bellen, als Strategie sich zu äußern. Wenn er sich bedroht fühlt, springt er vielleicht sogar Leute an oder zeigt seine Krallen und Zähne.

Hier ein paar Beispiele, die dir die Unterschiede zwischen Wolfssprache und Giraffensprache zeigen:

Wichtig:

Akzeptiere auch den Wolf in dir. Sein Gebell ist ein Geschenk, genauer hinzuschauen, was er uns denn sagen möchte. Alles, was der Wolf macht, ist für uns ein wertvoller Hinweis, denn der Wolf führt uns zu unseren unerfüllten Bedürfnissen.

Und das erst macht uns bereit dafür, empathisch auf die Bedürfnisse der Menschen um uns herum eingehen zu können. Das ist gerade für uns als Eltern sehr wichtig, denn es ist unsere Aufgabe, unseren Kindern dabei zu helfen, ihre Bedürfnisse erfüllen zu können.

So wendest du die Giraffensprache an - Beispiel Anziehen

Jetzt wollen wir richtig konkret werden, denn ich habe dir ja versprochen, dass ich dir Unterstützung bei Konflikten rund ums Anziehen mit auf den Weg geben werde.

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Ausgangssituation

Alle Leute mit Kindern kennen Situationen, die so oder so ähnlich ablaufen: Du stehst mit deinem Kind morgens im Flur und möchtest los zum Kindergarten. Das Wetter ist nass und kalt. Und jetzt weigert sich dein Kind, die Jacke anzuziehen.

Was passiert bei dir?

Welche Urteile tauchen da in deinem Kopf auf? Vielleicht sowas wie:

„Das macht MAN nicht, du wirst dich erkälten“

oder auch:

„Bloß nicht schon wieder dieses Theater am frühen Morgen.“

Vielleicht geht es auch in die Richtung:

„Warum kannst du nicht EINMAL das machen, was ich dir sage?“

Bei diesen Urteilen spricht in uns der sogenannte Wolf. Und dieser ist in uns, wir dürfen ihn wahrnehmen ohne ihn zu bewerten. Und wir können ihn nutzen: als sogenannte Übersetzungsgrundlage, um dir und dem, was du gerade brauchst, näherzukommen.

So wird aus der Wolfssprache Giraffensprache

„Das macht MAN nicht, du wirst dich erkälten“ zum Beispiel könnte heißen, dass dir die Gesundheit deines Kindes am Herzen liegt.

„Bloß nicht schon wieder dieses Theater am frühen Morgen“ kannst du vielleicht so übersetzen, dass dir Leichtigkeit und Harmonie am Herzen liegen.

„Warum kannst du nicht EINMAL das machen, was ich dir sage?“ könnte meinen, dass du gerne mit deiner Absicht gehört und gesehen werden möchtest.

Das Wort „warum“ steht in der Regel auch für eine Verständnisbitte. Du möchtest also verstehen, was dein Kind daran hindert, die Jacke anzuziehen.

Und jetzt das Ganze noch mal in Kindersprache!

Bevor wir nun uns an unsere Kinder wenden, ist es wichtig zu wissen was wir selbst brauchen. Die Selbstempathie steht auch hier in erster Stelle – diese darf stumm stattfinden, um sich selbst erst einmal zu sortieren.

Wenn du das innerlich geschafft hast, dein Wolfsgebell in Giraffensprache zu übersetzen, kannst du dich vorsichtig daran machen, es so zu formulieren, dass dein Kind dich versteht.

Das wäre für unser erstes Beispiel so etwas wie:

„Ich möchte, dass du gesund bleibst, damit du spielen und Spaß haben kannst.“

Für das zweite Beispiel könntest du in Kindersprache sagen:

„Ich mag es, wenn es morgens flutscht und wir zusammen Spaß haben.“

Du kannst auch nachfragen:

„Sag mal, warum möchtest du eigentlich keine Jacke anziehen?“

Wie du das in konkrete Strategien umsetzt

Wenn du weißt, worum es dir eigentlich geht und du Klarheit über deine Bedürfnisse hast, kannst du dir überlegen, mit welchen Strategien du sie erfüllen kannst. Das ist übrigens eine Grundannahme der GfK: Wir gehen davon aus, dass jeder selbst für die Erfüllung seiner Bedürfnisse verantwortlich ist.

Das heißt:

Unser Kind, das am Morgen keine Jacke anziehen möchte, trägt keine Verantwortung unsere Bedürfnisse zu erfüllen.

Was kannst du also tun, um dein Bedürfnis nach Gesundheit des Kindes, Leichtigkeit und Harmonie zu erfüllen? Oder was kannst du tun, um zu verstehen, was in deinem Kind vorgeht – warum es keine Jacke anziehen will? Hier gibt es ganz, ganz viele Strategien, die dir helfen, deine Bedürfnisse zu erfüllen. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch. Sei kreativ.

Gehen wir davon aus, dass mein größtes Bedürfnis ist, mein Kind zu verstehen. Als Strategie überlege ich mir, mein Kind einfach zu fragen.

Bevor ich das mache, fühle ich mich in mein Kind ein, weil ich auch wissen möchte, was in ihm vorgeht. Das mache ich mit den vier Schritten der Gewaltfreien Kommunikation, wie ich sie am Anfang schon kurz beschrieben habe: die Situation, das Gefühl, das Bedürfnis und die Bitte. Das machen wir jetzt gleich in Ruhe gemeinsam.

Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation am Beispiel: Mein Kind will keine Jacke anziehen

Fangen wir mit der Situation an:

„Du sagst, du magst keine Jacke anziehen.“

Das war einfach.
Was das Gefühl angeht, kennst du dein Kind am besten und hast bestimmt eine Vermutung, wie es sich fühlt. Was du fragen kannst:

„Kann es sein, dass du gerade ganz verzweifelt bist? / Bist du traurig? / Bist du sauer? Oder Magst du eine andere Jacke anziehen?“

Im nächsten Schritt gehst du auf die Bedürfnisse ein:

„Kann es sein, dass du lieber zu Hause bleiben möchtest? / Weil es zu Hause so schön ist? / Bist du gerne zu Hause?“

Wichtig:

Je kleiner dein Kind, desto weniger Worte bzw Fragen empfehle ich. Wenn du da schon auf dem passenden Pfad bist, wird dein Kind mit „Ja“ antworten.

Ansonsten versuchst du herauszufinden, was sonst das Bedürfnis deines Kindes sein könnte. Wir tasten uns langsam voran, um zu erforschen, was in unserem Kind vor sich geht und was es uns mit seinem Verhalten sagen möchte.

Dabei kommst du dem Verständnis immer näher, und dein Kind fühlt sich immer mehr aufgefangen. Wenn du das unerfüllte Bedürfnis deines Kindes gefunden hast, verweilst du dort noch ein bisschen.

Du könntest zum Beispiel noch sagen:

„Bei uns ist es immer so gemütlich, stimmt’s? Und so schön warm? Und deine Spielsachen sind alle hier!“

Bleib so lange beim Bedürfnis deines Kindes, bis es mit Empathie richtig gesättigt ist.

Wenn du das Gefühl hast, dass du dein Kind bei seinem Bedürfnis abgeholt hast, kannst du deine Bitte formulieren.

Zum Beispiel so:

„Du sagst gerade `Ich will keine Jacke anziehen.` und ich habe gehört, dass du lieber zuhause bleiben möchtest, weil du dich hier so wohl fühlst und Spiel & Spaß hast. Gleichzeitig sage ich, dass wir jetzt rausgehen, weil ich das für unsere Bewegung entscheide. Wie können wir da jetzt zusammen kommen- du mit deinem Spiel & Spaß und ich mit der Bewegung?”

Du wirst staunen: Kinder kommen auf die verrücktesten Ideen, um sich ihre Bedürfnisse zu erfüllen! Gib deinem Kind Raum, eigene Lösungen vorzuschlagen. Hat es keine Idee, dann kannst du fragen, ob es deine Idee hören mag.

Wenn dein Bedürfnis nach Gesundheit des Kindes groß ist, sagst du beispielsweise:

„Weißt du, wenn du keine Jacke anziehen möchtest, dann mache ich mir große Sorgen, dass du krank wirst. Ich möchte, dass du gesund bleibst und Spiel und Spaß haben kannst. Bist du bereit, deine Jacke anzuziehen?“

Wenn die Kinder Empathie empfangen haben, sind sie plötzlich viel mehr bereit, mitzumachen. Lass dein Kind auch gerne wiederholen, was es gerade von dir gehört hat.

Wichtig:

Bleibe offen für die Mitgestaltung deines Kindes. Vielleicht ist es mit einer anderen Jacke zufrieden und dein Bedürfnis nach Gesundheit des Kindes ist erfüllt. Klar ist: Das Kind wird die Wohnung nur dem Wetter angemessen bekleidet verlassen. Denn nur du als Erwachsener kannst einschätzen, welche Kleidung erforderlich ist, um gesund zu bleiben. Es ist unsere Aufgabe als Eltern, diese Verantwortung zu übernehmen – wir setzen diese nur ohne Zwang und gemeinsam um.

Ist das total kompliziert und schwierig?

Am Anfang kommt dir das vielleicht kompliziert vor. Keine Sorge, die Übersetzung von Wolfssprache in Giraffensprache ist reine Übungssache. Als geschulte GfK-ler:in bekommst du das innerhalb von Millisekunden hin!

Für den Anfang empfehle ich, in entspannten Situationen zu üben. Wenn die Emotionen hochkochen, sind alle GfK-Anfänger:innen erstmal überfordert – ich spreche aus eigener Erfahrung!

Du kannst dir einfach bei deinem Lieblingsgetränk am Abend eine Situation vor Augen rufen, in der es einen Konflikt mit deinem Kind gab. Überlege dir in Ruhe, was dir in der Situation im Kopf herum ging und wie du dies in die Giraffensprache übersetzen könntest. Leichtigkeit ist oft ein Zauberwort – wie bekommst DU mehr Leichtigkeit in deine Elternschaft?

Nun denkst du vielleicht:

“Das dauert mir alles viel zu lange mit der GfK.” oder “Dafür habe ich keine Zeit.”

Doch es braucht auch oft keine langen Sätze. Das meiste der Einfühlung findet stumm und in dir statt – auch der erste Teil der Fremdeinfühlung kann in dir stattfinden. Mach die GfK zu deiner eigenen. Hier gab es unglaublich viele Ideen und Beispiele – um alles abzudecken. Gerne dürfen diese angepasst und geändert werden, so wie sie für euch passen.

Fazit

Die Mühe lohnt sich. Mit der Giraffensprache hast du ein Werkzeug, das dir hilft, Konflikte im Alltag wertschätzend und respektvoll zu lösen, statt deinem Kind zu drohen oder es zu bestrafen.

Die Gewaltfreie Kommunikation zielt darauf ab, dass alle bekommen, was sie brauchen. Und du wirst ein ganz neues Verständnis bekommen – Verständnis für dein Kind, und auch Verständnis für deine eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Glaubenssätze.In der GfK wollen wir weg vom Funktionieren, sondern um die Freiwilligkeit. Und die GfK ist eine Entscheidung, wie ich mein Leben leben möchte, wie ich mit mir und meinen Mitmenschen reden möchte.

Du hast die Wahl – dir einmal Zeit zu nehmen und friedlicher in den Tag zu starten oder du machst so weiter, wie bisher – es ist ganz deine Entscheidung und es gibt kein richtig oder falsch.
Viel Freude bei der Umsetzung.

Gewaltfreie Kommunikation – Ein Beispiel der Giraffensprache beim Zähneputzen

Gewaltfreie Kommunikation Beispiel Titelbild

Ihr habt mir von euren Erlebnissen beim Zähneputzen mit Kindern berichtet. Kinder haben ja ein ganz schönes Repertoire, wenn sie partout keine Zähne putzen wollen: Mund zusammenpressen, zappeln, weinen, um sich schlagen, wegrennen, Zahnpasta essen, Zahnbürste im Mund festhalten … alles, nur keine Zähne putzen.

Ich gehe davon aus, du willst keine körperliche oder seelische Gewalt anwenden. Deshalb erzähle ich dir hier, wie du mit Konflikten beim Zähneputzen anders umgehen kannst.

Gewaltfreie Kommunikation im Alltag - Beispiel Zähneputzen

Gewaltfreie Kommunikation lernst du am besten an praktischen Beispielen, und Konflikte beim Zähneputzen sind so was wie ein Klassiker der GfK.Ein Klassiker der Konflikte im Alltag, die wir statt im Kampf in Verbindung lösen können – mit der GfK.
An einem Streit rund ums Zähneputzen kann ich sehr gut zeigen, wie wichtig es ist, die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse des Kindes zu erforschen, weil dieser Weg zu Verständnis, Kooperation und Harmonie führt.

Zähneputzen findet in der Regel entweder morgens statt, wenn oft die Zeit drängt, oder abends, wenn alle schon müde und erschöpft vom Tag sind. Kein Wunder, dass bei uns Eltern der Geduldsfaden da sehr kurz ist. Die Gewaltfreie Kommunikation lehnt alle gewaltsamen Maßnahmen ab. Am Beispiel des Zähneputzens wären das Sachen wie Zahnbürste in den Mund stecken, Mund festhalten oder Drohungen bzw. Bestrafungen aller Art. Wir suchen liebevolle Wege und setzen auf die Freiwilligkeit. Ja, das geht!

Ganz wichtig vorab, und das darfst du dir ganz fest merken und dich immer wieder daran erinnern: Dein Kind verhält sich beim Zähneputze so, weil es keine andere Möglichkeit sieht sich sein Bedürfnis zu erfüllen. Auch dein Kind will viel lieber Frieden und Freude im Familienalltag haben. Am wichtigsten ist deinem Kind, dass es von dir geliebt wird. Und wie wird ein Mensch geliebt? Indem er gehört und gesehen wird – mit all seinen Facetten.

Warum also verhält sich dein Kind beim Zähneputzen so widerwillig? Die Antwort ist eigentlich einfach: Es will dich auf mindestens ein unerfülltes Bedürfnis aufmerksam machen. Und es braucht deine Hilfe, um sich selber zu verstehen und seine Bedürfnisse erfüllen zu können.
Bevor es an die Strategien geht – ist es wichtig herauszufinden, welches Bedürfnis deines Kindes noch unerfüllt ist.

Dies könnten unter anderem Spiel&Spaß, Autonomie, Orientierung oder Unterstützung sein. Je nachdem welches Bedürfnis ihr erforscht habt – können dann gemeinsam Strategien gefunden werden.

Es gibt viele Einzelstrategien, die zum Erfolg führen können: Spiele spielen, Lieder singen, Musik hören – alles, was funktioniert, ist gut. Gleichzeitig ist eine Strategie, die meinem Kind hilft, für dein Kind keine Option. Und so eine Strategie hat auch keine unendliche Haltbarkeitsdauer. Etwas, das heute die ultimative Hilfe ist, kann morgen schon ein absolutes No-Go sein. Überhaupt kann eine Hilfsstrategie nur zum Erfolg führen, wenn zuvor Einfühlung stattgefunden hat.

Ich möchte dich dazu ermutigen, herauszufinden, wo der Kern eures Konfliktes liegt, und selber Strategien zu finden und auszuprobieren – eure Strategien zu finden. Wie immer in der GfK fangen wir bei uns selber an, bei der Selbstempathie. Denn nur wenn wir mit uns verbunden sind, können wir uns auch erst wahrhaftig mit anderen verbinden.

gewaltfreie-kommunikation-beispiel-zaehneputzen

Was ist Selbstempathie?

Die Definition von Selbstempathie lautet, sich im gegenwärtigen Moment selbst wahrzunehmen, ohne Gedanken und/oder Gefühle zu bewerten oder zu verurteilen und auch ohne mit ihnen zu verschmelzen, wie es beim Selbstmitleid der Fall ist.

Vielleicht fragst du dich, warum du dich selbst wahrnehmen sollst, wenn du einen Konflikt mit deinem Kind zum Thema Zähneputzen lösen möchtest? Es ist einfach: Dein Kind möchte dir mit seinem Verhalten etwas mitteilen. Mindestens eines seiner Bedürfnisse ist unerfüllt. Da dein Kind noch zu klein ist, um in einem Selbstempathie-Prozess herauszufinden, warum eigentlich es sich gerade schlecht fühlt, braucht es dich: damit du als Mama oder Papa dich in dein Kind einfühlst und zu spüren versuchst, was es braucht.

Empathisch kannst du nur sein, wenn du ein Gefühl dafür hast, was bei dir selber gerade los ist. So wie du ein Lächeln nur dann wirklich verschenken kannst, wenn dein Herz dafür bereit ist, so kannst du auch nur dann Aufmerksamkeit, Fürsorge, Anteilnahme und Einfühlung geben, wenn du innerlich dafür bereit bist. Deshalb ist die Selbsteinfühlung immer Teil der Gewaltfreien Kommunikation mit deinem Kind.

Der Selbstempathie-Prozess - So kann man ihn lernen

Ja, du kannst Selbstempathie lernen! Am Beispiel des Zähneputzens können wir einmal den Weg zur Selbstempathie gemeinsam durchspielen.

Schritt 1
Überlege dir eine konkrete Situation, in die du und dein Kind beim Zähneputzen kommen. Beschreibe die Situation völlig wertfrei: Was passiert?

Schritt 2
Frag dich dann, was bei dir selber gerade los ist: Welche Urteile und Gedanken tauchen bei dir auf? Das kann beispielsweise sein: „Kannst du nicht EINMAL einfach deine Zähne putzen?“ oder „Dir werden mal noch alle Zähne raus faulen“ oder „Warum machst du mir jeden Abend das Leben so schwer?“

Nach der Annahme der GfK ist es der Wolf (mehr zum Wolf findest du im Artikel “Giraffensprache“) , der hier spricht. Wir heißen ihn willkommen! Je lauter er brüllt, desto unbefriedigter ist ein Bedürfnis bei dir.

Du bist okay und auch der Wolf in dir ist okay. Lade ihn ein und höre auf ihn! Um dein unerfülltes Bedürfnis herauszufinden helfen dir deine Gefühle. Du bist vielleicht wütend, überfordert, besorgt, frustriert. Diese Gefühle werden durch das Verhalten deines Kindes in dir ausgelöst und helfen dir zu deinem Bedürfnis zu kommen.

Schritt 3
Im dritten Schritt nutzen wir das Gebrüll des Wolfs nämlich als Übersetzungsgrundlage, um herauszufinden, was dir wichtig ist. Der Gegenpol zur Aussage des Wolfs ist dein unerfülltes Bedürfnis. Also wäre beispielsweise der Gegenpol zum Gedanken „Dir werden mal noch alle Zähne raus faulen“ das konkrete Bedürfnis, wäre hier GESUNDHEIT.

Wie übersetzen wir das Wolfsgebrüll „Kannst du nicht EINMAL einfach deine Zähne putzen“?
Hier geht es dir vermutlich um LEICHTIGKEIT oder KOOPERATION.

Und hinter „Kannst du nicht EINMAL einfach deine Zähne putzen?“ steckt vielleicht KLARHEIT oder VERSTÄNDNIS.

Jetzt hast du wahrscheinlich ein Gefühl dafür bekommen, wie das mit der Selbstempathie läuft. Schau genau bei dir selbst hin, was bei dir Sache ist und welches unerfüllte Bedürfnis sich hinter dem Wolfsgebrüll verbirgt.

Wichtig:

Das Zähneputzen wird umgesetzt. Wir sind für die Gesundheit unserer Kinder verantwortlich. WAS wir machen, entscheiden wir als Eltern. WIE wir es machen – das kann das Kind mitgestalten.

Deine Haltung ist hier ganz entscheidend, denn deine Haltung spürt dein Kind.

Zähneputzen ist kein Muss, sondern es steckt ein Bedürfnis dahinter. Zähneputzen ist auch eine Information: etwas, das Mama und/oder Papa als Eltern entscheiden, da sie die Verantwortung haben und wissen, was gut für das Kind ist. Kinder lechzen nach solchen Informationen und Haltungen, weil es ihr Bedürfnis nach Führung erfüllt.

Wie ihr das umsetzt? Natürlich ohne Gewalt. Was ihr dafür braucht? Die Bedürfnisse des Kindes!

Wie setze ich die Giraffensprache beim Zähneputzen konkret ein?

So, wie du dich bei den drei Schritten des Selbstempathie-Prozesses in dich selbst eingefühlt hast, schaust du dir jetzt an, was bei deinem Kind eigentlich genau los ist. Hier einige Vorschläge und Ideen dazu:

All das und noch vieles mehr kann sein, und es ist alles okay. Frage dich ehrlich, warum sich dein Kind gerade so verhält – verurteile weder dein Kind noch dich selbst dafür. Denn wir wollen ja weg vom Machtkampf und weg vom Funktionieren und wünschen uns, dass die Kinder freiwillig kooperieren. Das können sie nur, wenn sie sich gesehen fühlen mit all ihren Gefühlen und Bedürfnissen.

Ich fasse also nochmals mögliche Bedürfnisse anhand der Beispiele zusammen – mache du das bitte für deine ganz persönlichen Bedürfnisse.

Für dein Kind gibt es auch entsprechende Bedürfnisse, in unseren Beispielen waren das Ruhe, Ausprobieren wollen, Sicherheit, Autonomie und Bewegung. Auf dieser Grundlage kannst du jetzt ganz gezielt nach Strategien suchen, mit denen das Bedürfnis deines Kindes erfüllt wird – immer abhängig vom Bedürfnis und natürlich auch vom Alter deines Kindes.

Wenn dein Kind unter vier Jahre alt ist, reagierst du direkt in der Situation darauf. Ab einem Alter von frühestens vier Jahren kannst du mit deinem Kind auch außerhalb der Situation darüber reden, zum Beispiel auf dem Sofa oder beim Eisessen den Dialog suchen – jedenfalls in einem Moment der Ruhe und der Zweisamkeit. Je weniger Worte du verwendest, desto besser. Du kannst vielleicht so anfangen:

„Weißt du noch, gestern Abend beim Zähneputzen … Da hast du den Mund zugehalten. Und ich glaub, du warst richtig sauer, oder?“

Schau, wie dein Kind reagiert: ob es gerade dazu bereit ist, über die Situation zu sprechen.

Falls keine Reaktion erfolgt, könnt ihr euch für einen späteren Zeitpunkt verabreden. Wenn dein Kind empfänglich ist, kannst du weiterreden:

„Du möchtest also selber entscheiden, wann du dir die Zähne putzt? Okay … Weißt du, wenn du den Mund so zupresst, das nervt mich, weil ich eigentlich gerne friedlich und entspannt fertig werden möchte. Dafür brauche ich deine Hilfe! Was meinst du könnte dir helfen, damit das heute Abend besser klappt? Damit du den Mund aufmachst?“

Und dann tauscht ihr Ideen aus. Gib deinem Kind ruhig Zeit, darüber nachzudenken, und animiere es dazu, selber Ideen zu entwickeln. Schließlich wollen wir, dass unsere Kinder lernen, wie sie Strategien finden, sich ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn dein Kind keine Idee hat, kannst du fragen, ob du einen Vorschlag machen kannst.

Und dann könntet ihr z.B: ein Spiel draus machen, ein Lied singen, später Zähne putzen etc.

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Achtung:

Nimm den Druck raus – wenn einmal keine Zähne geputzt werden, wird es keine langfristigen Folgen haben. Finde heraus, was deinem Kind hilft bereit zu sein die Zähne zu putzen – ohne Druck und gleichzeitige mit Bestimmung – werdet ihr einen Weg finden.

Fazit

Es ist so wichtig, dass du die Bedürfnisse deines Kindes annimmst. Und dass du es als deine Aufgabe siehst, ihm zu helfen, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Ihr werdet Wege dafür finden, und die Wege werden sich auch immer mal wieder ändern. Wenn ein Problem noch einmal auftaucht, braucht es erneut Einfühlung und Bedürfnisforschung.

Ich schlage vor, dass du dich erst einmal in aller Ruhe in dich und dein Kind einfühlst und dir für das nächste Zähneputzen ganz viel Zeit nimmst. Zeitdruck ist wirklich ein schlechter Begleiter.

Du schenkst deinem Kind so lange Empathie, bis es bereit ist: die sogenannte Empathieschleife. Empathie ist keine einmalige Sache. Empathie braucht manchmal sehr viel Zeit. Doch das ist es mir wert: Ich möchte mein Kind respektieren, es wahrnehmen, es lieben – so, wie es ist.

Viel Freude bei der Umsetzung.

Wertschätzende Kommunikation – So formulierst du deine Bedürfnisse richtig

Wertschätzende Kommunikation Titelbild

Was ist eigentlich Wertschätzung? Wie kann ich wertschätzend kommunizieren? Und darf ich mein Kind loben?

Ich zeige dir heute den Unterschied zwischen einem einfachen Danke, einem Lob und einer authentischen Wertschätzung sowie deren Auswirkungen in der Kommunikation.

In diesem Artikel erfährst du außerdem anhand von vielen Praxisbeispielen – wie du eine Wertschätzung im Alltag formulieren und was du dir, deinem Kind und anderen Mitmenschen damit für ein Geschenk machen kannst.

Was genau ist wertschätzende Kommunikation?

Wertschätzung ist ein Bedürfnis. Also ohne Erwartungen.
Bedürfnisse sind wiederum das, was wir zum Leben brauchen.
Und dennoch geht uns Wertschätzung leider dennoch viel zu oft im Alltag und unserer Gesellschaft verloren.

Doch wie kommuniziere ich wertschätzend?

Gerne lebe ich den Grundsatz: Behandle andere wie du selbst behandelt werden möchtest.
Für die wertschätzende Kommunikation bedeutet das für mich konkret, dass ich z.B: mein Danke – um die 4 Schritte der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) erweitere.

Du erinnerst dich an die 4 Schritte? Hier für eine Wertschätzung aufgeführt:

Es ist einfach unglaublich wertvoll für andere zu wissen, was deine Bedürfnisse sind und wie sie dazu beitragen können, damit diese bei dir erfüllt werden.

Wertschätzung hat für mich nichts mit dem Wert oder der Währung zu tun – sondern ist die Feier der erfüllten Bedürfnisse. Nun du wünschst dir selbst Wertschätzung (von anderen)? Du fühlst dich wenig wertgeschätzt?

Du denkst oft Sätze wie: “Du wertschätzt mich einfach nicht.” oder “Da fehlt mir jetzt Wertschätzung.”

Da bist du direkt in den Bewertungen – du bewertest wie sich andere verhalten und wie du dieses Verhalten wertest.

Doch was ist, wenn Wertschätzung bei uns selbst anfängt?

Wertschätzung ist ein Bedürfnis, welches erfüllt werden möchte.

Und im Sinne der GfK sind wir selbst in erster Linie für die Erfüllung unserer Bedürfnisse verantwortlich.

Lasst uns direkt ins Handeln kommen und uns als Erstes um uns selbst kümmern.
Lasst uns raus aus den Erwartungen und rein in die Selbstverantwortung kommen.

Wie mag das aussehen?

Schenke dir gerne erst einmal im Kleinen selbst Wertschätzung z.B in Form eines Tagebuches. Ich trage darin gerne täglich mindestens eine Wertschätzung an mich selbst ein. Dieses Ritual erfüllt mich sehr, probiere es gerne aus und teile mir deine Erfahrungen mit.

Wie das genau im Sinne der GfK aussehen kann, findest du weiter unten.

Erst nach der Selbsterfahrung kannst du vermutlich bereit sein, die Wertschätzung anderer zu empfangen und/oder aufrichtig und authentisch Wertschätzung zu teilen.

Und selbst wenn du da bereits bist und Wertschätzung schon teilen kannst – löse dich gegebenenfalls auch hier noch einmal von bewussten oder unbewussten Erwartungen, dass deine Wertschätzung auch angenommen werden soll.

Viele von uns können nämlich keine Wertschätzung annehmen, weil sie selbst damit noch ein Thema haben.

Wenn ich merke, dass mein Gegenüber noch keine Wertschätzung annehmen kann – dann lass ich das gerne auch so stehen, oder sage “Kannst du gerade schwer annehmen, oder?”

Damit komme ich direkt raus aus der Erwartung und rein in die Annahme und ins Vertrauen.
Und dieses Vertrauen beschert mir regelmässig wahrhaftige Zaubermomente.

Die Effekte wertschätzender Kommunikation

In der Gewaltfreien Kommunikation gehen wir davon aus, dass jeder Mensch am Wohle der Gemeinschaft interessiert ist.

Das heißt, jedes Kind hat ein großes Interesse daran, dass es allen Familienmitgliedern gut geht. Und woher weiss es das? Es kann es spüren und hören.
Mit einem einfachen “toll”, “wow” oder auch “Danke”, kann dein Kind zum Beispiel (noch) wenig anfangen.

Auch ist das “Danke” z.B. für mich bereits eine Art Floskel geworden. Wofür wird sich eigentlich bedankt? Lasst uns auf bloße Floskeln verzichten und uns das “wofür” genauer anschauen, denn dann sind wir in der Wertschätzung. Wenn du ein “Danke” für dich brauchst, dann ergänze es gerne am Ende deiner Wertschätzung und du verbindest deine Wertschätzung mit der Dankbarkeit.

Ich wertschätze etwas, das mein Gegenüber getan hat und womit sich für mich ein Bedürfnis erfüllt hat. Gleichzeitig erfülle ich meinem Gegenüber vermutlich mit der Verbalisierung das Bedürfnis nach Wertschätzung. Eine Win-Win Situation.

Vielleicht klingt das alles noch komisch für dich?

Und ein einfaches “toll” ist noch gewohnter.

Vielleicht magst du meine folgenden Impulse bei Gefallen auch erstmal nur annehmen und dann langsam in den Alltag integrieren.

Wenn es sich für dich holprig anfühlt – dann kannst du es ganz offen deinem Gegenüber sagen, dass du gerne mitteilen möchtest für was genau du dankbar bist.

Kein Zwang. Kein Druck.

Doch habe Vertrauen.

Hast du einmal den Entschluss geschafft es anders zu machen, dann fang an. Mach die GfK zu deiner ganz eigenen und lass den damit entstehenden Zauber sich entwickeln.

So wie sich die “Danke Floskel” ins Leben geschlichen hat – wird auch die Art der Wertschätzung mit etwas Gewöhnung in dein Leben einziehen und vermutlich nie mehr gehen.

Und was dann für DICH gut ist, ist es auch für dein Kind:er sowie für deine Mitmenschen, Nachbar:innen, Kolleg:innen, Partner:in usw.

Ich möchte auch noch sagen – Wertschätzung und Danke ist kein “MUSS”.

Jeder darf wertschätzen, wenn und wann es selbst gewollt ist.

Wenn z.B.: dein Kind ein Danke schwer fällt – übernehme gerne die Verantwortung und bedanke dich in Form der Wertschätzung bei eurem Gegenüber und dein Kind wird gewiss von dir lernen.

So wendest du die Giraffensprache an - Beispiele

wertschaetzende-kommunikation-beispiel

Kommen wir zu einem ersten ausführlichen Beispiel – wie wir mithilfe der Giraffensprache wertschätzend kommunizieren können:

“Als ich heute Nachmittag auf dem Sofa gelegen habe, da hast du alleine gespielt, da hab ich mich total gefreut, weil mir so eine kleine Pause wichtig ist, damit ich wieder fit sein kann – danke für deine Unterstützung.”

Dieses Danke klingt doch wesentlich intensiver – als ein bloßes “Danke”, oder?

Was steckt hinter meinem Beispiel?

Du beschreibst ohne Bewertung mit welcher Handlung oder welchen Worten dein Kind zu deinem Wohlbefinden beigetragen hat.

Beispiel:
“Als ich heute nachmittag auf dem Sofa gelegen habe, da hast du alleine gespielt…”

Welches Gefühl wurde bei dir ausgelöst? Wichtige Gefühle werden bei dir von deinem Kind ausgelöst – dein Kind trägt keine Verantwortung für deine Gefühle. Übrigens eine weitere Annahme der Gewaltfreien Kommunikation.

Beispiel:
“…da hab ich mich total gefreut…”

Welches aktuelle Bedürfnis hat sich für dich oder den anderen erfüllt?

Beispiel:
“…weil mir so eine kleine Pause wichtig ist, damit ich wieder fit sein kann…”

Ergänzend kannst du abschließend deine Dankbarkeit mit einem erfüllten Bedürfnis feiern.

Beispiel:
“… – danke für deine Unterstützung.”

Der Fokus der Wertschätzung liegt auf dem erfüllten Bedürfnis und der Transparenz. Mit einer Wertschätzung machst du viel mehr als nur “toll” zu sagen. Es hebt hervor, was du durch euer Miteinander erlebt hast.

Wichtig:

Eine Wertschätzung hat keinen Preis. Auf Sätze wie “ Weil du heute so schön mitgemacht hast, bekommst du ein Eis!” oder “Weil du mir geholfen hast, lese ich eine Geschichte mehr.” – verzichte ich. Für mich ist eine Wertschätzung selbsterfüllend.

Die Wertschätzende Kommunikation mit Kindern

Durch eine Wertschätzung und plus die Dankbarkeit am Ende teilst du deinem Kind deutlich mit, wie es dein Leben bereichert hat. Und somit wird es für dein Kind immer leichter zu verstehen sein, wie es zu deinem Wohlbefinden beitragen kann. Und das ganz ohne Druck. Es kann ganz frei entscheiden, wann, ob und wie es das machen kann.

Dein Kind lernt was Wertschätzung ist, wenn es dich und euch in der Familie beobachtet. Lebt es eurem Kind vor und ihr werdet staunen, wie wertschätzende Kommunikation langsam und doch selbstverständlich bei euch einziehen wird.

Wie könntest du mit deinem Kind aktiv Wertschätzung im Alltag integrieren?

Ich liebe zum Beispiel Abends das Feiern- und Bedauern Ritual der GfK zum Revue passieren lassen.

Hier kann eine Wertschätzung so wundervoll eingebaut werden. Und sogar starke Gefühle des Alltags können dann wertschätzend aufgefangen werden.

Beispiel:
“Heute morgen, als du alleine deinen Pullover angezogen hast, das feiere ich, weil mir Mitmachen so wichtig ist.”

Und wenn dein dabei mal Kind irritiert sein ist, dann kannst du auch das auffangen, indem du mit deinem Kind in den Dialog gehst.

“Was hast du gerade eigentlich gehört, was ich gesagt habe?”

Denn ich möchte das mich mein Gegenüber bestenfalls versteht. Und dafür braucht es immer wieder einer Form von Übersetzung, da sich alle Menschen unterschiedlich ausdrücken.

Wertschätzende Kommunikation im Kindergarten

Ab wann können wir mit der Wertschätzung anfangen? Bereits ab dem Babyalter. Ich sage gerne – es gibt kein zu früh oder zu spät – fang gerne JETZT an.

Und mit unseren Kindergartenkindern können wir Wertschätzung aktiv und gemeinsam (er)leben.

Wie könnte das konkret aussehen?

Auch die kleinen Dinge dürfen im Alltag deines Kindergartenkindes geschätzt werden wie z.B:

“Du hast gerade den Teller alleine in die Küche getragen, da bin ich ganz glücklich, weil mir ist wichtig, dass alle mithelfen. ”

Oder verbunden mit der Dankbarkeit :

“Du hast dich gerade auf meinen Schoss gesetzt, da bin ich gerade so froh, weil mir deine Nähe so wichtig ist. Danke das du gekommen bist.”

Wertschätzende Kommunikation in der Schule

Sowohl noch viele Betreuungsstätten unserer Kleinsten als auch unser Schulsystem bestehen aus Belohnung- und Bestrafung.

Das widerspricht meinem und dem bedürfnisorientierten Gedanken im Umgang mit Kindern.

Doch inwieweit können wir ad hoc daran etwas ändern? Ich glaube fest daran und sehe es an meinem eigenen Teenie-Sohn, dass das Vorleben zu Hause viel bewege, und unsere Kinder für dieses System stärken kann.

Sie lernen den Unterschied zwischen Wertschätzung und Lob kennen und werden für sich Wege finden, mit dem einen und anderen umzugehen.

Was ist jetzt nun wieder der Unterschied zwischen Wertschätzung und Lob?

Mit Wertschätzung teilen wir anderen mit, wie sie unser Leben bereichern. Mit einem Lob sagen wir, was wir richtig oder falsch finden.

Der entscheidende Unterschied ist die Intention, die dahinter steckt.

Mit einer Wertschätzung möchten wir erfüllte Bedürfnisse feiern und dem Gegenüber mitteilen, was uns wichtig ist. Mit einem Lob beurteilen wir das Verhalten anderer in unserem Denken von richtig und falsch.

Auswirkungen von Lob können sein:

Ein stärkeres Bedürfnis nach “gemocht/geliebt” werden.

Mit einem Lob kann der eigene Wille unterdrückt werden, um ggf. dann den Willen des anderen zu erfüllen, damit wir am Ende gemocht/geliebt werden.

Wertschätzung hingegen fördert das gegenseitige Verstehen, was jeder braucht.

Durch dieses Verstehen ist die Bereitschaft beim Gegenüber größer, freiwillig zur Erfüllung deiner Bedürfnisse beizutragen (ohne richtig und falsch).

Im Schulalltag könnte Wertschätzung wie folgt klingen:

“Du hast deine Hausaufgaben heute gemacht, ohne das ich dich erinnert habe. Da bin ich ganz stolz, wie du das für dich regelst, danke für dein Mitmachen.”

Oder:
“Du hast Peter bei der Aufgabe geholfen. Danke für deine Unterstützung.”

Variiere das gerne nach belieben. Du kannst auch damit spielen und mal ein “Danke für deine Unterstützung.” sagen, genauso wie:

“So wie du das gemacht hast/so wie du die Hausaufgaben machst/so wie du diesen Aufsatz geschrieben hast/ zu sehen wie du das machst – da bin ich total stolz.”

Du siehst auch ohne Bedürfnis am Ende kann hier Wertschätzung entgegengebracht werden.

Und noch ein Klassiker aus dem Schulalltag – die Matheaufgabe.

Du wirst jetzt sagen – “Kathy, da gibt es doch ein richtig oder falsch!”

Und auch hier gebe ich Beispielsätze als Impulse für deinen Alltag mit – um raus aus der Bewertung zu kommen – lass diese gerne auf dich wirken und probiere sie aus:

“So wie du die Aufgabe gelöst hast – komme ich aufs gleiche Ergebnis.”

Oder:

“Du, was du da gerechnet hast, da komme ich auf ein anderes Ergebnis. Wollen wir nochmal gemeinsam schauen – wie jeder gerechnet hat?”

Fazit

Wertschätzung ist und bleibt für mich die Feier erfüllter Bedürfnisse. Und erfüllte Bedürfnisse sind für mich die Diamanten unseres Lebens.

Es gibt kein zu viel an Wertschätzung. Bringen wir unser Leben und das Leben anderer zum Leuchten.

Viel Spaß bei der Umsetzung!